536 —
Mr Ewigkeit, solange ich noch in dieser entsetzlichen Spannung lebe. Gage ihm, daß es nicht ein Beweis von mangelndem Vertrauen ist, wenn ich ihn erst jetzt ilutt Rat frage; ich war seit jenem Schicksalsschlag wie von Mnnen. Jetzt bin ich zwar wieder zu mir selbst gekommen, doch wage ich kaum an die Geschichte zu denken, weil ich einen Rückfall fürchte. Noch fühle ich mich nicht einmal stark genug, um selber zu schreiben und muß diese Zeilen diktieren.
Nicht wahr, Du kommst mit Deinem Freunde zu Deinem alten Schulkameraden
Percy Phelps.
Es lag etwas so Hilfloses und Rührendes in der Art, wie er mich wiederholt anflehte, Holmes zu ihm zu bringen, daß ich nichts unversucht gelassen hätte, um seinen Wunsch zu erfüllen. Doch kannte ich Holmes gut genug, um Ku wissen, daß er jedem Klienten seine Dienste aufs bereitwilligste zur Verfügung! stellte, wenn es galt, seine Kunst auszuüben. So beschloß ich denn, ihn ohne Zögern aufzusuchen und betrat schon eine Stunde nach dem Frühstück meine frühere Wohnung in der Wakerstraße.
Sherlock Holmes saß int Schlafrock an einem Seitentisch und war eifrig mit einer chemischen -Analyse beschäftigt. lieber der bläulichen Wamme des Bunfenbren- uers siedete und brodelte in der Retorte eine Flüssigkeit, deren destillierte Tropfen sich in einem Zweilitermaße sammelten. Als ich eintrat, hob mein Freund kaum den Mick; das Experiment, welches er vorhatte, mochte wohl sehr wichtig sein. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl und wartete, während er seine -Pipette bald in diese, bald in jene Wasche eintauchte. Endlich trat er mit der fertigen Lösung int Reagensglas vor mich hin, in der Rechten einen Streifen Lackmuspapier haltend.
„Du kommst gerade in einem kritischen Moment, Wat- on," sagte er. „Behält dies Papier seine bläue Farbe, o ist alles gut; wird es rot, so kostet es ein Menscheneben." Er tauchte es in das Glas und sofort nahm es eine schmutzige, feuerrote Färbung an. „Hm, ich dachte es mir wohl," sagte er. „In -einem Augenblick stehe ich dir zu Diensten, Watson. Nimm dir Tabak aus dem persischen Pantoffel." Er setzte sich an das Pult, schrieb mehrere Depeschen und übergab sie seinem kleinen Diener. Dann warf er sich in den Stuhl, der mir gegenüber stand, schlug seine langen, dünnen Beine umeinander und faltete Die Hände über dem Knie.
„Ein sehr alltäglicher kleiner Mord," sagte er. „Vermutlich bringst du mir etwas Kesseres. DU bist der Sturmvogel, der ein Verbrechen ankündigt, Watson. Was gibts denn?"
Ich reichte ihm den -Brief, den er mit großer Aufmerksamkeit durchlas. „Sehr viel läßt sich nicht daraus entnehmen, wie mir scheint," sagte er.
„So gut wie nichts."
„Doch interessiert mich die Handschrift."
„Es ist nicht seine eigene."
„Eben darum. Eine Frau hat den Brief geschrieben." ^Bewahre, es ist eine Männerhand/" rief ich.
„Nein, die Schrift einer Wau vott seltener Charakterstärke. Es ist beim Beginn einer llntersuchung von Wichtigkeit zu wissen, daß der betreffende Klient in naher Beziehung zu einer Person steht, welche hervorragende Gabelt besitzt, im guten oder bösen Sinne. Ich fange schon an, mich für den Fall zu interessieren. Wenn btt nichts anderes vorhast, wollen wir gleich nach Woking fahren, um den Herrn Diplomaten aufzusuchen, der in solcher Klemme steckt, und uns die Dame anzusehen,.der er seine Briefe diktiert."
Wir hatten gerade noch Zeit, den Bormittagszug auf der Waterloo-Station zu erreichen; eine etwa einstündige Fahrt brachte uns nach den Fichtenwäldern und dem Haide- l'and von Woking. Krierbrae erwies sich als der Name eines Hauses, das inmitten ,weitläufiger Anlagen in geringer Entfernung vom Bahnhof dalag. Als wir unsere Karten abgegeben hatten, wurden wir in eilt vornehm ausgestattetes Empfangszimmer geführt, wo uns schon nach kürzester Frist ein -etwas wohlbeleibter Mann aufs gastfreundlichste begrüßte. Er mochte -eher vierzig als dreißig Jahre alt sein, aber seine roten Pausbacken und munteren Augen gaben ihm das Aussehen eines dicken, durchtriebenen Jungen.
„Wie froh bin ich, daß Sie da sind," sagte er, uns die Hände schüttelnd. „Percy hat den ganzen Morgen über
nur immer nach Ihnen gefragt. Mr Aermste klammert sich an jeden Strohhalm. Ich soll Sie auch im Namen seiner Eltern willkommen heißen; schon die bloße Erwähnung der Angelegenheit ist ihnen äußerst, peinlich."
„Wir haben noch gar nichts Näheres darüber gehört," versetzte Holmes. „Sie selbst sind offenbar kein Mitglied der Familie."
Der Herr sah überrascht auf, dann erwiderte er lachend:
„Sie werden wohl das I. H. auf meinem Siegelring bemerkt haben. Ich wollte schon über Ihren Scharfsinn stauiten. Mein Name ist Josef Harrison, und da Percy mit meiner Schwester Anna verlobt ist, zähle ich bald wenigstens zu den angeheirateten Verwandten. Sie werden meine Schwester bei ihm int Zimmer finden; sie pflegt ihn seit zwei Monaten ohne Rast und Ruhe. Gehen Sie lieber gleich zu ihm, ich weiß, mit welcher Ungeduld er aus Sie wartet."
Das Gemach, in das man uns wies, lag im nämlichen Stockwerk und diente zugleich als Wohn- und Schlafzimmer; zierlich geordnete Blumen, die aus Gesimsen und hier und da in den Ecken standen, gaben ihm ein freundp liches Aussehen. Auf einem Sofa am offenen Fenster, durch das die laue Sommerluft und die Wohlgerüche des Gartens hereinströmten, lag ein junger Mann mit bleichen, eingefallenen Wangen. Ein Mädchen, das neben ihm faß, stand auf, als wir eintrateu.
„Soll ich fortgehen, Percy?" fragte sie.
Er hielt ihre Hand fest, so daß sie bleiben mußte und begrüßte mich Herzlich. „Wie geht's dir, Watson?" fragte er. „Du hast dich sehr verändert, das macht der Bart. Mich hättest du wohl auch kaum wiedererkannt. Der Herr ist vermutlich dein berühmter Freund Sherlock Holmes?"
Ich stellte ihn mit kurzen Worten vor und wir setzten uns beide. Der dicke, junge Mann hatte sich entfernt, aber seine Schwester nahm neben dem Kranken Platz, der ihre Hand nicht losließ. Sie war eine ungewöhnliche Erscheinung mit den großen, dunkeln, italienischen Augen, der schönen Olivenfarbe des Gesichts und der reichen Fülle tieffchwarzen Haares, nur die Gestalt war etwas zu kurz und gedrungen. Ihre blühenden Farben machten die Blässe und Magerkeit des armen Phelps nur noch auffallender.
„Um so wenig wie möglich von Ihrer Zeit in Anspruch zu nehmen, will ich Ihnen die Sache ohne alle Umschweife vortragen," sagte er, sich aüf dem Sofa in die Höhe richtend. „Ich war ein lebensfroher, vom Glück begünstigter Mann und stand int Begriff, mich zu verheiraten, als ein unerwartetes furchtbares Mißgeschick plötzlich meine ganze Zukunft zerstörte.
„Watson hat Ihnen vielleicht mitgeteilt, daß ich eine Stelle im Auswärtigen Amt bekleidete. Durch Lord Hold- hursts, meines Onkels, Einfluß w-ar ich rasch auf einen verantwortlichen Posten gestellt worden. Als mein Onkel Minister des Aeußeren wurde, gab er mir verschiedene, wichtige Aufträge, die ich stets so glücklich zum Abschluß brachte, daß er zuletzt ein unbegrenztes Vertrauen in meine Umsicht und Leistungsfähigkeit setzte.
„Vor etwa zehn Wochen — oder nm ganz genau zu sein, am 23. Mai — rief er mich in sein Privatzimmer, lobte mich wegen der guten Dienste, die ich ihm bisher geleistet und- teilte mir mit, daß er mir wieder die Ausführung eines wichtigen Geschäfts anvertrauen wolle.
„Dies hier," sagte er und nahm eine graue Papierrolle aus seinem Schreibtisch, „ist das Original eines geheimen Vertrages zwischen Englatid und Italien. Zu meinem größten Bedauern sind schon Gerüchte über seinen Inhalt durch die Presse an die Oeffeutlichkeit gedrungen, und es ist von ungeheurer Wichtigkeit, daß nichts Näheres bekannt wird. Die französische und die russische Gesandt- schaft würden gern große Summen bezahlen, um sich einen Einblick in diese Schrift zu verschaffen. Am ltebsten behielte ich die Papiere ganz bei mir ttn Schreibtisch, wäre es nicht unumgänglich nötig-, eine Kopie davon anfertigen zu lassen. Du hast doch einen Pult mit gutem Verschluß m deinem Bureau?"
„Jawohl." .
„Dann nimm den Vertrag und schließe ihn sorgfältig ein. Ich werde es einzurichten wissen, daß du nach Schluß der Geschäftsstunden allein zurückbleiben und die Abschrift ungestört machen kannst, ohne zu fürchten, daß man dich dabei beobachtet. Wenn du fertig bist, schließe Original


