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Und als Kathinka Jockel auf den Teppich gesetzt hatte und er mit hochgehobenem Hinterteil im Dreivierteltakt davongehüpft war, faßte die Fürstin Kathinkas beide Hände und küßte die Erstaunte auf Stirn und- Wangen.
Kathinkas Stellung bei Hofe war gesichert.
Koffer auszuräumen.
Aus dem Gardeleutnant mußte nun mit einem Schlage der Thronfolger 'werden. Hans Jochen seufzte auf. Er hatte so wenig Sinn für die Ehren eines Gekrönten. Mit müder Bewegung schloß er.alle diese Erinnerungszeichen in die Geheimfächer seines Schreibtisches. Dann trat er an das Fenster, das zum Park führte. Dort grünte und blühte alles in üppiger Frühsommerpracht. Er öffnete das Fenster und beugte sich hinaus. Mit der warmen Sommerluft durchströmte ihn auch wieder neue Lebenslust. Vielleicht war es gar nicht so öde und steif am Hofe, wie crt sich es dachte, und wenn es doch unausstehlich wäre, wollte er schon Leben hereinbringen. Er war ja Thronfolger und Gebieter. Gestern abend der Hofball war allerdings sträflich langweilig gewesen, er hatte sich so geödet, daß er sich auf kurze Zeit nach der Hofloge zurückgezogen — Hofloge? Mit einem Schlage erinnerte er sich wieder der Szene in der Hofloge. Wer mochte das reizende junge Ding gewesen sein, das da ausgerechnet in die Hofloge kommen mußte, um dort ohnmächtig zu werden? Hatte sie nicht gesagt, sie gehöre ins Schloß? — Vielleicht die Tochter eines Hosbeamten. Das wäre fatal, denn dann wäre ja jede weitere Annäherung ausgeschlofsen.--
Der Erbprinz war wieder guter Laune. Das kleine Wenteuer von gestern und seine Fortsetzung stimmte wieder vergnügt, und als der Kammerdiener Herrn Hollen meldete, summte er eine der neuesten Melodien dem Metropol vor sich hin.
„Ah — lieber Graf." ,
Hans Jochen bewunderte sich selbst. Wie leicht er Hofton traf, wie schnell er sich in die schale Konvemenz eingelebt hatte. Denn der Graf zu Hollen war chm eigentlich ein höchst unsympathischer Mensch. Seinen Untergebenen ein Tyrann, gegen Gleichgestellte am Hofe von unnahbarem Stolze und gegen die höchsten Herrschaften von ausdringlichstem Devotismus — war Graf zu Hollen das Urbild eines Hosmannes. Graf zu Hollen war es auch, der peinlichst über die alte strenge Hofetikette wachte, — und nur um etwa fünf Jahre älter als der Erbprinz, hatte er sich doch zum festen Vorsatz gemacht, den so langjährig vom Hos Abwesenden in die Geheimnisse der Etikette etnzuweihen. Dies durchzusühren erschien ihm um so leichter, weil er sich der Zustimmung des alten Herzogs sicher fühlte.
Seine Hoheit der regierende Herzog Wilhelm Ferdinand! hatte ein unglaubliches Faible für den Grafen zu Hollen. Es war erstaunlich, welchen Einfluß der blasierte Herr aus den alten biederen Regenten ausübte, und Hans pochen war nicht im geringsten darüber im Zweifel, daß er ferne Rückberufung von der Armee nur den Machinationen des liebenswürdigen Kammerherrn Grafen zu Hollen zu danken hatte, wenigstens zum Weil. Den andern Teil der Last trugen | sicher die wackeligen Schultern des Oberhofmarschaltv Ureiherrn von Graul. Graul und Hollen waren die Hauptstützen der reaktionären Partei am Hofe, während die andere Partei, die gern einen etwas freieren Zug in das höfische Dasein bringen wollte, ihre Führer in dem Hofjägermeister Baron von Merkwitz und Dr. Brian, dem Geheimen Ka- I binettsrat Sr. Hoheit besaßen.
Der Fürstin stand die helle Freude auf dem Gesicht geschrieben. „Ach, Sie liebes Fräulein, — Gott, müssen Sie ein guter Mensch sein, daß sich der Asse so zahm benimmt.
die Tiere haben oft mehr Verstand wie die Menschen. Und als Kathinka Jockel auf den
Viertes Kapitel.
Der Erbprinz Hans Jochen stand in seinem Arbeits'- zimmer vor oem großen, geschnitzten Diplomatentisch und ordnete einen Stoß Papiere. Neben ihm aus einem breiten Feldstuhl stand auf-geschlagen ein mäßig großer Koffer, der dis intimsten Privatsachen Sr. Hoheit enthielt.
Born, der Kammerdiener des Erbprinzen, harrte an der Tür der Befehle seines Herrn. Hans Jochen begann nun den
-en also nun immer bei uns bleiben, und zwar als Hof- > -ame Ihrer Durchlaucht?" , c
„Ja, Vating hat es gewollt und der Herzog auch, was will ich da machen? Ihnen darf rchs wohl sagen, Herr Baron: Ich möchte am liebsten wieder fort.
Diese steifen, stupiden Gesichter überall, dieses Schar- wenzeln - - das ist nicht nach meinem Geschmack — Und dieser greuliche Hoftnarschall, dieser Zappelgrers
Der Hofjägermeister hielt nur mühsam da^> Sachen an I «cf, das kleine lebhafte Fräulein mit der treffenden, wenn auch durchaus nicht hoffähigen Ausdrucksweise gefiel ihm außerordentlich.
„Greulicher Hofmarschall ist prächtig und Zappelgreis Noch besser." Er erfaßte ihre Hand, die sie ihm auch willig überließ und sagte: „Wenn ich Ihnen als erfahrener Hofmann einen Rat geben darf, Fräulein von Hämmerling, so ist es der: Sagen Sie bei Hofe nie das, was Sie denken, mit Ausnahme mir und dem Herzog gegenüber.
Kathinka sah ihn mit großen, erstaunten Augen an Ihr kindliches Herz vermochte den Sinn dieser Worte nicht gleich zu fassen. „Ja, Herr Baron, was soll ich dann sagen? mmer b(lg $egenteii von dem, was Sie denken."
Da rief Kathinka ganz bestürzt: „Das wäre aber doch dann unwahr und Lüge."
Hm - landläufig könnte inan es so nennen, — aber'hier ist es Lebensklugheit, Konvenienz, unter Umständen Existenzbedingung.
„Das verstehe ich nicht, Herr Baron
Herr von Merkwitz drückte ihre Hand warm und fest und sagte: „Das glaube ich Ihnen gern, aber Sie werden es verstehen lernen. Hofluft ist eine strenge, unerbittliche Lehrmeisterin. Und nun genug davon. Wir wollen von etwas Heiterem sprechen, z. B. von Ihrer zukünftigen Chefeuse."
„Meine Chefeuse? Weshalb nicht Herrin?"
„Nun ja, Ihre Durchlaucht ist eine gute, alte Dams mit 1000 komischen Angewohnheiten, aber auch mit hellem Verstand und scharfem Blick."
„Ach, erzählen Sie mir von ihr, Herr Baron."
„Da könnte man Bücher schreiben. Sie werden m wenigen Minuten selbst die Ehre haben, die hohe Frau kennen zu lernen. Ich möchte Ihr Urteil in nichts beeinflussen. Uebrigens sind wir am Palais. Recht guten Anfang, mein liebes, gnädiges Fräulein." _ _
Herr von Merkwitz verabschiedete sich und Kathinka: trat zu dem Wachtposten, der vor dem kleinen Tor -es Gartenschlößchens auf- und abpatrouillierte.
„Ist hier der offizielle Eingang zu den Empsangs- gemächern Ihrer Durchlaucht?" fragte sie den Soldaten.
„Zehen Sie man rin, der Affe wird Sie schon emp- ^"^Ka'thinka wär sprachlos. In diesem despektierlichen Tone von Ihrer Durchlaucht zu reden.
Sie trat in den Vorraum. Durch die dicken Portieren drang aus dem Innern der Gemächer verworrenes Geräusch wie Schreien oder Bellen, dazwischen hindurch in hohen Fisteltönen mehrere Menschenstimmen. Kathinka schaute sich vergeblich nach einem Diener oder Portier um. So mußte sie ihren Staubmantel, den sie zum Schutze der Hoftoilette umgenommen hatte, selbst ablegen und .aushängen. Die Pariser Pendule auf dem Kamin schlug neun Uhr, und da Kathinka gehört hatte, die Fürstin sei eine Freundin präziser Pünktlichkeit, trat sie kurz entschlossen in das Empfangszimmer ein. Aber mit einem Entsetzensschrei fuhr sie zurück. Ein kleines struppiges Tier war vom Fenstersims heruntergesprungen und ihr gerade ins Gesicht, und nun klammerte sich Jockel, denn kein anderer war es, an den Spitzen ihres Kleides fest, und mit vergnüglichen Schnurren rieb, er seine borstige Wange an ihrem Kopf. Jetzt stürzten aus dem Nebenzimmer zwei Frauen, die Fürstin und Margret.
„Herr Gott!" rief die Fürstin aus, als sie Käthiuka so hilflos stehen sah, und Margret wollte hinzueilen, um die neue Hofdame von der seltsamen Umarmung zu befreien. Doch Jockel fletschte die Zähne so bösartig, daß die Kammerfrau nicht wagte, ihn anzugreifen. Um der fatalen Situation ein Ende zu machen, packte jetzt Kathinka herzhaft zu und Freund Jockel ließ sich von ihr auch ganz gemütlich berunternehmen. Sie hatte das Tier auf dem Arm und streichelte das graugrüne Fell. -
Bei der liebenswürdigen Anrede des Erbprinzen verneigte sich Graf Hollen noch um etwas tiefer, und Hans Jochen entging es nicht, wie der Kammerherr sich muhte- einen Zug des Triumphes von seinem Antlitz zu bannen. In diesem Augenblick stand der Entschluß bei ihm fest- den Kampf mit dieser Hofkreatur aufzunehmen. Mit näseln-


