M - Nr. 201
Samstag den 23. Dezember
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In der heiligen Nacht.
„Ich Benedeite unter den Frau'nl"
Maria sprichts in verzücktem Schau'n. Jtire seligen Tranen rieseln lind, Sie liegt auf den Knieen vor ihrem Kind; Ihre Augen blendet sein Strahlenkranz. Der ganze Raum ist voll weißem Glanz. Kein Licht im Stall — und doch alles licht! In Demut neigt sie ihr Muttergesicht.
In Andacht neigt sie ihr Herz ihm zu: „Diem Gottl Mein Knabe! Mein Wunder du! Allein Kind, du wirst Mutter zu mir sagen! 9)iein Heil, du wirst mich zum Himmel tragen! Gottes Sohn soll über die Erde schreiten!
Ich darf seine Kindersüßlein leiten! Ich darf ihn betten am Herzen weich, allein Sohn, mein Eigen, mein Himmelreichl Du König der Gnade, du König der Schmerzen, In meinem zitternden Mutterherzen Fühl' ich schmerzendes Ahnen weh'n: Wa werden die Menschen Gott versteh'n? Wie viel Leid erwartet dich, heiß und groß, Du lächelndes Kind, Golt, sündenlos, Der du der Menschheit Sünde sollst tragen? — — D» Erdenfremdling, ich darf nicht klagen. Mein Gott, mein Kind, gib mir Mut und Mark! Deine Mutter, mache sie mutterstark — Deine himmlische Herrlichkeit laß mich schau'n! —
Ich Benedeite unter den Frau'n!"
Frida Schanz.
Hinter der weißen Tür.
Eine Weihnachtsgeschichte von Josef Kuhnigk.
(Nachdruck verboten.)
„Himmel, Junge, ist das nicht Glück? Erst die Me- gegnnng mit ihrer Mutter, der ich für den Gabentisch einkaufen helfen durfte, und ihre verheißungsvollen Worte, die mir Tore öffneten, ehe ich daran zu klopfen gewagt, und dann hier das Schreiben der Direktion, daß sie mich zum Leiter ihres Opernorchesters auserseben. Ist das nicht Glück? Und dazu die Wethnachtsstimmnng draußen: Sieh nur, wie die Flocken riefeln, wie die kleine Tanne drüben ihre Arme breitet nach den Daunen der Frau Holle. Der weiße Regen Hat das Bäumchen schon ganz eingehüllt. Und sieh die Jungens ! Kaum sieht man die roten Backen unter der Mütze und die Nase, die sie platt gegen die Spiegelscheibe drücken,
die lockende und doch böse Schranke zwischen ihren Wünschen und den Herrlichkeiten drinnen." .
„Ja, Hans," sprach der Assessor und klopfte seinem Freund auf die Schulter, „ich sehe das und sehe noch viel mehr. Ich sehe, daß du in die Welt noch immer mit glücklichen Kinderaugen siehst, für die zwischen Wirklichkeit und Wunsch die Glasscheibe kaum eine Schranke bildet.
Hans sah fragend und ein wenig erstaunt zu ihm hin.
„Nicht so," beruhigte der Assessor. „Ich habe es nicht vor, dir frohe Hoffnungen zu zerstören, am wenigsten solche, die sich an das Christfest knüpfen. Ich will keine Unke sein. Und die Dirigentenftelle scheint mir für dich auch durchaus sicher. Du hast sie dir redlich verdient durch ernste, schwere Berufsarbeit und durch dein Können. Ich hab dies immer gesagt: es wird, es muß sich einmal durchringen. Aber — Ja, ich kann dir das Aber nicht ersparen, um dich vor Enttäuschungen zu schützen. Und gerade, die sich nm die Liebe drehen, sind bitter." , , . ...
Da lächelte der Musiker. „Diesmal, mein Junge, irrst du dich. Du weißt, daß Lotte und ich —"
,-O ja(. i chweiß, ihr seid euch gut, und' i chweiß auch, daß dein Stolz sich gegen ihre Hast, ihre Ungeduld stellte. Du wolltest erst etwas sein, ehe du, um sie zu werben, gingest."
„Und bin ich nun nichts?"
„Doch, ich habe dirs vorher schon zugestanden. Wer du setzest voraus, daß ein Künstler den Stockhausens genehm ist. Du kennst eben Agrarier nicht. Denen ist ein Offizier, ein Landwirt der gegebene Beruf eines Schwiegersohnes, ^hre Bodenständigkeit wählt in verwandter Sphäre."
Wieder lächelte Hans. „Du beirrst mich nicht. Frau Stockhausen hat mich für den Festabend eingeladen. Ist das nicht eine Bevorzugung?"
„Du musizierst. Und die Dame des Hauses liebt Musik.^
„Und was sie mir vom Heiraten sprach: ist das nichts?
„Was weißt du von Frauen, wenn sie sich für etwas interessieren, .ohne daß ihr Herz dabei ist. Da fehlt ihnen das respice finem, der Blick bis zum Ende, ete bewundern das Feuerwerk, wenn ein Haus brennt, beun totdrohenden Stierkampf begeistert sie der kühle Mut, die Gewandtheit des Torrero."
"Nun, und wo ihr Herz interessiert ist, da schweigen sie. Eine Frau wie die Mutter Lottes macht dem Schwieger, ohn,- den sie sich ersehnt, keine Avancen."
Hans ging im Zimmer ans und ab, niemand sagte ein Wort Der Assessor steckte sich schließlich eme Zigarre an. Draußen rieselten noch immer die dicken weißen Flocken, und die Laternen auf der Straße hatten hohe Klippen bekommen wie weiße Lammfellmützen, h'.nd lustig klingelten die Schlittenglocken. Eine Krähe saß auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses, zerscharrte den Schnee mit breiten Füßen und krächzte mit ihrer wohlgeschulten Stimme.


