Wckcn in der Kosen't'asche ksaWküch, vergnügt seine Straße gen Ehauvigni).
Aus der Landstraße, einige Kilomieter vor der Stadt, traf er einen alten Freund, der, an einen Zaun gelehnt, das Mitleid der Passanten durch konvulsive Zuckungen des ganzen Körpers fru erregen suchte. Als der Bettler Saturins ansichtig wurde, gab er sogleich seine professionellen Bewegungen auf und streckte ihm die Hand entgegen: „Du hier, ©aturitt; siehst ja ganz- passabel aus. Hast woll 'ne Erbschaft gemacht."
„Das weniger — aber ich habe 'ne famose Idee; und zwar will ich mich auch hier in Chauvigny niederlassen."
„Weiter nichts, als dem alten Freund das karge Brot schmälern; dafür brauchst du nicht just herznkomMen," grollte der andere.
„Glaubst du vielleicht, ich tvollte mich hier im Chausseestaub sielen? Weit gefehlt, mein Alter! Komnt mal mit hinüber, ins Wirtshaus. Ick) lade dich ein; dort luerbe ich dir meine ßbee entwickeln."
Im Gasthaus feierten die Freunde ihr Wiedersehen mit Käse, Brot und Laudweiu. Als sie dann beide ihre Pfeifen ange- zündct hatten, fragte Saturin obenhin:
„Wie heißt der Direktor des Gefängnisses von Chanvignh?"
„Estermotte."
„Ist er verheiratet?"
„Allerdings; und seine Fran soll sogar die Hosen atrhaben."
„Das genügt. Ich verstehe dich übrigens nicht, warum du Nicht dafür sorgst, daß du wenigstens für die Wintermonate dort nntevgebracht bist, anstatt hier aut Zaun zu frieren."
„Danke. Ich feitne das Gefängnis. Für die Pantofsel- fabrikation und den Rumsntsch kann ich mich nicht begeistern."
„Also der Direktor ist wirklich verheiratet?" unterbrach ihn Saturin ungeduldig.
„Gaitz gewiß! Willst du vielleicht uni die Hand seiner Tochter anhalten?"
Saturin blieb die Antwort schuldig. Er zahlte, und die Freunde schritten die Landstraße entlang. Saturin blickte suchend umher. Endlich hatte er einen Gendarm entdeckt, kreuzte seinen Weg und rempelte ihn kräftig an. „So machet: Sie doch Platz," schrie er dem Beamten ins Gesicht.
„Sie sind wohl betrunken," herrschte ihn der Gendarm an.
„Was wollen Sie von mir. Sie Tagedieb! Sie Schmarotzer, brüllte Saturin mit drohender Miene.
„Nun machen Sie aber, daß Sie weiterkommen," versetzte ärgerlich der Beamte und strebte an ihm vorüber. Da ergriff Saturin einen Stein und schlenderte ihn mit einem wüsten Fluch gegen die Schulter des Beanrtett.
„Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!"
Saturin winkte seinem Freunde, der sich scheu zurückgezogen hatte, ein „Adieu, mein Alter," zu und ließ sich fortführen.
Sein widerspenstiges, hämisches Gebühren währettd der Untersuchungshast und vor Gericht trugen ihm die erhoffte Verurteilung zu sechs Monaten Gefängnis ein.
Gleich am ersten Tage erklärte er deut Gefängniswärter mit wichtiger Miene, er habe Brief an die Gattin des Direktors zn schreibet:, die er persönlich kenne.
Saturin erhielt Papier und Tinte und schrieb:
„Sehr geehrte, hochgeschätzte Frau!
Ich bin ettt Kind diskreter Geburt — nicht ohjte Geldmittel. Noch kurz vor dem man mich verhaftete, speiste ich mit einem Freunde in einem Restaurant.
Warum ich mich verhaften ließ? Einzig und allein, um meiner heißen Liebe, um meiner Sehnsucht nach einer Dame willen, der ich mich um jeden Preis nähern mußte! Wäre ich nicht vornehmer Herkunft, so hätte ich mich einfach beim Diebstahl erwischen lassen. Aber ich durfte selbst für meine Liebe meinen Namen nicht beflecken.
Doch nun bin ich für sechs lange Monate in der Nabe der Frau, die ich liebe, die ich vergöttere, — in Ihrer Nähe! Ich gestehe Ihnen meine Gefühle, gnädige, geliebte Frau, mit dem Recht, das die echte Herzensleidenschaft gewährt. Ihr Anblick hat mir den Frieden der Seele geraubt! Wenn Sie mich eines Besuches würdigten, so wäre das Glück dessen vollkommen, der Sie anbetct.
Saturin de Ligngcard,
Nr. 183, Gefangener von Chauvigny."
Mit großen, steilen Buchstaben schrieb Saturin die Adresse. .Dann bat er den Wärter:
„Geben Sie den Brief der Frau Direktor persönlich; und häben Sie acht, daß der Direktor nichts davon erfährt."
Bevor der Wächter sich entfernte, fragte Saturin noch: „Sagen Sie — brauchen die Gefangenen, die Fran Estermvtte protegiert, nicht so hart zu arbeiten wie die anderen?"
„Keinestvegs! Im Gegenteil; sie erhalten täglich Fleisch, Gemüse und sogar Konfekt . . . Wir hstben da einen Neffen der Waschfrau unserer Direktorin, Na!" Er ,chnalzte mit der Zunge und trabte Humus.
In dieser Nacht um gaukelten köstliche Traumbilder Saturins Schlaf. Gebratene Hühner, saftige Braten, gedünstete Pflaumen und alle Herrlichkeiten Alexander Dumascher Kochkunst, d:e rhsti
wertvoller als die gesamte RvManliterallir dieses bedeutenden Mannes dünkte, sah Saturin im Traum.
Am folgenden Morgen in aller Frühe erweckte ihn das Oeffuen des S-chiebfensterchens in der Tür. Zugleich flüsterte eine schmalzige Stimme:
„Unglücklicher junger Mann!" Eine korpulente weibliche Gestalt schob sich durch die Zellentür. „Geben Sie niir Ihre Hand!"
Er bot ihr seine Rechte, die Madame mit fieberhaftem Druck umspannte: „Pst! Folgen Sie mir! Ich habe die Wächter entfernt! Folgen Sie mir. . ."
Sie zerrte ihn durch düstere Gange über einen engen Hof zu einem Seitenpförtchen. Hier, im Dämmerlicht der Frühe fühlte Saturin sich plötzlich von zwei fleischigen Armen uüffchlungen, zwei Lippen preßten sich sekundenlang auf die seinen. Dann ward er unvermittelt zimäckgestoßxn und befand sich, ehe er sich dessen versah, im selben Moment jenseits der Mauerpforte, auf der Straße, in: naßkalten Winterregen.
„Adieu!" hauchte die dicke Frau Estermotte. „Lebt wohl! Ihr — der Ihr Mich vielleicht verstanden hättet! Doch ich bin eine ehrbare Frau! Nur um Eurer Liebe willen habe ich Mitleid mit Euch. Ihr seid frei!"
Zur Entstehung unserer Familiennamen.
Die interessanten Ausführungen über dieses Thema in Nr. 189 der Familienblätter veranlassen mich zu einigen Bemerkungen zu demselben. .
Zum ersten Mal kümmerte ich mich nm diese Sache, als ich im Jahre 1866 nach Wachenheim in Rheinhessen als erste Stelle gesetzt wurde. Dort lebten drei Jndenfamilien, von denen die eine sich „Krautkops", die andere „Bärdig" schrieb. Das fiel mir aus und ich forschte bei alten beuten, die noch Erinnerungen aus des ersten Napoleons Zeilen hatten. Da eriuhr ich beim, daß zu jener Zeit, als aus dem linken Rheimster die Franzosen herrschlen, in Wachenheim aut dem jetzt noch vorhandenen Hofgut, das zu meiner Zeit ein Herr Steeg besaß, ein Herr von Bootzheim wohnte, ein übel beleumundeter, gewalttätiger Herr, der aus die Moralität der Ortseinwohner sehr schlecht einwirkte. Damals hatten die Juden noch keine eigentlichen Familiennamen; so z. B. hieß der eine Levi Moses, der andere Moses Levi, oder Moses Moses und Levi Levi u. s. f. Damals wurde von oben befohlen, daß jeder Jude sich zu seinem Rufnamen noch einen Familiennamen wählen mußte. Der eine nahm seine Zuflucht zur Katz, der andere zum Wolf, der dritte zum Adler. Wieder andere wählten Städtenamen, wie Worms, Bing, . Lindhenner. Mainzer: oder auch berühmte Namen, wie Wallenstein u. f.f. Ter genannte Herr von Bootzheim lietz nun Männlein sür Männlein kommen und fragte, welche Namen sie gewählt hätten. Als einer etwas zögerte, sagte er: „Warte, Du sollst einen Namen haben; Du hast einen Kops wie ein Krautkops, Du heißt: „Srautfovf*. llud nun marsch hinaus!" Dem Folgenden riet er zu: „Du mit Deinem schofeten Bart heißt: „Bärtig,,. So bekamen beide ihre Namen.
Als ich später in Nieder-Scntheim amtierte, fiel mir der Familienname „Husar" auf. Es troar eine eigentümliche, in ihrem Aeußeren von den übrigen Ortse nwohnern abstechende Menschen- art. Aus mein Befragen cr-uhr ich, daß sie Abkömmlinge eines in den Freiheitskriegen zurückgeblieben russischen Husaren seien, dessen eigentlichcn Namen man nicht gewußt habe.
Daß Ortsbewohner den Namen ihres Pfarrers manchmal nicht wissen, habe ich verschiedentlich erfahren; es ist einfach der „Pfarrer". Daß ein großer Teil unserer Familiennamen auf ursprüngliche Taufnamen zurückweisen, beweist schon der Umstand, daß eine ganze Anzahl Taufnamen, die buchstäblich zu Familiennamen geworden ist. So kenne ich einen Pfarrer Nickels, Hermann, Jakob, Michetz Paul. Nietn eigener Name wird heute noch als Taufname vertvendet. Das beweisen ferner die Familiennamen Peter, Petrus, Heinz (Heinrich), Philipps (Philipps Sohn), Belte (Valentin), bann ber Name Jost, ber in bcn Kirchenbüchern des vorvorigen Jahrhunderts stets als Vorname vorkommt. Auch Bcsipiele, baß der Ort, woher die Leiste stammen, ihnen den Name» gegeben hat, beweisen in meiner Pfarre die Wivderstem (Ober- Widberstein), Bommershenn (ein Ort bet Frankfurt a. M-), Nings- hausen (in bcn alten Kirchenbüchen Ringelshausen — ein Hof bet Hungen). , „ „ . m
In meiner Pfarrei kommt besonders hausig vor der Viatne Uhl. Derselbe weist auf das Töpserhandwerk hin, welches früher sehr stark in ber Umgegenb betrieben wurde. Jetzt ist nur noch ein Oien in Kohden unb ein Ofen in Unter-Schmitten vorhanden. Tie Töpfererde wurde unb wirb geholt in ber „Horb" bei Kohden. Aber auch ber Slawe „Töpfer" kommt vor; nur schreibt man ihn jetzt infolge falscher Aussprache des Buchstabens „T" Döpfer. Ter Name „Ziegler" weift ganz von selbst auf bas betreffende Handwerk hin. Tie Namen Baier, Schwad, Schaumburg weisen aus die Herkunft hin. Letzterer Siame hieß sogar int Kirchenbuch „Schaumburaer". Eigentümliche Siamen sind die Namen Ungefug, Unverzagt. Der letztere Name kommt auch in Gießen vor; auch ein junger Pfarrer unseres Landes trägt ihn; jedenfalls eine gute Empfehlung im voraus.
Zum Schluß noch eine eigentümliche Zusammenstellung. Bor einigen Jahren hatten wir im Dekanat Büdingen und den an-


