Mittwoch de« 20. Dezember

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Ein Weihnachtsabend.

Nkovellette von Emma Haushofer-Merk (München).

(Nachdruck verboten.)

In der PensionImmergrün", in einer der eleganten neuen Münchener Bvrstadtstraßen, saßen an dem 24. Dezember nur Mehr wenige Gäste an der Mittagstafel.

Meine Herrschaften!" rief ein bartloser, blasser, junger Mann, dem eine geniale Locke in die Stirn hing.Wir bekommen herrliches Wintenvetter für die Feiertage! Wer fährt mit nach dem Isartal? Zum Rodeln?" Er war Musiker, Geiger, hatte vor kurzem ein erfolgreiches Konzert gegeben und trat seitdem in der Pension mit dem Selbstbewußtsein desberiihmten Mannes" auf. Während er sprach, heftete er seine großen, schwarzen Augen auf ein hübsches, brünettes Mädchen ihm gegenüber, als gelte seine Frage hauptsächlich ihr. Mer Trude Karstens blieb stumm.

Bitte, machen Sie doch den Reisenmrschall, Herr Prohaska! Wir kommen gern mit!" klangs ihm von allen Seiten entgegen.

Ich muß genau wissen, wie viele sich anschließen, damit ich wegen der Unterkunft telephonieren kann," drängte er weiter Und schaute immer noch unverwandt auf das blühende, pikante Mädchen gesicht, daS bei seinem auffallenden Anstarren errötete.

Tann sprang er aus und stand so plötzlich dicht neben Trude, Naß sie fast erschrak.

Sie sagten noch kein Wort, gnädiges Fräulein."

Ich hatte wahrhaftig noch keine Zeit, mir irgend etwas zu überlegen. Es gab so viel zu tun!" meinte sie zögernd. Sie war trotz ihrer Jugend schon Leiterin eines neugegründeten kunst­gewerblichen Ateliers, das rasch emporblithte.

Sie ditrfen dürfen nicht fehlen!" bat er schmeichelnd in seinem weichen slawischen Tonfall.Es sollen köstliche Feiertage werden! Wir wollen morgen dann weiter hinein in die Berge. Es ist herrlich, in der klaren Winterluft talabwärts zu sausen, als hätte man Flügel! Sie werden es genießen!"

Ihr war es peinlich, daß sich alle Blicke auf sie richteten, iund sie sagte rasch:Also ja! Ich komme mit!"

Danke, danke!" rief Prohaska triumphierend.Wer ist noch von der Partie?"Bitte mich porzumerken!" warf der Privatdozent Dr. Gilbert mit kühlem, fast feindseligem Tone hin. Er hatte das geflüsterte Zwiegespräch beobachtet; seine Hal­tung war noch schroffer und ablehnender als sonst gegen den Musiker, der auch in der Pension dieerfte, Violine spielen" wollte.Also, um drei llhr geht der Zug, meine Herrschaften! verkündete Prohaska noch, .mit der Miene eines gewandten Impre­sarios.Es wird alles geordnet!"

Beinr Kaffee war es fast leer im Speisesaal. Trude saß noch mit der Zahnärztin Franz in einer Fensternische. Dr. Gilbert las die Zeitung. Aber über das Matt weg betrachtete er un­auffällig Trud-es braunen Kopf, ihreir hübschen schlanken Hals, Und er konnte auch, ohne zu lauschen, das halblaute Gespräch der Damen hören. ,

Es wundert mich, daß Sie nicht Heimfähren, Fraulern Karstens," sagte die ältere der beiden.Sie Glückliche haben es doch fo nah nach Hause." ,

Trude schüttelte trotzig den Kopf.Seit Manta tot rst, habe tch kein rechtes Zuhause mehr. Mein Vater lebt, seit er pen­sioniert ist, auf dem Land am Ammersee mit seiner Schwester, feie ihm den Haushalt führt, und weil ich micht nicht winterslang

zu ihm in die Verbannung setze, bin ich Ur ihn eine entortefd Tochter, ein Ungeheuer."

Aber wie, sollen Sie denn fort von der Stadt! Sie haben doch eine Stellung, um die Unzählige Sie beneiden."

Das begreift Papa eben nicht! Wenn ich tot bin, kannst du tun, was du willst! Jetzt ist dein Platz bei nur! sagt en Daß meine Brüder fortgingen, daß meine Schwester sich nach Windhuk verheiratete, fand er ganz in der Ordnung., Aber ich soll nicht an meine Zukunft denken! Ms ob sich so leicht wieder eine Lücke fände, wenn man einmal seinen Posten nn Stich gelassen hat! Papa hat es für eine Spielerei gcha ten, daß ich auf die Kunstschule ging. Daß ich jetzt mein gutes Gehalt, meine Selbständigkeit nicht preisgeben will, das scheint ihm unnatürlich, undankbar, empörend!"

Es ist ja immer derselbe Konflikt," meinte die Zahnärztin nachdenklich.Aber heutzutage müssen wir Frauen lernen, auf eigenen Füßen stehen, und deshalb brauchen Sie sich keine Skrupel zu machen..." '

Tu ich auch nicht," lachte Trude.Und ich will auch nicht immer böse Gesichter sehen! Ich mag mich nicht anbrummen lassen I An einem Feiertag will ich lustig sein! Kommen Sie, Fräuleui Franz! Auf zur Rodelbahn! Lassen wir das alte Weihnachten!"

Alles fant> sich rechtzeitig auf dem Bahnhof ein. Dr. Gilbert machte einen Versuch, in Trudes Nähe zu gelangen; aber Prohaska kam ihm mit seiner raschen, geschmeidigen Beweglichkeit zuvor und nahm sie während der Fahrt vollständig in Beschlag. Es ärgerte ihn freilich, daß sie nur zerstreut,auf sein Geflüster lauschte und ihre Aufmerksamieit ein paar kleinen Mädchen zuwendete, die offenbar zur Weihnachtsbescherung nach Hause fuhren und ihre selige Erwartung kaum zu bändigen vermochten.

Es ist merkwürdig," sagte er mit leisem Spott.Sie sind eine selbständige Frau und doch im Grunde ein großes Kindl Freier müßten Sie werden, moderner, leichtlebiger^

In einer Stunde tu ar man -am Ziel. Nun dunkelte es schon.. Beim Tee in der gemütlichen Gaststube gab es noch eine Ueber- raschung: Prohaska hatte seine Geige mitgebracht, und er war bereit zu spielen.Für Sie! Nur für Sie!" raunte er zärtlich

in Trudes Ohr. ,, _ , ...,

Er war ein Virtuose. Er konnte die Satten so verführerisch erklingen lasseii, daß ein junges Herz wohl dem Zauber dieser Töne verfallen mußte. Mer bei all seiner feinen BerechuunÄ hatte er doch keine Ahnung, wie diese süßen, >schmachtenden Weisen, irdt beiten et tiirt Siebe werben wollte, nuf Strube wirft en, welche Erinnerungen sie in ihr wachriefen. . f f , ,

Während er spielte, war etn alter Herr tn das Gastlokal getreten und hatte sich an einem entfernten Tischchen niedergelassen. Vor ihm stand ein Teller mit Lebkuchen und in entern Glas ent Tannenzweig. So feierte er sein einsames Weihnachten.

Und Trude mußte plötzlich mit dumpfem Reuegefuhl an ihren Vater denken. Das graue Haar tief ihr fein Bild vor Augen. So vieles strömte in diesem Klingen und Singen der Geige auf sie ein: Die Stimmung, das selig bange Gefiihl von emst! Wts ihr Vater wochenlang für sie gearbeitet, geklebt, gemalt hattet Wie er mit seinen Kindern glücklich gewesen war, in seiner Freude zu schenken, ihre überraschten Gesichter zu sehen! Und nun! Nuü lag seine treue Gefährttn unter dem weißen Hügel un Wald­friedhof; feine Schwester hatte ihn heute wohl auch verlassen, UM zu den ihren zu reifen. Er war allein, gMzallem!

Sie hörte immer nur die traurigen, herzaufwühlenden Wortk jn den wehmütig süßen Tönen: Allein! Ganz allein l