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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von MühlaiL (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Jnr selben Augenblick begannen draußen die Glocken zu läuten. Wie ans weiter Ferne kommend, drangen die Klänge in das stille Zimmer herein.

Der Doktor !var ans Fenster getreten, an dem Fran von Hilbach saß. Leise strich er ihr übers Haar. Sie hatte den K'opf bis auf die ffinte her ab gebeugt.Nichts sehen Nichts in ehr denken! Ni chts suhlen!" jammerte es in ihr, aber sie sprach es nicht aus.

Hören Sie die Glocken, Weibelchen?" fragte der Doktor und beugte sich zu ihr hinab,ja, hören Sie die Glocken?"

Drüben auf der Wilhelmsburg spielten sie jetzt einen Choral:Ein feste Burg ist unser Gott!" .

Der Doktor riß das Weibelchen auf.Komm heraus!"

Draußen fiel der Schnee noch immer, man sah nicht Himmel, noch Wasser, noch Burgen, man hörte nur: Kirchenglocken, Choralklänge und irgend ein unbestimmtes Brausen und Zittern. Es war der Sturm, der noch nicht zum Ausbruch gekommen war.

Der Doktor zog das zitternde Weibelchen in die große Holztaube. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Die Kälte hatte im Augenblick ihren ganzen Körper durchzogen.

So ein arm, hilflos Dingchen!" dachte der Doktor, Rebern Eindruck willenlos hingegeben!"

Weibelchen, hörst du die Glocken?" fragte er leise, -Hörst du, wie das fromm und kinderrein klingt? Warum weinst du denn, Mütterchen?"

Er saß mit ihr auf der kleinen, grünen Bank, die im Sommer vor dem Haus stand und die im Winter in die große Laube gerückt wurde.

Ihr Kopf lag auf seinen Knien, er hatte sich tief zu ihr niedergebeugt.

Sieh mal, Weibelchen, ein Schiffbrüchiger kann dem andern wenig von Nutzen sein! Ich hätte früher gehen sollen! Komm, wein nicht so! Laß mich erst wieder festen Boden unter den Füßen haben, dann komm ich wieder, Weibelchen!" .

.Ich mag nicht mehr leben! Ich kann nicht mehr allein sein!" jammerte sie, leise und weil er sie nicht fest­hielt, sank sie auf den kalten Zementboden der Laube, und ihr Gesicht lag in seinem Schoß.

Er zog sie empor, nahm sie auf die Knie, drückte sich ihr Gesicht zwischen Kopf ttitb Schulter und versuchte, sie mit seinen Kleidern zu bedecken.

Du willst mein sein, Weibelchen? Ich soll bei dir bleiben?" ,

I Sie nickte.

Nein, bei dir bleiben nicht, mein Liebling, aber wieder­kommen. fo wahr ich ein Mann bin. Ich muß dich doch

ernähren können, dich und das Kind! Ich muß doch wieder! etwas sein!" .

Nein, nein!" rief das Weibelchen,nur dab leiben!

Nur nicht gehen!" t

O du Törin! Mit mir hungern willst du, gelt? Und unser Idyll in der Ofenecke wollen wir fortsetzen, Märchen erzählen und Nüsse essen und durch den Naumburger KreiS- boten Kunde voll der großen Welt bekommen! Nein, Weibelchen, nein! das ist gut und schön für ein paar Monate, um die verlorenen Kräfte neu zu beleben, aber nicht für die Dauer, selbst für dich nicht, du armes, zermartert^ Dingelchen!"

»Sie lag reglos an seiner Schulter.

Hörst du, was ich sage?" fragte er leise, und sie nickte.

Ich gehe, Weibelchen, ttnb suche einen Hafen für dich und mich, keinen .großen, prunkvollen, den brauchen wir beide nicht. Hör mal, Ivie die Glocken läuten! Ist das nicht schön? Ein Jahr bleib ich fort, und bin ich «in Mann, steckt noch was Echtes in mir, dann bin ich zur selben Zeit im nächsten Jahr bet dir und kann dir sagen; Sei mein! Komm ich nicht, dann war ich' nicht wert, das Weibelchen zu besitzen, dann---"

Sie weinte laut und schlang beide Arme um seinen Hals.

Bleib, bleib! llnt alles in der Welt, bleib!"

Zwölf Uhr, Weibelchen. Hörst hu, wie es schlägt? Komm, gib mir deinen Mund! Im nächsten Jahr hol ich dich, ich schwör es dir, und komme ich nicht, so war ich ein Lump, um den man keine Träne vergießt!"

Bleib, ach bleib!" jammerte sie unaufhörlich, und ihr Körper zitterte so sehr, daß er sie auf die Arme nahm und ins Haus trug.

Das Kind war wach geworden; es stand im weißen Hemdchen im Zimmer und schrie:Mütterchen, ach, Müt- tercherr!"

Der Doktor packte das Weibelchen mit dem rechten und das Bübchen mit dem linken Arm; er setzte sich mit beiden aufs Sofa, küßte die goldenen Locken des Jungen und den zuckenden Mund der Mutter.

Mein seid ihr, alle beide mein!"

Sie schlangen ihre Arme um seinen Hals und sagten nichts.

Weibelchen," sagte er,du hast so lang dein arm, klein Lebensschiffchen tapfer gesteuert: versprich mir, daß du es noch ein Jahr länger tun willst! Ich komme ja wieder! Sieh, wenn ein Mensch so festen Willen hat, wenn er so eine Riesenkraft in sich fühlt wie ich heut^ dann muß er doch weiter kommen, dann muß er's doch fertig bringen, ein klein, bescheiden Nest zu bauen!

Ein einziges Jahr, dreihundertfünfundsechzig Tags, Weibelchen, im Flug sind sie vergangen, und dann Ml all dein Leid ein Ende haben. Aber ehe ich gehe, mußt du mir sagen, daß du tapfer sein willst Nicht so meinen! Stark sein! sagen: ich will! Komm, sag's!"