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Damit verknüpften sich vielfach stärkere literarische Interessen, die ihren Ausdruck mehrfach in Sem Entstehen besonderer sogenannter „gelehrter" Logen fanden. Wenn daneben die Orden, wiederum nach dem Vorbilds der Freimaurer, von ihren Mitgliedern eine Beschäftigung mit allgemeinen Fragen des Menfchheitswohles und der Menschheitsbeglückung verlangten, so lag darin freilich einmal ein Keim für eine fernere bedenkliche Entwicklung und Entartung, der sich tatsächlich bald tri verhängnisvoller Weise für die Orden ergeben hat. anderseits wurde damit aber doch, zum ersten Male wieder seit den Tagen der Reformation, der Blick der Studentenschaft als solcher über die eigenen engen Stan des schranken zu höheren Aufgaben und Zielen hingeleakt und damtt Grundlagen für spätere fruchtbringende Entwickelungen gelegt. Was um 1770/80 hierbei ins Weltbürgerliche hinauswies, wurde ein Menschenalter später unter dem Druck der Weltereignisse von selbst ins Vaterländische, Nationale gewendet. Hier liegen damit trotz allem, was man an sich mit Recht gegen die einseitig literarischen und weltbürgerlich-philosophischen Bestrebungen der Orden ein- wenden mag. die ersten Anfänge eines vollen Anschlusses der Studentenschaft an das politisch-nationale Fühlen des ganzen Volkes, wie es sich m der späteren Entwicklung nach den bitteren Lehrjahren der französischen Fremdherrschaft und der Befreiungskriegs zum ersten Male vollendete.
Für die Weiterbildung des studentischen Verbindungswesens im besonderen bedeutete es ein für die Zukunft geradezu entscheidendes Moment des Fortschrittes, daß die Orden, wie wir schon sahen, an die Stelle des alten landsmannschaftlichen demokratischen Vrmzrps der Heranziehung möglichst weiter Kreise das aristo- krattsch-individualistische der Auswahl der Mitglieder nach per- sonilchen Eigenschaften und das Prinzip der persönlichen Freundschaft der einzelnen Mitglieder untereinander setzten. Zukunftweisend war ferner die Forderung der Orden im Gegensatz zu den Landsmannschaften, die solche länger dauernden Zusammenhänge zum Teil direkt ablehnten, sie jedenfalls praktisch nicht weiter Pflegten, daß die freundschastlichen Beziehungen, die sich zwischen den einzelnen Ordensmitgliedern während der Studentenzeit durch den Orden geknüpft hatten, ebenso wie die Beziehungen der ein» jclnen zu oem Orden als solchem über die Studentenzeit hinaus Geltung und Bedeutung für die gesamte Lebenszeit haben sollten Wir werden im späteren Verlauf unserer Darstellung sehen, welche Srunolegende Bedeutung für die fernere Entwicklung des Gemeinschaftslebens gerade diese Bestimmungen der Ordensverfassungen gewinnen sollten, wenn sie auch nicht imstande waren, den Orden selbst eine längere Dauer ihres Einflusses und Bestandes zu sichern und sie vor baldiger Entartung uiid Untergang zu bewahren.
Zu solcher verhältnismäßig raschen Entartung, die dem schnellen Wisstieg zur fast restlosen Beherrschung des studentischen Lebens -twa m den achtziger Jahren beinahe ebenso überraschend schnell olgte, wirkten verschiedeite innere und äußere Gründe mit. Der ittlichen Besserung des studentischen Lebens, wie sie die Orden in hren Anfangsjahren mit sich gebracht hatten, folgte bald wieder eine bemerkbare Verflachung und Veräußerlichung, ja ein Rückfall in die anfangs von den Orden bekämpfte Roheit des Lebens, 'die nun sogar fast noch eine Steigerung gegen früher erfuhr, so dah die letzten Jahre der Ordensherrschaft, abgesehen von dem 17. Jahrhundert, als die Zeit stärkster Verwilderung des studentischen Treibens angesehen werden müssen. Die Auswahl und Bewertung der Mitglieder erfolgte eben bei den Orden sehr bald nicht mehr so sehr Mich inneren moralischen, als vielmehr nach äußeren Vorzügen. Die gewandtesten Wortsührer, die gefürchtetsten Schläger, die größten Renommisteir genossen das höchste Ansehen und übten den stärksten Einfluß.
Dazu kam ein Weiteres. Wir gedachten schon der Hinneigung der Orden zu einem mysteriösen und formelhaften Zeremoniell. Die anfangs einfachen Ausnahmegebräuche wurden in Nachäffung freimaurerischer Sitten mit immer krauserem und geheimnisvoll anmutendem Formelkram, hinter dem der Novize allerhand Mysterien ahnen sollte, belastet. Diese inhaltlose Spielerei und Geheimnistuerei erzeugte vielfach gerade in deii Durchschnittsköpfen eine bedenkliche Äeberheblichkeit gegenüber den „Profanen", d. h. nicht in den Orden ausgenommenen studierenden Landsleuten. Diese äleberhebung rief, da natürlich trotz aller Geheimniskrämerei auf die Dauer das Vorhandensein und die Wirksamkeit der Orden auch den nicht ihnen angehörenden Studenten nicht verborgen bleiben konnten, eine immer mehr zunehmende Neigung zum Wider- Stande und zur Reaktion gegen das mehr und mehr drückend empfun- >ene Joch einer halb und halb im Dunkel bleibenden Herrschaftsclique wach.
Vermehrt wurde die Abneigung gegen die Ordensherrschaft dadurch, daß sich die Orden, zumeist unter der Führung der schon genannten „gelehrten Logen", vielfach dem Eindringen politisch- revolutionärer und philosophisch-weltbürgerlicher Ideen unter dem Einfluß der Französischen Revolution öffneten und sich damit mehr und mehr von dem eigentlichen studentischen Boden entfernten. Besonders auf den westdeutschen ^Universitäten, wo man z. B. damals ein Lied auf die Helden, die im Kampfe für den republikanischen Gedanken bei Jemappes gefallen waren, sang, machte sich der politische Radikalismus in den Orden und den von ihiren beeinflußten Studentenkreisen breit.
Alle diese Momente führten schließlich dazu, daß sich die durch den Orden für eine Zeit in den Hintergrund gedrängten Landsmannschaften wieder zum Widerstande aufrafften, ihre Reihen von Ordensbrüdern säuberten und, ittdem sie sich selbst mit neuem Wesensinhalt erfüllten, einen erbitterten Kampf gegen die Orden eröffneten, der schließlich mit einer vollständigen Verdrängung der Orden und Beseitigung ihres Einflusses endigte. Am frühesten wurde dieser Kampf in Halle begonnen und — Anfang der neunziger Jahre — durchgeführt. Es folgten Jena und die übrigen Hochschulen. Am Beginn des 19. Jahrhunderts war dieser Kampf im allgemeinen entschieden, abgesehen von Leipzig, wo er erst etwas später einsetzte, um schließlich ebenfalls mit der Niederlage der Orden und dem Sieg dort neugebildeter Landsmannschaften zu enden. Es waren nur noch sehr bescheidene Reste von Orden, die sich an einzelnen Universitäten bis an den Ausgang des ersten Jahrzehntes des neuen Jahrhunderts erhalten haben, am längsten, bis wenigstens 1812, in dem etwas abseits der lebendigen Entwicklung geratenen Wittenberg.
Geschichten von Loti.
Pierre Loti, der berühmte Dichter, dessen Tod vor einigen Tagen gemeldet wurde, war ein vortrefflicher Schilderer exotischer Stimmungen, und wenn uns auch seine farbenglühenden Szenen und Bilder aus dem von ihm so geliebten Orient etwas parfümiert anmuten, so bleibt doch in seinen „Jslandfischern" ein Meisterwerk starker Heimatkunst, das auch bei uns nicht so bald vergessen werden wird. Die Sehnsucht nach fernen Ländern, nach Fahrten und Abenteuern war in dem jungen Julien Viaud — wie er mit feinem bürgerlichen Namen hieß — die ursprüngliche Selben» schäft, von der er erst verhältnismäßig spät zum Dichten kam. Als Schiffsleutnant, dann als Kapitän, kam er nach der Türkei, nach Japan, nach Marokko, nach Palästina, und in jedem Lande wußte er sich mit schmiegsamer Anpassung in einen Bewohner dieser Gegenden zu verwandeln, gefiel sich darin, als Türke, als Japaner, als Maure, als Araber aufzutreten. Aus diesen fremdartigen Stimmungen, die ihn berauschten, entstand sein erster Roman „Ra- rahu", den er 1878 von Asien aus an die Zeitschrift „Illustration" sandte. Der Redakteur blätterte zerstreut in der Handschrift, wurde aber dann von den Zeichnungen angezogen, die den Text begleiteten, und so hatte der Dichter Loti feinen ersten Erfolg seinem Zeichentalent zu verdanken. Der Roman war wirklich ein großer Erfolg, und dieser wurde noch übertroffen durch sein zweites Buch „Azihabs", das eine wahre Sensation in der französischen Literatur hervorrief. Am meisten überrascht war der Verfasser selbst von seinem jungen Ruhm, als er von seinen Dienstfahrten auf Urlaub nach seiner Vaterstadt Rochefort zurückkam und die riesigen Mengen von Driesen unb Paketen aufgehäuft sah, die ihm von Verehrern gesandt worden waren.
Er war eigentlich eine scheue, stille Natur, und man erzählt, daß der Name „Loti" ursprünglich ein Spitzname war, den ihm seine Kameraden in der Marineschule von Laborda gegeben hatten, weil er so still und schüchtern war wie die indische Lotosblume. Sein erstes Porträt in der Literatur finden wir in einer Aufzeichnung im Tagebuch Cdmvnd de Goncvurts, in der es heißt: „Der berühmte Loti ist ein kleiner, schmächtiger, magerer Herr mit tiefliegenden Augen, sinnlicher Nase und einer matten, kranken Stimme. Er hat die Schweigsamkeit eines ungewöhnlich schüchternen Menschen, und man muß ihm die Worte förmlich aus dem Munde ziehen. Als ihn Daudet fragt, ob er aus einer Seemannsfamilie stamme, antwortet er ganz einfach mit seiner fünften Stimme: „Ja, ich habe einen Onkel gehabt, bet aus dem Notfloß der Medusa von seinen Gefährten aufgefressen wurde." Erst 1910 nahm der Fregattenkapitän Viaud seinen Abschied, nachdem er bereits längst Mitglied der Akademie und einer der ersten Schriftsteller seines Landes war. Gr lebte nun nur noch seiner Kunst, im Winter in seinem alten Familienhaus zu Rvch.efort, das er mit den Schätzen alter Kulturen und zahllosen Erinnerungen an seine Reisen zu einem Museum ausgestaltet hatte, unb im Sommer auf seiner baskischen Besitzung Henbaye, nahe dem romantischen Spanien.
Loti ist ein echter Seemann gewesen und als solcher ein Feind Englands, dessen Uebermacht jeder Befahrer der Meere zu spüren bekommt. Mit Begeisterung trat er für die unterdrückten Völker ein schwärmte für die Buren, träumte ein „Indien ohne die Engländer", geißelte in feinen ägyptischen Schilderungen die Gewalt- herrscbaft der Briten im Nilland und ist noch während des Krieges als warmer Freund der Türken, deren Leben er so feinfühlig gemalt hat, für dies Volk aufgetreten. Die schönsten Schilderungen aber hat er wohl von Ostasien geliefert, in Büchern wie „Frau Chrysantheme", „Ein Herr in Japan" oder in „Die letzten Tage von Peking", wo er die Verwüstung der alten Kaiserstadt durch die europäischen Heere beklagt. Seine höchste Leidenschaft aber galt dem Meere, und dieser Liebe hat er in den „Qslandfischern" unb in „Mein Bruber Wes" ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Der Held seines berühmtesten Romans, Bann, der geheimnisvolle Bräutigam des Meeres, der schließlich in den Wellen feinen Tod findet, war ein prächtiger Bretone Floury. Die tragifche Rolle, die er in der Dichtung spielte, war ihm unheimlich, und er glaubte immer, daß er noch einmal das Schicksal der Dichtung an sich selbst


