1922 — Nr. 48
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Neue Geschichten von Bismarck.
(2bus Gildemeisters Briefen.)
Otto Gildemeister, der hervorragende Ueberseher Dantes Ariofls and Byrons, der glänzende Essayist, zeigt sich auch als klassischer Drieffchreiber in dem soeben erschienenen Band Briese, die seine Tochter im Insel-Verlag herausgibt. Die Reife einer umfassenden Bildung und Lebensweisheit, die sich feinfühlig an- passende Kunst der Schilderung, die klare Schönheit des Stils, diese Vorzüge, die seiner Prosa airhaften, machen auch seine Schreiben zu Kabinettstücken flogen und anmutigen Plauderns, mag er nun, dem Vater von den Brüdern Grimm und Bettina, von der Aufführung der „Qlnttgone“ erzählen, mal er Luise Kugler von seiner jungen Ehe berichten oder zärtliche Lehrbriefe an die Tochter, vom feinsten Geschmack durchwehle Lebensbriefe an den Reffen richten. Inhaltlich am interessantesten aber sind die Schreiben, die Gildemeister von Berlin aus, aro er als Vertreter Bremens im Bundesrat an den geschichtlichen Ereignissen teil« nahm, an seine Frau richtete. Besonders ist es die Persönlichkeit Bismarcks, die aus der Darstellung des genialen Beobachters anschaulich hervortritt. Gildemeister war ein großer Bewunderer des „Königstigers", wie er ihn nannte, wenn er auch wirtschaftspolitisch mit ihn nicht übereinstimmte. So schildert er z. B. einen Besuch Bei Bismarck, den er mit dem Senator Bergmann zusammen abstattete. Sie mutzten etwas Warten, denn Bismarck war gerade schwimmen. „Er empfing uns," erzä'h-lt Gildemeister dann unterm 21. August 1867, „in seinem kleinen, recht netten Arbeitslabinett, gab uns die Hand und nötigte uns ins Sofa. Wir tragen nun unser Sprüchlein vor, er mit sehr ernsthaftem Gesicht aufmerksam horchend. Er hatte beim Sch.vim-i men Wasser ins Ohr bekommen und schnob sich oft stürmisch. Wir hatten hauptsächlich den Finanzminister zu verklagen, der den Hansestädten bei 'Berechnung der Dundessteuern gern das Fell über die Ohren ziehen mochte. Gr liest uns ruhig auf feinen Kollegen lvszicHm und sagte schließlich, tolr hätten im Grunde ganz recht, und er werde nicht zugeben, datz man uns zu nahe träte. Er betrachte Bremen so gut wie Breslau ober Köln als eine preußische oder deutsche Stadt. Die alte Unsitte, datz die deutschen Regierungen untereinander sich zwackten, müsse jetzt aus unserer Geschichte verschwinden. Gr sprach wie gewöhnlich etwas stockend, aber mit erfrischender Natürlichkeit, das Gegenteil eines Dureaumenschrn. Wir schieden zufrieden. Dersmann, der Bismarck nie gesehen hatte, war ganz verliebt. Er hatte sich ihn ganz anders gedacht, namentlich nicht geahnt, datz sein Wesen so viel Sanftes, „Jungfräuliches" habe, tote er es gefunden" In den nächsten Tagen trifft Gildemeister Bismarck auf einem Fest bei Herrn von der Heydt, der damals den höchsten Luxus in Berlin entfaltete. „Als wir zu Herrn von der Heydt hinausfuhren," erzählt er, „Begegnete uns Bismarck mit ,einem Sehne zu Pferde im Tiergarten. Er hatte einen etwas schäbigen Hut auf. Zehn Minuten später trat er in Generalsuniform in unsere Mitte. Es war genau, als wenn ein König tjeremföme. Das Geräusch der Konversation verstummte plötzlich. Es trat eine tiefe Stille ein, und er mutzte erst durch ungeniertes Plaudern den normalen Zustand wieder Herstellen. . .“
Auch von Bismarcks Anter halt ungskun st erhalten wir in diesen Briefen einige Proben. So berichtet Gildemeister, wie Bismarck a. a. erzählte: „Heute vormittag beim Spazierenreiten haranguierte mich im Tiergarten ein Berliner Bummler, der mich um ein Almosen bat. Der Kerl sah ganz versoffen aus.
and ich bemerkte ihm, er werde sich für das Gelb hur Branntwein kaufen. Darauf antwortete er: „Exzellenz — denn ein inkognito ist, seitdem der König mir diese Uniform gegeben hat, nicht mehr zu denken — Exzellenz, Sie können das jar nich beurteilen,, was das Leben ohne Schnaps is, es is auf dieser Welt mein einzijet Vergnügen." Da war natürlich nicht zu widerstehen. Mein Vater, der sehr zum ancien regime gehörte und nur mit äusserstem Widerstreben sich entschlosst eine Brennerei auf dem Gut anzulegen, sagte immer: „Ich mutz jetzt vor jedem Trunkenbold meinen Hut zickhen, er gehört zu den Stützen meines Wohlstands." Eine andere Anekdote Bismarcks berichtet der Drieffchreiber am 22. Mai 1868 nach Hause: „Bismarck erzählte uns heute folgende Geschichte: „Todmüde von einem Manöver geht der König im Hause einer reichen Witwe zu Bett. Kaum belastet der Leib der Majestät die Matratze, so fängt letztere an, „Heil dir im Siegerkranz" zu spielen. Entsetzt, aber ergeben, lätzt der Monarch die Melodie sich abhaspeln und wirft sich dann mit dem Gefühl der Erlösung auf die andere Seite. Aber oh weh! Die Bewegung genügt, um den Mechanismus von neuem in Gang zu setzen, und nur völliges Stillelegen vermag der loyalen Hymne Schweigen zu gebieten. „Schwer ruht das Haupt, das eine Krone, drückt!"
Für den Weltruhm, den Bismarck schon damals befaß, zeugen die Mitteilungen, die Lothar Bucher Gildemeister über den Eifer der Sammler von BiSmarck-Autographen machte. „Man mache sich keinen Begriff von der Masse von Briefen, die der Minister von ilnbeiannten aus allen Ländern, namentlich ans England und Amerika erhalte, besonders auch von Damen. Bismarck lese das Zeug nicht, sondern überlasse ihn, Bucher, die Beantwortung. Um der Rachfrage nach Aulographen zu begegnen, würden die Kuverts, die Bismarck an den König adressiere, („An des Königs Majestät — von DiSmarck"), sorgfältig gesammelt. Der König nämlich, der das Schreiben nicht liebe, schicke die Sachen mit demselben Kuvert an den Minister zurück, streiche die Worte „An des Königs Majestät" durch, schreibe darunter „An den Ministerpräsidenten" und verbinde dann durch einen langen Federstrich diese Worte mit dem in der Ecke stehenden- Namen „Bismarck". Aus diese Weise erhalten barm die glücklichen Sammler zugleich ein Autograph des Königs mit in den Kauf."
Vcmernjagd.
Von Dr. Georg Kuhn.
Was geht uns heutzutage eigentlich die Jagd an?
Dur so allgemein: Ob Heuer ein gutes Hasenjahr ist und ob die Rebhühner billig sind, interessiert. Aber alles andere ist uns ganz gleichgültig: wer sie schreht und ob er viele schießt.
Ha, wer noch selber jagen könnte! Die Zeiten sind vorbei! Kaum, datz wir überhaupt noch davon wissen, datz es einst anders war. Wenn mans bedenkt, datz früher jeder in den Wald gehen und herausholen konnte, was er wollte, und alles war fein!
Wir denken am besten überhaupt nicht daran, „sonst überkommt uns", wie schon Jacob Grimm sagt, „eine Bitterkeit, die etwas Unverjährbares hat".
Dennoch steckt vielen von uns heute noch ein Gefühl davon im Blute. Schon im Anfänge des 13. Jahrhunderts lassen sich klagende Stimmen vernehmen.
Die fürsten ttoingent mit getoatt Veit, stein, wazzer und walt, Daraus beide teilt und zam:
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