"knapp. Aber dann kam der Aufschwung. In einem Jahre verkaufte ich alle sieben Burgen und legte mir dafür tn Charlottenburg Terrains zu, weit draußen, wo sich damals die Füchse gute Nacht sagten" .

Der Major kannte die Geschichte des Reiuhardschen Reichtums schon, denn der Onkel erzählte sie nicht un­gern. So hörte er nur mit halbem Ohre zu. Die anderen Herren lauschten, sogar der Landrat.Merkwürdig, das Gold und wie es sich zusammen findet, hat doch immer Reiz für den Zuhörer," dachte Gudarcza.Merkwürdiger uoch: für mich eigentlich nicht. Wenn's auch nrauchmal recht knapp war, wir sind ja immer so leidlich durchs Leben gekommen. Was will mau denn mehr? Höchstens der! Kinder wegen. Aber besser ist's vielleicht auch für die, wenn sie sich ihren Weg selber schaufeln müssen."

Er dachte auch daran: als er sich verheiratete, hatte er sich ton Berlin nach der Provinz versetzen lassen müssen, denn für Berlin hätte es nicht gelangt. Grad das Kom- mißvermögen hatten sie; er die Hälfte, Ida die Hälfte. Das war ihm höllisch schwer geworden, den silbernen Kragen abzulegeu, und beim Abschiedsessen im alten Re­giment waren ihm die Tränen nahe. Aber es >var doch nur ein kleines Opfer für ein großes Glück gewesen.

Onkel Reinhard erzählte immer noch weiter. Bon seinen gelungenen Grundstückspekulationen und vom Wachsen und Dehnen Berlins und wie er dann selber seine Grundstücke bebaut, hätte, anstatt sie einer Terrain-Gesellschaft in den Rachen zu iverfen. Dann und wann trank der alte Herr dazwischen, und dann und wann lachte er sein lautes, etwas auf die Nerven fallendes Lachen.

Ja und so, meine Herren! Der Leib gehört nun mal Berlin, aber das Herz. . . sehen Sie, das Herz, das ist wieder zur Kleinstadt, zu meinem Posemuckelchen, zu meinem Schilda-Buxtehude zurückgekehrt. Aus Neustadt bin ich, und für Neustadt schwärme ich bis zu meinem seligen Ende. Das heißt, 'ne Weile wollen wir das iioch mit an­sehen. Wir Alten, Exzellenz was? Wir sind von gutem Schrot und Korri. Mich schrecken die Achtzig nicht."

Geschonte Jugend" warf der Landrat dazwischen.

Sehr richtig. Und kalt Wasser außen, und Nöte innen. Das ist mein Rezept, und vom Rezeptieren versteh ich immer noch was. Schon so: keinen Doktor an' Leib lassen. Keinen Troppen Medizin, aber 'n andern guten Trappen zur rechten Zeit. Wissen Sie: der Konditor kann keinen Kuchen essen, der Schlächter rührt keine Wurst an. Sie wissen schon weshalb. Ich hab, seit ich benGoldenen Löwen" ver­kaufte, allen Mixturenfläschchen Valet gesagt. Und es ist mir bekommen was?"

Famos, Herr Senator." Exzellenz Fürdiuger zog sich den schwarzen Gehrock hinunter.Nun wird's aber doch Zeit. Was meinen Sie, lieber Gudarcza wollen wir zahlen? Fritz!"

Unser Anteil" sagte der Alte mit Betonung und legte die grünseidene Börse vor sich auf den Tisch. Doch der Major hatte sein Geld schon parat gehalten:Erlaube, lieber Onkel, du bist selbstverständlich mein Gast."

Schönchen." Onkel Reinhard nickte vergnügt, und bann stampfte er, sehr grab aufgerichtet, nach vorn, aus dem halbounklen Honoratiorenzimmer in ben hellen Laden. Hinten konnten sie, durch die halboffeiie Glastür, deut--» sich hören, wie er einen kleinen energischen Handel mit Herrn! Emke begann:Also die Wurst, Herr Soundso, und die dicke Braunschweiger da. Wenn sie nämlich garantieren, daß fein Hottehüh drin ist. Dann die große Gänseleber­pastete und ein halbes Dutzend Sardinendosen. Alles gleich zu Frau von Gudarcza. Was kost der Kitt?"

Dein Major war's schon, wieder peinlich. Er hatte den Kneifer von den kurzsichtigen Augen genommen, wischte an den Gläsern herum, lächelte ein wenig berlegeit. Aber Exzellenz Fürdiuger, der bereits den Zylinder aufhatte er war einer der wenigen Pensionäre Körlius, die stets int Zylinder gingen meinte:Ein prächtiger alter Herr, Gudarcza. Einer von den Originalen, die immer mehr aus­sterben. Den müssen Sie uns öfter herb ringen. Er wird Sie doch sicher noch ein paar Male besuchen, solange er drüben im Seebad ist?"

Da erschien Oitkel Reinhard wieder int Rahmen der Tür, die sein mächtiger Körper fast ganz ausfülltc. Er fuchtelte mit seinem spanischen Rohr in das Zimmer hin­ein:Wo bleibst du denn, Otto? Es rasselte grabe -in Droschkong vorbei hier rasselt's doch noch wirklich auf

eurem Pflaster, ben hat uns ber Proprietair angehalten. Komm nur, Gnrdarcza, sonst wird beine Ida ungnädig."

Im Laden stand Herr Emke, hatte sein Käppchen in der Hand und machte den Herren vier tiefe Diener; den! teifsten dem letzten der Vorüberschreitenden, dem Laubrat. Man konnte ja nie wissen, wozu es gut war. Unb bann eilte er hinterdrein, uno half ben Korb mit ben Einkäufen in die Droschke verstauen.Sollte bas nicht herausge>f schickt werben?" fragte ber Major abwehrend. Aber der Alte erklärte:Laß nur" winkte ben beiden anderen Herren, die noch, einen Augenblick vor der Tür stehen ge­blieben waren, einen Gruß zu, lehnte sich dann, als der Wagen anfuhr, weit zurück unb schien sofort einzuschlaftn. Dia mächtigen Beine hatte er so weit von sich gestreckt, als der enge Raum überhaupt erlaubte, ber rote Kopf mit bem Panamahut sank ganz tief auf die Brust herab.

Es war ein ziemlich weiter Weg bis zur Ettsenstraße, wo Gudarcza wohnte, seit er ben blauen Brief erhalten hatte und hierher, in bas billige Nest, gezogen war. Hart an ber Grenze des Städtchens lag fein Haus. Man mußte fast durch die ganze Hauptstraße, und der Major, den alle Welt kannte, sah die vielen Verwunderten und so manches! amüsierte Gesicht. Es mochte ja and} einen komischen Ein­druck machen: er bescheiden in die eine Ecke gedrückt, in der anderen der schlafende Hünengreis und zwischen ihnen der große Korb, ber seine Herkunft von Ph. K. Emke & Sohn nur allzudentlich verriet.

Peinlich war's. Ueberhaupt, bei aller verwanblschasch lichen Zuneigung, etwas Peinliches hatte solch Besuch immer.

Ob das Exzelleuz wohl ganz ehrsich gemeint tjatte,- das vorhin:Ein prächtiger alter Herr?" Fürdiuger war nicht umsonst persönlicher Adjutant des Herzogs von 'Altena berg gewesen; er hatte immer noch solche Hofluftnotean sich, suchte immer und überall liebenswürdig, verbindliche konziliant zu sein.

Prächtiger alter Herr." Nun ja ja doch. Wer ein bissel Protz dazu, ober wenigstens eine ausgesprochene Freude am Besitz, um es gelinder auszudrücken. Unb ein Genußmensch von der grobkörnigen Art, ganz aufs Ma-, terteile gestellt.

Gudarcza schielte nach rechts auf den schlafenden Riesen.

. . . Gottlob, daß man nicht auf den reichen Onkel an­gewiesen gewesen war. Gutmütig war er ja; geizig war er auch nicht, sogar gebefroh in feiner Art, immer ein wenig an der unrechten Stelle, mit einem Hundertmarkschein ans der Westentasche für die Kinder: da, mein Junge< Vater braucht davon nichts zu wissen. Das schlugen der Eberhard oder der Friedel dann auf den Kopf, an einem Tage vielleicht, gewöhnten sich alle möglichen unnützen Bedürfnisse an und vergaßen ganz, daß zu Hause eigentlich immer Schmalhans Küchenmeister war.

. . . Nein, das doch nicht. Das war übertrieben. Man war bisher mit Anstand durchgekommen. Knapp ja; aber gelangt hatten die Pension und die paar Zinsen immer noch Daß man sich manches hatte versagen müssen, sich und den Kindern nun, das schadete am Ende nichts . .

. . . Aber komisch war's. Komisch war's doch: tvir machen: an jedem Ersten viernndzwanzig Kassen unb legen in gebe die paar Dittchen. hinein, und mir müssen manchmal! am 20. die eine die andere anpumpen lassen. Und haben dabei einen Onkel, unverheiratet, keinen Verwandten außer uns, mit einem Vermögen, das man auf eine Talermillivu schätzt.

. . . Wenn der einmal die Augen zutnt.

Es war nur ein ganz, ganz flüchtiger Gedanke, und' Gudarcza schämte sich sofort. Er fühlte förmlich, daß eine feine Röte über sein Gesicht jagte. Daran auch nur zu denken!

Aber er dachte doch weiter daran. Mit leichter Weh­mut sogar: etwas fiel ja natürlich Jdchen zu. Ein Bruche teil. Mehr kaum. Denn über den Hauptteil seines Ver> mögens verfügte Onkel zugunsten irgend einer Stiftung. Das hatte er oft genug ausgesprochen, aber das Wie, Wie­viel, Wofür hüllte er immer in Dunkel.

Schade dachte der Major und schämte sich wieder. Der elende Mammon als ob der elende Mammon einen glücklicher machen könnte. Pfui Deubel, daß doch jeder Mensch solchen moralischen Schweinehund in sich trägt . . .

Na, gottlob, da war ja die Eliseustraße. Und da guckte auch Dodos Pudelkopf zum Fenster hinaus. Ganz gewiß war Ida itngebulbig geworden und hätte das Kind auf Ausschau postiert. (Fortsetzung folgt.)