Die Poesie des Prosaischen ist das Werk von Dickens, nicht allein die Poesie des spezifisch englisch Prosaischen. Die drer ttemeren Erzählungen:Christinas Carol",Stlvesterglocken,,Das Heim­chen am Herd", werden ebenso gern aus deutschen wre sranzofischen und russischen Schulen gelesen. UndDie Pickwick ,Sam Weller , Pecksniff" urrdBeiseh Trotwood",. find sie nicht noch immer nnsere lieben Freunde, die sich so leicht nicht durchmoderne Typen verdrängen lassen, weil sie eben tu wetteren fünfzig Zähren cjeitau so modern, d. h. unabhängig von Paterland und Zeit,

Dickens, dessen Jugend aus Hundert Gängen in das Schuld- gefängnis, in die Leihhäuser sich reihte und in einem rat.en- belebten Keller Schuhwichse in Tiegel streichen mußte, debütierte mit humoristischen Charakterdarstellustgen Londons und schuf in denNachgelassenen Papieren des Pickivick-Klubs" einen großen, ivenu auch nur locker komponierten, so doch mit tausend leuchteiiden Lichtern eines tiefen Humors schimmernden Roman, der bis 1860 für bei* literarischen Geschmack ganz Europas maßgebend war. Jahre­lang sammelte er peinlichst das Material für ein einziges Buch. So weiß man, daß eines seiner letzten Werke,Mudfog Papers", in der Hauptsache aus Notizen entstand, die er dreißig Jahre früher zusammengetragen hatte. Nur so läßt sich die schwirrende Buntheit seiner Helden, die immer wechselnde Beweglichkeit von niemals schwächeren Szenen erklären. Aus seinen Notizbüchern erfährt man, wie langsam und ach wie wichtig! so Monat für Monat der NamePickwick" aus Pickoeek, Picknick', Peekvick, Pickwcck wurde. Und vernähmen wir ihn zur Theorie des Ronians in seinemOliver Twist":Plötzliche Verschiebungen des Schau­platzes und jähe Wandlungen von Zeit und Ort haben dnrch langcn Brauch nicht bloß in Büchern ihre Weihe gefunden, sondern werden von vielen als die große Kunst der Schriftstellerei betrachtet es wird nämlich von solchen Kritikern die Fertig­keit eines Schriftstellers in seiner Kunst hauptsächlich mit Be­ziehung auf die Dilemmas geschätzt, in welchen er seine Figuren am Ausgang eines jeden Kapitels läßt." Man sollte meinen, daß einem jeden nicht all zu flüchtigen Dickens-Leser diese tech- irische Frage, die ihre vollkommenste Lösung in unserer jungen Kinematograp'hen-Kunst gefunden hat, ausgefallen wäre. Und Dickens schildert so scharf, so Peinlich genau bis auf Falten, Flecke, geheimste Gesten, daß für seine Films nur die genialen Zeichnungen von Phix, diese 35 Federzeichnungen zumDavid Copperfield", immer wieder herauskommen müssen. Und wenn sie anders werden sollten, vielleicht ein Zwanzigstel mehr Ga- varni, ein Neunzehntel mehr Dauntier, so ist es' eben nicht Dickens mehr, dieses warme Herz, reich an Güte, Lachen und Sentimentali­tät, oder, wie ihn Thomas Carlyle nannte, dieserherzliche, anf- richtige, 'klarblickende, ruhig entschiedene, gerechte und liebende Mann."

Derselbe Carlyle beklagte 1870 den Tod von Dickens als ein Weltereignis: hiermit scheine die harmlose Fröhlichkeit der Nationen plötzlich verdunkelt. Und die LondonerTimes" rühmt vor allen Dingen dem großen Toten nach:Wir haben nicht den geringsten Zweifel daran, daß wir ein gutes Teil des regen Wohltätigkeitssinnes unserer Tage, die Teilnahme für geringere Personen und Dinge, dem Einfluß seiner Werke zu verdanken haben." Und heute ? Heute erläßt man in England für fünf Enkeltöchter des Dichters, für ihre Not, ihr Elend eine Subskription, eröffnet einen allgemeinen Verkauf von Wohltätig­keitsmarken. Hiergegen protestiert nun ein Sohn des Dichters, rühmt sich laut, daß er reich genug sei, und jede Wohltat als Beleidigung empfinde. Warum gibt er das Erve seines großen Paters nicht in aller Heimlichkeit weiter an diese fünf Mädchen, anstatt so unheimlich laut ans seine irdischen Besitztümer zu pochen! Darf man da nicht fragen, welche Romanfigur ans ihm wohl Vater Dickens einst gemacht hätte? Für ihn gab es nurgood unb wicked, Held oder Schurke, Heiligenschein oder Schandmal.

Gustav Meyrink gebührt das Verdienst, der deutschen Sprache einen würdigen Dickens' wiedergegeben zu haben. Auch der Insel- Verlag läßt, leider nur langsam, eine Auswahl durch Stefan Zweig besorgen. Ein unbekannter Vierzeiler von Emanuel Geib'el be­schließe unsern Artikel zu einem Ehrentag, der England |u«i> Deutschland brüderlich verbindet:

Keiner erkannte den Menschen wie du, glorwürdiger Brite, aber ein Höheres noch, Meister v'erehr ich an dir.

Daß du in sterblicher Brust stets klar die geheiligte Satzung trugst, nach welcher der Welt Lenker die Dinge regiert."

Vermachtes.

kf. A u ch das Brüsseler Ballet st r e i k t! Auch Brüssel hat seinen Balletausstand; seine Ursachen sind aber ganz anderer Art als die, derentwegen die Pariser Äalleteusen der Direktion der Großen Oper den Kriep ansagten. Drei Mitglieder des Corps de Ballet des Thöatre de la Monnaie sind vom fran­zösischen Unterrichtsminister mit dem violetten Bande der Offiziere der Akademie ausgezeichnet worden. Das erregte den Neid der anderen; nach dem republikanischen Grundsätze: . Gleichheit für alle" verlangen sie entweder einen Orden für alle oder keinen. Vergebens

wandte der Direktor alle seine Ueberredungskunst auf; umsonst stellte er den rebellischen Balleteusen vor Augen, daß durch die Dekorierung der drei Tänzerinnen das ganze Corps de Ballett geehr worden sei. Die Balleteusen bestanden aus ihren Forderungen und da man aus Furcht schwierige politische Fragen aufzurollm auf ihre Wünsche nicht einging, so traten sie kurzerhand in den Ausstand.

kf. Die Königin des Weißen Hauses. Das demo­kratische Amerika hat die Stellung derKömgin des Weißen Hauses" gesetzlich geregelt, und hat das Leben der Frau Präsidenttn in eine strenge Etikette eingeschlossen. Vor allem ist der Be­schluß gefaßt worden, daßKönigin des Weißen Hauses" fortan nur noch die Frau des jeweiligen Präsidenten sein soll rind reine andere Dame weder seine Schwester, noch Tochter, noch irgend! eine andere Verwandte. Sollte die Frau Präsidentin ihren Gemahl überleben, so gibt ihr der Staat eine jährliche Pension von 5000 Dollars, und außerdem genießen ihre Briefe das Recht derPorto- sreiheit". Rur zwei Damen sind so glücklich, sich dieser Fürsorge des amerikanischen Senates erfreuen zu können: Frau Garfield und Frau Grover Glebeland. Der Regentin Amerikas ist durch die Etikette in ihrer Freiheit eine arge Beschränkung auferlegt worden. Sie darf noch längst nicht jede Einladung, die ihr etwa von früheren Freundinnen oder alten Bekannten zngehen sollte, armehmett. Allein den Mitgliedern des Kabinetts darf sie die Ehre eines Besuches schenken. Nur einmal in gewissen Zeit- abstäuden ist es ihr gestattet, auch einer nicht amtlichen Veranstal­tung beizuwohnen. Es besteht ein ungeschriebenes Gesetz, daß die Präsidentin wohl eine feierliche Quadrille tanzen, aber niemals walzen" darf. Nur außerhalb der Maiteru der Residenz Washiirg- ton kann die Königin wieder das sein, was sie war, bevor ihr Mann die höchste Würde Amerikas erreichte. Eine der dann sind alle Präsidentinnen einig furchtbarsten Feuerproben, denen Amerikas Herrscherinnen unterworfen ist, ist dasHändeschütteln". Es bedarf langer Hebung, bevor man in dieser Kunst so geschickt ist, daß man ohne Gefahren für die GesundheitHände schütteln" darf. Uebrigens haben nicht alleDamen des weißen Hauses" wie der offizielle Titel der Frau Präsidentin lautet sich der anstrengenden Zeremonie des Händeschnttelns unterworfen. Frack Harrisons List bestand darin, daß sie bei den offiziellen Empfängen stets tu einer Hand einen Blumenstrauß und in der anderen einen Fächer trug. In Ermangelung einer dritten Hand der Präsidentin mußten die Besucher wohl oder übel auf das alte Recht verzichten. Von Frau Cleveland wird erzählt, daß ihre rechte Hand durch das entsetzliche Händeschütteln deutlich größer wurde als die linke; sie mußte noch in späten Jahren Violiuspielen lernen, nm auch die linke Hand so auszubilden, daß sie mit der rechten harmonierte.

Aus der MünchnerZtsgend".

* D i e enge Mod e.Was haben Sie denn da ftir ein apartes Regenschirm-Futteral?"Ja, das ist ein abgelegter Hnmpelrock meiner Fran."

* Bismarckdenkmal-Kon ku r r e n z.Unser Freuich Bansky hätte den Preis kriegen sollen! Der hätte den Eiserne« als Handlanger in der Cadiner Tonkachelfabrik dargestellt!"

* Beim Rechtsanwalt Nenmamt klingelt eine Frau.Herr Rechtsanwalt ist nicht zu sprechen," erklärt der Bureaudiener.. Die Frau läßt sich aber nicht abweisen:Ich muß ihn sprechen." Aber Herr Rechtsanwalt ist momentan für ntemanden zst sprechen."O, für mich wird er schon zu sprechen sein! Sagen Sie nur, Frau Mörder Milke wäre hier."

* Ich bin in einem Internat erzogen worden. Jeder Damen- verkehr war »ms laut Hausordnung unter Androhung der niedrigsten Sittenzensuren verboten. Der Rektor selbst übte peinliche Musterung unter unseren Briefschäften. Ich schrieb also meiner Flamme, sie möge doch künftig auf ihren Karten ihren Namen abkürzem damit ich nicht wieder ein Privatissimunt bei unseremAlten" bekomme. Am Samstag darauf werde ich tatsächlich wiedernach oben" ins Amtszimmer geklingelt. Die zwei horneingefaßte« Brillengläser sprühten mich an und dann ward mir eine Karte mit Bl'umendnft vor die Nase gehalten, Mterzeichnet: Lieschen P,

Tauschrätsel.

Zobel Ohr Hebel Ltcht Onkel Segen Lieder Fuge Eid Laube Keller Kopf Muster Mund Jagd.

Die Anfangsbuchstaben vorstehender Wörter sind mit anderen Buchstaben derart zu vertauschen, daß inan ebensoviele neue Wörter erhält, deren Anfangsbuchstaben ein Sprichwort ergebest,

Auflösung in nächster Nummer,

Auslösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Leg' deinen Kummer in ein Lächeln Und all' beiss Sehnen ist eist Lied, Damit feist lieblos kaltes Ange Deist ticles, bitt'res Herzweh sieht!

Sag' deinesr Kummer nur des« Freunde, Verschsveig' den Menschen scheu dein Leid; Sie raubest dir mit ihren Wartest

Selbst deines Schmerzes Heiligkeit. S. Barmt,

Redaktion: K. Neuratb. Rotationsdruck und Verlag der Brühi'schen Universitäts-Buch- ussb Steiubruckerei, R. Lange, Gieße»