42
dringend forschend jit blicken: so als ob' er sagen wollte: „Mach ;nir nur nichts vor, ich sehe doch bis auf den Grund deiner Seele."
Auch Vater fixierte er jetzt, und dem alten Herrn war das höchst peinlich. „Ein früherer Offizier von meinem Bataillon," meinte er ausweichend. Eigentlich wollte er nicht mehr sagen; es- war doch auch genug. Nur daß es so schwer war, mit irgend etwas hinter dem Berge zu halten, wenn der Friedel seine Augen in einen hineinbohrte. So sah er sich erst uni, ob auch die Diener nicht hörten, und setzte dann hinzu: „Ein armer Mensch, dem es sehr schlecht geht. Er war am Vormittag bei mir. . ."
„Nun, wie ich dich kenne, Papachen, wird er wohl nicht umsonst bei dir gewesen sein," spöttelte Friedel. „Schade um jeden Nickel . . . oder, richtiger wohl in diesen- Falle, um jedes Goldstück. Verzeihe, aber da ist es doch besser, mau gibt es den- Militär-Hilfsverein oder sonst einer guten Stiftung, wo man weiß, daß solch eine Gabe in die rechten Hände kommt."
„Mahlzeit!" sagte Vater, warf die zerknüllte Serviette auf den Teppich und stand auf. Dieser Friedel hatte neuerdings bisweilen einen Ton, der beit geduldigsten Menschen Zur Verzweiflung bringen konnte. Mau -nußte ihm'das wirklich nächstens einmal zu Gemüte führen.
Er ärgerte sich ernstlich. Aber dann mußte er lachen. <0™ Wintergarten nebenan wurde der Kaffee getrunken, und Dodo reichte die Tassen. Nur Friedel bekam keine. Umständlich winkte sie den Diener aus dem Speisezimmer herein: „Bringen Sic die Tasse dem Herrn Assessor"
„Nanu —" rief der Bruder, der sich gerade eine üiaa- rette anzündete. „Was soll denn das heißen?"
Sie mackste einen nialitiösen Knicks. ' „Das tue ich nur, damit ich weiß, daß meine Gabe in die richtigen Hände kommt. Immer hübsch durch eine Mittelsperson." lachte ganz laut, und selbst Signe lachte. Und I schließlich, als der Diener den Wintergarten verlassen hatte, lachte Friedel selber: „Du bist eine ganz unverschämte kleine Krabbe."
Frau von Gudarcza ging leidenschaftlich gern in das Theater. Am liebsten in die Oper. Sie besaß nicht grade ein tieferes Verständnis für Musik, aber sie liebte sie sehr, hatte selbst in ihrer J-igend ein wenig gelungen, hatte Gehör und eine außergewöhnliche Gabe, Melodien sich schnell und fest elnznprägen. Es machte ihr Freude, am nächsten Morgen ganz im geheimen irgend eine Arie mit leiser Stimme vor sich herzusingen.
, Wagner lag ihr freilich nicht recht. Seine Musik war ihr zu schwer, hatte für sie -Ucht genug Melodiöses, wie sie sagte. Dafür war Signe eine große Wagirerschwärmerin. Man gab die Walküre, und schon während des ersten Aktes bemerkte Mutter, wie Signes schönes Gesicht Spannung gewann, wie ein leises femes Rot in ihre Wangen stieg. Sie fand, die Tochter hatte lange nicht so schön ausgesehen. Und nun wartete sie ungeduldig auf den Eindruck, den Signe machen würde. Denn das war sie schon gewohnt: Signes eigenartige Schönheit erregte immer und überall Aufsehen.
Nur mit halber Aufmerksamkeit folgte sie der Aufführung. Sie sann nach: mehr als ihr lieb, war es bisher bet dem Aufsehen,, das Signes Erscheinung hervorrief, gc- bl-eben; fast richtiger — bei dem Anstarren. Mair ivar I btel weniger in die eigentliche Gesellschaft hineingekommen, I al§ fte angenommen hatte. Freilich, erst hatte man ein halbes ^ahr getrauert, war anch nicht eingerichtet gewesen, j auch hatte die Saison noch nicht lange begonnen. Trotzdem: ftc hatte anderes erwartet. Der alte" Name, Signes Schönheit — nun ja nab der neue Reichtum: das alles m-rßte doch die Pforten leicht und weit öffnen. Natürlich sollten die Kinder bei Hofe vorgestellt werden. Aber das fand erst Ende Januar statt, und bis dahin waren noch zwei Monate Zeit. Bis dahin — ja was denn bis dahin? Theater — Konzerte — ein paar Wohltätigkeitsveranstal^ Lungen, ein paar Gesellschaften bei näheren Bekannten, das war alles, was in Aussicht stand. Und diese guten, neben näheren Bekan-lteit zählten streng genommen -richt einmal Jo recht zur ersten Gesellschaft. Meist waren es henf-omerte Offiziere, wie die Lockwands oder die Blue, | bergs, denen irgend eine kleine Rente als Zuschuß zur Pension gestattete, in der Reichshauptstadt zu leben. Ein Haus wirtlich ein Haus machte eigentlich feiner von I ihnen. Darauf tarn es an. Man mußte ein Sprungbrett j
I suchen, um weiter zu kommen. Sonst hätte man wahrhaftig in dem Neste, tu Körlin, mehr Geselligkeit gehabt als hier. Tu gab cs wenigstens die Regierung, da gab es den zurrt Teck recht begüterten Landadel. Merkwürdig, daß hier der Unschlußso schwer Ivar. Der gute Otto erleichterte den Arrfang freilich auch nicht. Im Grunde war seiner Bc- guernlichkeit jede gesellige Verpflichturrg ein Greuel. . 4
Rasender Beifall tobte durch das Haus. Der Vorhang war gefallen. ö
Sie blickte wieder, auf Signe. Wirklich wunderschön Zähste aus. Und im feilten Gegensatz zu dem angeregten Uusdrrick ihres Gesichtes stand ihre gerade stolze Haltung. Etwas Kühles, Herbes, Unnahbares gab ihr die — vielleicht zu Unnahbares.
... Ta war das Kind anders, Dodo. Immer mußte man dampfen. Auch jetzt wieder; so lebhaft durfte Dodo nicht fein- War das ein Flüstern und Kichern hinten. In der Walüire -— geradezu stillos und an sich ungehörig.
Mutter wandte sich um, um Otto und Dodo ein be- detitungsvolles Zeichen zu geben. Aber da trat gerade Eberhard in die Loge. Man grüßte sich, schüttelte dis Hand, und auch Signe wandte auf einen Moment bett Kvpf rückwärts: „'Tag, Hardi —" sagte sie halblaut. „Steht man dich auch mal. Du machst dich rar."
Er lachte, schalt, daß sie zu früh von der Eisbahn fortgegangen wäre, schien nicht übel Lust zu haben, mit Dodo den kleinen Zank von heute morgen scherzhaft weiter zu spinnen. Aber Signe hörte nicht mehr hin. Ihre Aufmerksamkeit wandte sich schon wieder dem Publikum zu. Musternd, suchend glitten ihre Blicke die Logenreihen entlang. Sic tasteten die Reihen gleichsam ab. Aber sie sah dabei scheinbar über alle Menschen hinweg. Kaum daß sie den Kopf bewegte. Ganz gleichmütig saß sie da, die lange, schmale Hand in beit gelbweißen Glaces leicht auf der rotsamtneu Balustrade.
Eigentlich waren ihr all diese Menschen an sich auch gleichgültig. Der herrliche Raum, die eleganten Toiletten -- das machte ihr Freude. Hier zu fein, machte ihr Freude. Auch daß man sie bemerkte, daß sich Augen und Operngläser auf sie richteten, inachte ihr Freude. Hier und dort war ja auch ein hekanntes Gesicht. Aber'int Grunde bedeutete der künstlerische Genuß von vorhin, der weitere, der noch bevorstand, ihr' mehr. Es klang in ihrer Seele nach.
Dann kam doch, auf einen einzigen, flüchtigen Moment, etwas wie stärkere Spannung über sie.
In einer der Proszeniumslogen drüben saß Prinz Ho- burg. Gerade ließ er das Opernglas sinken. Das Erkennen -mißte gleichzeitig gewesen sein. Er verbeugte sich zu ihr hinüber; sie neigte ganz wenig den Kopf. Dann sah sie absichtlich sofort nach einer anderen Stelle.
Der gute Prinz! Eine Reisebekanntschaft — ein Reise- kn rmachcr: nicht mehr. Damals, in Florenz,, war er ihr sehr willkommen gewesen. Wenigstens eine Abwechslung in dem elenden Hotelsalon der Fürstin; wenigste-is ein Mensch, mit dem man einmal ein paar andere Worte als über Kunst sprechen konnte. Sie mußte leise lächeln: nein, von Kunst verstand Prinz Bill wirklich gar nichts. Als ihn die Fran Tante einmal in die Uffizien geschleppt hatte, erklärte er feierlichst, ehe er das zum zweiten Male über sich ergehen ließe, wollte er lieber eine KVafter Holz hacken oder das große Einmaleins auswendig lernen.
(Fortsetzung folgt.)
Mittellos nach Amerika.
Erlebnisse von Kurt Ar am.
Wir entnehmen diesen Beitrag der „Gartenlaube", die in ihrer soeben erschienenen Nummer 1 eine Artikelreihe mit Kurt Arams hochiutcressantcn Erlebnissen in Amerika beginnt.
Die Schristltg^
In der Redaktion der „Gartenlaube" kam vorigen Somme« das Gespräch darauf, wie es wohl heute, wo sich die Verhältnisse sehr geändert haben, einem gebildeten Deutschen ohne Mittel tu Amerika ergehen würde. Endlich fiel der Vorschlag, doch einmal einen praktischen Versuch zu machen. 'Die Redaktion meinte: „Schicken wir eben einen gebildeten Deutschen ohne . Mittel hinüber, einen Deutschen, der Griechisch und Lateinisch auf feinem' Gymnasium gelernt hat, aber nicht Englisch, der alles mögliche weiß, aber zum Beispiel nicht, wie man sich die Schuhe wichsh kurz, einen humanistisch gebildeten-Mann ohne praktische Kenntnisse. ^n meiner Person glaubte die Redaktion ein geeignetes


