«leben würde. Wirklich fiel er eines Tages ins Meer und ertrank. Die Heldin seines ersten Romans, Ra-ahu, die Schöne von Tahiti, die dem Marineoffizier in kurzer selbstloser Liebe angehangen, lebte noch nach 30 Jahren. Aber als sie Journalisten auf d« Insel besuchten, hatte sie den Franzosen, der den Zauber ihrer schwarzen Augen so hinreißend besungen, längst vergessen. Loti ist übrigens gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch einige Zeit In Berlin gewesen und hat über seine Eindrücke Reisebriefe veröffentlicht. Der Freund des Orients und der magischen Fernen konnte freilich nur eine Karikatur vom deutschen Wesen bieten, aber es ist nicht uninteressant, daß der Hasser Englands damals für eine Freundschaft der beiden benachbarten Länder eintrat.
Eine Theatererinnerung Schopenhauers.
Im dritten Buch der »Welt als Wille und Vorstellung" hat Schopenhauer auch zu der viel erörterten Frage Stellung genommen, weshalb Laokoon, in der berühmten Marmvrgruppe, nicht schreie. Gr gibt darauf die einleuchtende Antwort: weil die Darstellung des Schreiens „gänzlich anher dem Gebiet der Skulptur liegt". Man köime aus Marmor keinen schreienden Laokoon hervorbringen, sondern nur einen, der den Mund aufreihe und sich zu schreien fruchtlos bemühe. Der bildenden Kunst sei eben die Wiedergabe dieses Affektausdrucks fremd und unmöglich. 3n andern Künsten dagegen fei die Darstellung des Schreiens durchaus zulässig, ja geboten. So besonders in der Schauspielkunst. Sophokles lasse den Philoktet schreien, und der griechische Held werbe au, der antiken Bühne auch wirklich geschrien haben. „Als eines ganz ähnlichen Falles" — so fährt nun Schopenhauer fort — „erinnere ich mich, in London den berühmten Schauspieler Kemble in einem aus dem Deutschen übersetzten Stück, Pizarro, den Amerikaner Aolla darstellen gesehen zu haben, einen Halbwilden, aber von sehr edlem Charakter: dennoch, als er verwundet wurde, schrie er laut und heftig auf, was von großer und vortrefflicher Wirkung war, weil es als höchst charakteristisch zur Wahrheit viel beitrug."
Wir können jetzt ganz genau angeben, wann und wo der Philosoph diese Aufführung gesehen hat. Aach den kürzlich bei Drockhaus erschienenen „Reisetagebüchern" des jungen Schopenhauer fand sie am 1Z. Oktober 1803 im Londoner Covent Garden statt. Es war eine glänzend besetzte Erstaufführung in diesem Hause, wo sonst meist Opern gegeben wurden, aber zunächst schien sie einen üblen Verlauf nehmen zu wollen. Der Darsteller des Pizarro nämlich kam — bezecht auf die Bühne, und nach wenigen Worten versagte seine Stimme so völlig, daß er sich gezwungen sah, die Bretter zu verlassen. Der Vorhang mußte fallen und dann das Stück mit einer Hilfskraft noch Einmal von vorn angefangen werden. Möglich, daß sich diese Vorstellung durch das tragisch« Ereignis dem Philosophen besonders tief eingeprägt hat.
Schopenhauer spricht von einem aus dem Deutschen übersetzten Stück. Tatsächlich handelt sich's um das Drama Kotzebues „Die Spanier in Peru oder Aollas Tod". Dies romantisch« Trauerspiel, dos mit äußerlichen Effekten die beliebte Lehre predigt: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen", fand vornehmlich in England Anklang und wurde mehrfach übersetzt, so von dem bekannten Lustspieldichter Sheridan unter dem Titel „Pizarro". Auch Frau von Stael, der es nicht entgangen ist, daß dies höchst moralische Kolonialdrqma zumal auf das englische Publikum gewirkt hat, ließ sich von den süßen Phrasen Kotzebues täuschen und stellt, in ihrem Buch über Deutschland, das Stück höher als die andern Dramen des in allen Sätteln gerechten Mannes.
Kotzebues Tragödien mit ihrem triefenden Edelmut und ihrer dick aufgetragenen Rührseligkeit werden dem Philosophen später gewiß lästig gewesen sein. Für Kotzebues Komödien aber ist Schopenhauer noch im Alter bis zu einem gewissen Grade einge- treten — und das spricht für seinen B ü h n e n s i n n, der bei einem mit den tiefsten Problemen der Menschheit beschäftigten Denker gewiß nicht häufig sein dürfte. Diese lebendige Teilnahme an der Welt des Spiels und Scheins, der sich ja mit seiner Illusions- Philosophie gut vereinbaren läßt, ist schon in jungen Jahren durch zahlreiche Theaterbesuche geweckt worden: das geht aus den jetzt zum erstenmal gedruckten Aeisetagebüchern Schopenhauers, die jeden Gang ins Theater sorgsam verzeichnen, deutlich genug hervor. Dr. Hermann Michel.
getrieben werden. Wer jetzt auf dem Atlantischen Ozean von Europa nach Aeuhork fährt, Samt hier und ba solche Eisberge h, der Ferne auftauchen sehen. Selten kommen die Schiffe bei dem jetzt so vorzüglich eingerichteten Aachrichtendienst in die Aähe dieser gefährlichen Eisriesen, aber mit Hilfe eines guten «tzernglases kann man sie am Horizont beobachten. Sie Ähneln den spitzen Segeln ungeheurer Segelschiffe und werden meistens in größerer Anzahl sichtbar, so daß man den Eindruck hat. als ob eine ganze Flotte gewaltiger Geistersegler von Aorden her herannahe. Diese Eisberge, die in den westlichen Ozean gelangen, haben jetzt den Schrecken verloren, den sie so lange für alle Seefahrer bildeten. Durch die drahtlose Telegraphie ist es möglich, jedem Schiff täglich die Lage der Eisberge und die Richtung genau anzugeben. In der sie sich bewegen. Jeden Tag patrouillieren Schiffe den Ozean von der Küste von Labrador bis zu den großen Schiffsrouten ab und teilen ihre Beobachtungen den Küstenstationen des internationalen Wachtdienstes mit. Diese Patrouillenschiffe sind mit starken drahtlosen Apparaten ausgerüstet, so daß sie jede Veränderung sofort ankündigen und auch alle Schiffe in der Gefahr» zvne sofort direkt warnen können. Die Aufgabe dieser Patrvuillen- fahrer gehört zu den schwersten und gefährlichsten, die der Seemannsberuf keimt. Man muß sich vergegenwärtigen, daß dies« Eisberge, auch wenn sie nur etwa 250 Fuß über die Meeresoberfläche emporragen, etwa neunmal so tief sich unter dem Meeresspiegel ausdehnen und daß manche dieser Eisungetüme fast einen Kilometer lang sind und mit großer Geschwindigkeit den Ozean durcheilen. Der Wachtdienst arbeitet aber so sicher, daß die Schiffe auf den Routen mit voller Geschwindigkeit sogar in der dunkelsten Macht fahren können, denn die Lage der Eisberge ist wohlbekannt, und eine gewisse Warnung liegt auch darin, daß beim Geraten in die Aähe eines Eisberges eine kalte Luftströmung sich bemerkbar macht, die ein alter Seemann sofort spürt. Wenn ein Schiff heutzutage einen Eisberg sichtet, so macht es durchaus nicht etwa sofort kehrt oder ändert seinen Kurs, sondern es fährt ruhig weiter, denn bet Eisberg ist ihm gemeldet und hält eine bestimmte Richtung ein, die durchaus nicht immer die Fahrtrichtung des Schiffes zu kreuzen braucht.
Schlageter.
Von Dr. AlfredGramsch.
Auf der Holzheimer Heide in starrem Karree Stehn hundert Mann der grande armSe“ — Hundert — o „glorreicher" gallischer Hahn — Um einen gefesselten deutschen Mann, Um einen Mann und ein enges Grab. — --Ein stumm Gebet schließt ein Leben ab, Ein gläubiger Aufblick zum HimmelszÄt: „Herr, du verzeihst ja, wo ich gefehlt. — Wenn mich verurteilt das Kriegsgericht: Ich tat als Deutscher ja nur meine Pflicht," Dann sieht er sich aufrecht im Kreise um. Sieht auf den Leutnant, befehlend und stumm Der hebt di« Peitsche. „Eh, boche.“ Er spuckt. Keine einzige Muskel dem Wehrlosen zuckt. Von oben bis unten nur mustert er groß Den Welschen — und wieder — und — lächelt bloß. — „Eh, boche, du scheinst nicht zu verstehn." — „O doch!" — „Eh, willst wohl um Gnade flehn?!" — — „Ein Aarr, wer von Frankreich Gnade begehrtI And — vielleicht — — ist mein Sterben auch etwas wert!!. * So löst schon die Ketten und bildet die Reih', Ihr weißen Aegerl — Sin Freier stirbt frei!" Am des Leutnants Lippen giert Rachsucht und Wut: „Pourquoi, monsieur, die Ketten sind gut!" 3n seinen Augen flackt hämischer Haß.
Aufknirscht her Deutsche: „Richt einmal das?!" Sein Auge durchbohrt, ein schneidendes Schwert, Den Welschen. — Der zittert und macht dann Kehrt, Doch die furchtbaren Augen lassen nicht los. And dabei--lächelt — der Deutsche bloß.
Dann geiferte: „soldats, kehrt zum Pfahl ihn um!" Aufbäumt sich der Deutsche. Dann schließt man ihn krumm, Tin heiser Zählen ... und dann ... vorbei....
.... Doch der Blick des Toten läßt niemand mehr frei Die toten Augen glanzlos und groß Krallen sich fest und lassen nicht los.
vchriktlsitung: August Goetz. —
Druck und Verlag der Brühl'lchen Aniv^Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
Die toten Augen schreien zum Herrn,'
„Mord!" gellt es nah; „Mord!" gellt eS fern;
„Mord!" gellt es hier; „Mord!" gellt es dort Durch die Reihen der Henkersknechte fort. .,. ... Da packt den Leutnant ein Wahnsinnsgraus And — und — und — er schießt dem Toten die Augen auS. .
Die Eisberge kommen...
Die Eisberge haben für uns eine unangenehme Aktualität bekommen, da man uns erzählt, daß sie an dem kühlen Wetter dieses „Sommers unseres Mißvergnügens" schuld sind. Tatsächlich ist jetzt die „Saison der Eisberge" herangekommen. Diese großen und kleinen Eismaffen, die m den ersten Tagen des April sich von den Küsten von Labrador loszulösen beginnen, werden erst im Juni eine Gefahr für die Schisse, da sie dann sich in großer Zahl und riesiger Ausdehnung von den Eisfeldern abtrennen und durch die südlichen Strömungen in den Bereich der großen Ozeandampfer


