616 -s

Mich für das letztere, als der Gesundheit Zuträglichere. Denn Aufregungen sind nicht nur Aufregungen, sondern auch An­regungen. Und wie traurig verläuft ein Leben ohne Anregungen. .Eine Schönheit, die sich ewig gleich bleibt, ist keine Schönheit mehr. Schönheit ist niemals Stillstand, sondern immer Ver­änderung. Der Reiz des Häuslichen ist nur die Folge der Uebersättigung mit Schönheit. Unser Leben baut sich auf Gegen­sätzen auf. Wo kein Licht da ist, hat der Schatten keine Be­rechtigung. So kann der Zauber ruhiger Tage nur durch die Kontrastwirkung mach den stürmischen zur Geltung kommen. Wir brauchen die Aufregungen, damit uns die Ruhe eine wirkliche Muhe fein kann.

Diese Wahrheit dämmerte mir einmal, als ich eine Dame kennen _ lernte, die über allerlei nervöse Beschwerden klagte und sich, wie sie glaubte, infolgedessen unglücklich fühlte.

Tie Dame führte das ruhigste Leben von der Welt. Ihr Mann, ein angesehener Beamter, kam täglich um drei Uhr nach­mittags aus dem Amte nach Hause und hatte keine andevÄ -Interessen als seine Frau und seine Kinder. Sie gingen dann zusammen spazieren, musizierten oder lasen bei schlechtem Wetter tn schönen Büchern. Ter Mann betete seine Frau an und war voller Aufmerksamkeiten für sie. Was fehlte ihr zum vollkom­menen Glücke? Denn es gab Zeiten, da diese Frau sich geradezu unglücklich fühlte. Sie wurde dann verstimmt und einsilbig, klagte über verschiedene körperliche Beschwerden- für die sich niemals eine organische Grundlage finden ließ, und zeigte jene lersen Andeutungen von Lebensüberdruß, die sich hinter flüchtigen Angstgefühlen zu verbergen pflegen.

Einmal in einer stillen Stunde, wie sie uns der stürmische Drang des Tages so selten vergönnt, öffnete sie mir ihr Herz- Das eintönige Leben, ein Tag wie der andere, erscheint ihr manch­mal unerträglich. So frevelhaft es klingen möge, selbst die Krank­heiten ihrer Kinder dünkten ihr schon ein Erlebnis und eine Ab­wechslung, und ich wisse ja am heften, wie sie ihre Kinder liehe. Manchmal habe sie geradezu denverrückten" Gedanken, wenn ihr Mann nur nicht so ein Mustermann wäre! Wenn es nu*r einmal eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei gäbe! Der ganze Jammer einer zu glücklichen Frau, die das Unglück nicht kennt, tat sich vor mir auf. Ich mutzte an den Aufschrei Tann­häusers denken:Wenn so ein Gott genießen kann, ich bin dem Wechsel untertan",Aus Freuden sehn' ich mich -nach Schmerzen!"

Tie arme Frau! Biele werden über dies Mitleid lächeln und denken: Tas Unglück eines Glückes ist noch zu ertragen! Aber die Frau war wirUich zu bedauern! Ihr Herz schrie nach einem Erlebnis. Sic sehnte sich nach Aufregungen. Sie wollte brennen, und lodern und empörte sich gegen ein Leben, in dem sie langsam verkohlte. Welch ein drückender, unerträglicher Gegen­satz zu ihrer Kindheit, in der sie die Phantasie mit vollen Segeln in das Zauberland der unbeschränkten Möglichkeiten entführt hatte. Und was hatte ihr das Leben gebracht? Eine einzige schöne Wirklichkeit. Aber nur eine einzige.

Wer diese Frau nicht versteht, der wird auch nicht begreifen, daß Männer und Frauen untreu werden, einfach um irgend etwas zu erleben, was sie ausregt. Manche sprechen es offen aus, wenn eine flüchtige Episode ihres Lebens sie mit der Sünde und Sorge bekannt gemacht hat: Wenigstens habe ich jetzt irgend etwas erlebt!

Ter Schrei nach wirklichem Leben, nach lodernden Stunden voller Erregung, nach einem anfpeitschenden Anspannen aller Nerven klingt durch die Stille der ruhigen, trauten Häuslichkeiten, in benett die endlosen Stunden wie blutleere Gespenster durch die stillen Räume schleichen. Was suchen die Menschen in den span­nenden Romanen, in den Detektivgeschichten, anderes als Auf­regungen? Wie drängen sie sich in die Theater, um fremdes Lehen mitleben zu können, da ihnen eigenes versagt ist! Gerade die aufregenden, die lebensvollen, alle Nerven anspannenden Stücke sind es, zu denen die meisten Leute strömen. Kondensierte Lebensextrakte zur Bereitung falscher Lebensgefühle! Wie konnte sich die Irrlehre verbreiten, daß etwas, das die Menschen so dringend brauchen, schädlich sein köntte und Nervosität erzeuge? Wie häufig hat der Arzt Gelegenheit, sich vom Gegenteil zu über­zeugen! Schon alte Beobachter haben hervorgehoben, daß nervöse Menschen sich bei Kleinigkeiten sehr erregt und ungeschickt be- nehmen, während sie den großen Anforderungen des Lebens gegenüber überraschend gut abschneiden. Menschen, in ruhigen Zeitläuften keiner selbständigen Entscheidung fähig, die drei Per­sonen fragen müssen, ehe sie sich einen neuen Hut kaufen, werden plötzlich vor große Aufgaben gestellt und entwickeln eine Energie und eine Tatkraft, über die niemand mehr verwundert ist als sie felber.

Wir ahnen ja eigentlich kaum, was alles unter Umständen ein Heilmittel sein kann. Der Franzose Tavcruicr, ein ehemaliger Juwelier, der sich durch seine Reisen einen Ruf erwarb, litt stark an Podagra. Als er sich im Jahre 1827 in Aegypten befand, geriet er mit einem Aga in Streit, infolgedessen der wütende Türke ihm ohne weiteres die Bastonade geben ließ. Dies etwas schmerzende und unangenehme Ahenteuer hat Tavernier dauernd .von seiner Gicht geheilt. Viele mögen glauben, die etwas ener­gische Massage der Fußsohlen habe diesen wundervollen Erfolg gezeitigt. In Wirklichkeit war schon den ältesten -Aerzten bekannt, daß große Erregungen ein herrliches Mittel gegen die Gicht dar- stellen. Einen Gichtanfall soll ein Wutausbruch am besten flirteten

können; welche Methode in früheren Zeiten tatsächlich in Schwang war, indem Gichtkranke fürchterlich zu fluchen und wettern pflegten- wenn der .Anfall kam, und dabei auch eine große Erleichterung verspürten. .Allein die künstliche. Aufregung ist nur ein minder­wertiges Surrogat, das die große, von außen kommende Erregung nicht ersetzen kann.

Biete Menschen leiden an Willensschwäche, weil ihnen das Leben keine Gelegenheit gegeben hat, ihre Fähigkeiten zu erproben und etwas zu leisten. Leben heißt eigentlich, alle seine Energien verwerten, alle seine Fähigkeiten ausbilden, schaffen und ringen.-. Was spielt es dabei für eine Rolle, ob man sich mehr oder weniger aufregt?. Wir wollen nur wissen, wofür wir uns auf­regen. Ist es eine große Idee, ein großes Werk, ein großes Ziel, so werden uns diese Aufregungen sicherlich nicht schaden. Wenn wir aber unsere seelischen Kräfte im kleinen Alltag zer- splittern müssen,- wenn wir mit Gevatter Hinz und Kunz kämpfen müssen, statt mit vollen Segeln dahineilende Schiffe zu treiben,- dann bemächtigt sich unser Trotz und Empörung üher ein Schick­sal, das uns dazu verurteilt hat, zu leiden, wo wir schaffen wollten- zu vegetieren und zu träumen, wo wir blühen Und wachen wollten.:

Darum soll der Mensch trachten, sich eine große Reihe von Aufregungen zu ermöglichen. Wer den lebendigen Sinn für Kunst, und Naiur gewahrt hat, der hat auch immer Aufregungen! die Hülle und Fülle, der hat immer die Möglichkeit, zu brennen und zu lodern. Dessen Blut kann rascher durch die Ädern laufen,- und in seinem seelischen Feuer schmelzen auch die körperlichen Schlacken. Darin sehe ich die Erklärung des sonst Unerklärlichen,- daß Künstler, die in einer Welt von ständigen Erregungen leben, so lange jung bleiben, daß Gelehrte, die nur zwischen staubigen Büchern und dunstigen Laboratorien pendeln, so lange rüstig und unverbraucht arbeiten. Das Leben ist eine Wunderkerze wie Aladins Wunderlampe. Je rascher und stärker sie brennt, desto länger brennt sie. Wer vom Leben am meisten ausgibt, der leht am längsten. In der eigenen Flamme wachsen die Kräfte, und aus der Asche der Leidenschaften erhebt sich immer wieder mit unversehrten Flügeln dem Phönix gleich die Freude am Schaffes und Genießen-

Die ttüche im Oktober.

Bon A- Bnrg.

Es istin diesen Zeiten der Fleischteuerung ein schwacher Trost, darauf zu hoffen, daß mit der Jagdzeit das Wildbret und mit der Gänsezeit die Gänse billigen Ersatz bieten. Die Erfahrung lehrt anders, und das einzige sagen wir Halb­wildbret, welches vielleicht einen annehmbaren Preis hat, ist das Wildkaninchen, das sich neuerdings viel mehr als früher auf dem Lebensmittelmarkt findet. Meist kostet das Stück 1 bis 1,25 Mark, und es wird oft behauptet, daß der Geschmack des Kaninchens dem Hasen ähnlich ist. Allerdings ist es bedeutend heller und muß, um herzhaft zu schmecken, 12 Tage in mildex Efsigbeize liegen. Dazu kocht man den Essig mit Zwiebelscheiben- Gewürz, Lorbeerblatt, Pfefferkörnern, wenn man will, auch mit einigen Wachholderbeeren, auf und gießt ihn heiß über das gut zurechtgemachte und gehäutete Fleisch. Eine feinere und sehr schmackhaste Beize stellt man von halb Rotwein, halb wildem Essig her. Man läßt den Essig mit den anderen Zutaten auf» kochen, gießt den Rotwein dazu und läßt die Mischung heiß werden aber nicht kochen, da sich beim Kochen das seine Aroma des Weins verflüchtigt! Nach dem Abtrocknen werden die Kaninchen gespickt und in Butter mit Zugabe von etwas saurer Sahne oder von der durch ein Sieb gegossenen Rotwein­beize gebraten, wie man Hasen brät.

Auch ein feines Ragout läßt sich von einem (dann natürlich vor dem Kochen in Stücke zerlegten) Kaninchen bereiten, doch tut man gut, es auch zu diesem Zweck vorher für 12 Tage zu. beizen. In Frankreich, in dessen Küche das Wildkaninchen (Lapin) eine große Rolle spielt, wird es nach dem Herausnehmen aus der Beize in Stücke zerlegt und diese mit Zitronensaft beträufelt, in Mehl, Ei, dann in geriebener Semmel gewendet und in siedendem Schmalz schäumend zu schöner Farbe gebacken.:

Vom gehackten Fleisch eines rohen, ungebeizten Wildkanin­chens stellt man durch Mischen mit geschabtem Speck, 12 Eiern­geweichter und geriebener Semmel, Pfeffer, Salz, nach Belieben auch geriebener, in Butter gar gedünsteter Zwiebel, etwas ge­hacktem Thymiankraut und Petersilie einen gut haltbaren Teig her, den man tote ein Brot formt, nach Gefallen spickt oder un- gespickt läßt und in Butter mit Zugabe von saurer Sahne brät. Man kann auch aus dieser Masse kleine, flache Kuchen formen und in Butter oder Fett auf beiden Seiten auf der Pfanne Braten. Sie sind sehr gut als Beilage zu allen Gemüsen und Kartosfelgerichten.

Von Mitte des Monats an wird es auch Wildschwein geben- dessen Kochfleisch oft wohlfeil ist, während Rehwild (und Hase) immer ziemlich kostspielig ist. Von billigem Hirschwildbret stellt man. vorteilhaft Steaks her, d. h. man schabt das Fleisch ober läßt es burch bie Maschine gehen, mischt es mit ein wenig geschabtem Speck ober zerlassener Butter, Pfeffer ttnb Salz (auch eilt Löffel Sahne ist gut barait), formt flache Kuchen, wie zu beutschen Beefsteaks, daraus und brät sie auf der Pfanne schnell auf beiden Seiten.