428

Riedesel und fein Vetter Johann baten um Bedenkzeit, da sie erst Familienrat halten mühten. Nie ist ein schwererer und bedeutungsvollerer Familienrat im altehrwürdigen Schlosse zn Eisenbach gehalten worden als an, jenem Märztage, an dem bie Entscheidung über Sein oder Nichtsein des evangelischen Bekennt­nisses im Riedeselschen Ländchen so schonungslos auf die Schneide des Schwertes gestellt war. Aber der Familienrat bestand in Ehren vor dem Richterstuhl der Geschichte. Tenn man kam zum Schluß, folgende schriftliche Antwort zu geben: Tie Riedefel hätten zwar stets den Abt als Fürsten, aber nie als Landesherrn anerkannt. Seit dem vergeblichen Versuch des FürstabtS Balthasar vom Jahre 1604, der durch kaiserliches Dekret 1609 zurückgewiesen worden fei, hätten die Aebte sich keine Landesherrlichkeit über bte Riedesel mehr angemaßt. Ungehindert durch die Aebte hätten diese stets ähre Geistlichen nach eignem Ermessen eingesetzt. Man bitte sie, die Riedesel, auch weiterhin in diesem ihrem Kollaturrechte un­behelligt zu lassen und ihre Landsleute mit einem! Kriegszuge zu verschonen. Tie Riedesel erhofften umsomehr, daß man sich eines Besseren zu ihnen besinnen lverde, da sie bei 7, 8 und mehr Jahren unter der Römisch-kaiserlichen Majestät Kriegsdienste ge­leistet und mancherlei ausgestanden und erlitten hätten, wie es kein adlig Geschlecht weit und breit getan habe.

Tie Antwort hatte, wie es scheint, den rechten Ton getroffen. Man hört nichts mehr von weiteren Versuchen, die Riedeselschen Pfarreien zureformieren". Dagegen konnte die Riedeselsche Stadt Lauterbach in der Folgezeit den bedrängten Glaubensgenos­sen des Schlitzerlandes eine Zuslncht fein.

(Fortsetzung folgt.)

wie Ritter Conrat Ermemberg ins heilige Land reifte.

r,Jm Jahre nach der Geburt unseres lieben Herren Christi, Tausend vierhundert und sechsundachtzig, am zweinndzwanzigsten Tage des April, der da war der zweite Tag vor Saut Jörgentag, bin ich Conrat Grünemöerg Ritter zu Kostenh ausgeritten, nämlich auf einen Freitag mit drei Pferden; und mst mir Caspar Gaisoerg, voll froher Hoffnungen eines guten Ausgangs solcher obenerwähn­ten Pilgerfahrt." Also beginnt die Schilderung einer Reise nach Palästina, die vor mehr als 400 Jahren aufgezeichnet wurde und Uns in diesen Tagen der Hauptreisezeit recht anschaulich hinein­führt in die an Gefahren und aufregenden Erlebnissen reichen Stimmungen eines mittelalterlichen Reisenden. Die inhaltsreiche Und vielfach ergreifende Erzählung, die des Ritters kunstfertige Hand durch anmutige Zeichnungen belebt, wird uns zum erstenmal zugänglich gemacht durch die Veröffentlichung der Handschrift, die I. Goldfriedrich und W. Fränzel im Rahmen vonVoigt- länders Quellenbüchern" darbieten.

Grünemberg ritt zunächst den Bodensee entlang genau wie heute die Eisenbahn führt nach Reineck, dann über Feldkirch und Vorarlberg hinüber ins Jnntal, nach Innsbruck und die alte Brennerstraße die heutige Brennerbahu hinauf bis nach Venedig. Hier gab es gar viel zu tun, denn der Reisende mußte sich einenPatron" suchen, der ihn und eine ganze Reisegesellschaft onfs Schiff in Obdach und Schutz nahm, mußte sich mit unzähligen Tingen für die weite Fahrt ansrüsten, mit Betten und Wasche, mit Schisfszwieback, Schweineschinken, mit Süßwasser und allem möglichen andern, denn der Patron, der auch nur einen Raum von 3 Spannen weit und 8 Schuh lang zum Liegen, aber kein Beit gibt, bietet schlechte und wenig Nahrung.Sein Essen ist, so er Fleisch gibt, Schaffleisch. Das schlachtet man nicht, es sei denn rotzig oder halb vor Hunger gestorben. Das wird so wider­wärtig, wer es 'mir sieht, der kann davon nicht essen. Sein Brot rst alter, abgelegener Biseot der größte Teil. Der ist hart wie ein gebackner Stein, voller Maden, Spinnen und roter Würmer " Unter den vielen mitzunehmenden Dingen, die unser Ritter auf- zahlt, befinden sich auch zahlreiche Medizinen, denn die Pilger werden leicht krank, daes unten im Schiss voller Fliegen, Würmer ^d. Kaser, Maden, Mäuse und Ratten ist". Nachdem man sich so sieben Wochen in Venedig gerüstet, fährt die Gesellschaft, unter der sich auch em Herzog von Bayern befindet, neun ganze Wochen von Venedig bis Jafa; auf der Rückreise brauchte Grünemberg sogar 13 Wochen und war int ganzen mehr als 5 Monate unter­wegs. Von schlimmen Stürmen blieb man nicht verschont:Das Schwanken und Stampfen war so groß, daß sich jedermann er­brach; damals fingen etliche an, krank zu werden". Auf der Rückfahrt übersteht Grünemberg zwei gewaltigeFortune, deren einer anhielt ohn Unterlaß zwei Tage und zwei Nächte, und ivar das Ungewitter so bös, daß man alle Porten, bereit waren fünf, mußte zurnachen". Ebenso versetzten böseMeerräuber" die armen ^.lsenden in große Not und Angst, aber dazwischen gab es auch glückliche Mommte, so das Schiffsfest, das sie am Johannisabend feterten:Die Marauier hatten ausgehängt wohl fünfzig brennende Laternen, und nahm man alle Büchsen heraus und schoß, man Feuer aus beschlagenen Kolzbüchsen und bliesen danach die Nacht vier Drornrneter und ein Tambur mit einer Pauke und sangen und tanzten miteinander die Galioteu: das ivareit bie Schiffsknecht".

Gar viele Wunder und Seltsamkeiten bekom'mt Grünemberg zu schauen und er, der sich selbstden Unersättlichen" nennt, beobachtet alles mit Hellen Augen. Endlich tauchen bie beiden Türme von Jafa auf: bas heilige Land kommt in Sicht.Und nach alter guter Gewohnheit fingen wir Pilgrim all an zu singen Te beunt landamus mit etlichen Kollekten uitb mit großer Anbacht und Freude." Zwei angstvolle Wochen bleiben sie im Hafen vor Anker, bis schließlich bie türkischen Beamten von Jerusalem ein­treffen, um sie nach bett heiligen Stätten zu geleiten. An Land werben sie zunächst inzwei Gewölbe ober Löcher" geworfen. Die Heiden tun ihnen viel Niedertracht und fordern beständigKur- tesie", mit der man sich von Mißhandlungen lvskaust.Kurtesie", also Trinkgeld, ist überhaupt der Ruf, der stets erschallt; im heiligen Laude bestand damals eine Reiseindustrie schlimmster Sorte; überall mußten Eintrittsgelder bezahlt, Reiseandeukeit gekauft und Trinkgelder gegeben werden, um die Wut der bösen Heiden zu besänftigen. Aber mehrere Pilger unterliegen beit Mißhandlungen und Unbilden, denen sie durch die Muselmänner ausgesetzt sind.Die Heiden und verleugneten Christen hatten ihre Fastnacht und Freude mit uns und lachten und schrien über uns Schubupp, Schubuppup, und ritten vor und neben uns bei anderthalbhundert Pferden." Beständigwarfen sie uns mit guten ©teilten, schüttelten mit Verlaub ihren Unrat auf uns" usw.

Den Hauptteil der Reiseschilderung nimmt nun der Besuch der heiligen Stätten ein, an denen die Pilger des Herrn Leiden und schweren Tod mit inbrünstiger Andacht nacherlebten.Und wenn wir kamen an die heiligen Stätten, so stand jedermann still, so verkündete ein Barfüßerherr und sagte mit lauter Stimme in Latem, welche Stätte das war und was da geschehen. Dasselbe sagt danach ein anderer Bruder in Französisch und Malsch, darauf sagt es ein Bruder zu deutsch, uitb dessen bedurften bie Pilger, denn da waren wohl zehnerlei Sprachen und ungleiche Reden unter uns Brüdern." An den Stationen des Passionsweges geht es vorbei zum Tempel Salomonis und beit heiligen Stätten int Tale Josaphat, burch bas goldene Tory da der Herr am Palmentag durchritt, auch nach Bethlehem, an bie Gebnrtsstätte bes Herrn, endlich zu bent heiligen Grab, von beffen harten Felsen bie Pilgrime als Anbenken ein Stückchen ab kratzten, unb zum Cal- tiarienberge. .Da wurden gesehen solche andächtige gute Christen beim Beten in Kreuzes Weise kniend, mit Trauen, bie den Pilgrim frei von ben Augen fielen, also baß sie bas Angesicht nicht be­netzten. .Unb sagte ein jeber, baß ihm in allen seinen Tagen keine Nacht unb so viel Zeit als wir int heiligen Tempel waren, nie? kürzer gewesen sei. Auch, so einer kommt auf beit Berg Calvarie, sagtest die Pilgrime fast aus einem Mund, baß keiner die halbe Kraft noch Tapferkeit seines Leibes mehr habe, so ganz erschrocken unb ernsthaft wirb einer, aus Kraft unb Gegenwart dieser aller- heiligsten Stätten."

Humoristisches.

* Immer praktis ch.Erinnerst du dich noch, Karsi wie du eines Abends meine Hand hieltest und sie stundenlang nicht loßließest? Ja, damals warst du noch in mich verliebt." Unsinn! Das tat ich doch nur, damit du nicht Klavier spieltest!"

SchachausgaSe.

Schwarz.

abedefgh

8

8

6

6

5

5

4

3

3

2

Weiß.

Weiß setzt mit dem zweiten Zuge Matt« .Auslösung in nächster Nummer.

Auslösung des Rätsels in voriger Nummert Molch, Dolch, Strolch.

viedaktton: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch, unb Steinbruckerei, R. Lang«, Gteje»