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Die Rückkehr.
Novelle von Charles Louis Philippe.*)
EM Uebersetzung aus dem Französischen von Clara Viebig.
Er hatte gewartet, bis die Nacht herabgesunken war. Es mochte dreiviertel auf sieben sein, als er an die Tür klopfte Von linnen nlef eine Stimme, die er nicht gleich wiedererkannte!: „Herein!"
.. „ zögerte nicht, er fand die Klinke an der alten Stelle, er »ruofte fte nieder, er öffnete und, trat ein.
Seine Frau war nicht überrascht. Seit den vier Jahren, die er fort war, hatte sie jedesmal, wenn es an die Tür klopfte, denken muffen: „Vielleicht ist ers!"
a Sie hielt die Suppenschüssel zwischen ihren Knien, drückte das Brot gegen ihre Brust und schnitt es — mit einer 'Bewegung, die er immer an ihr gekannt hatte — in Scheiben für die Suppe.
Sre sprach kein Wort, stellte die Suppenschüssel hin und legte das Brot auf einen Stuhl; dann, den Kopf senkend, faßte sie nach ihrer Schürfe und verbarg ihr Gesicht darin. Man brauchte Nicht ihre Augen zu sehen, man wußte, daß sie weinte.
Er setzte sich rittlings auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen ? „ Lehne und blickte weg, da er nicht wußte, was er sagen sollte. . Er war ganz verlegen.
Dsie drei Kinder saßen, über den Tisch gebeugt, um die Lampe herum. Tie beiden kleinen, Lucian und Margarete, spielten Lotto. Sie sahen, daß da ein Mann hereinkam, ein Mann wie all die anderen, die da kommen und von Sachen sprechen, die Kinder gar mcht interessieren. Ruhig spielten sie weiter.
Aber Antonie, die Aelteste, die jetzt bald 13 Jahre sein mußte, Uiio die damit beschäftigt war, in das breit aufgeschlagene Heft ihre Schularbeiten einzuschreiben, erkannte ihn beinah augenblicklich, trotzdem er einen Vollbart trug, und stieß hervor: „Ach, der Vater!"
Sie war sehr groß geworden. Sie hatte immer kleine Eigenheiten gehabt, und er hatte sie so gern damit geneckt, weil sie eine so drollige Art hatte, sich zu wehren.
Sie konnte nicht Weiterarbeiten. Sie stand auf; da er ihr den Rücken zukehrte, legte sie ihm die Hand auf die Schulter. Er wartete nicht länger und sah sie an. Sic war nicht schüchtern. Sie betrachtete ihn mit einem Gefühl von Ueberlegenheit und sagte: „Es ist lange her, daß du mich nicht mehr die „Frucht deiner Liebe" genannt hast!"
Sie hatte das nicht vergessen. Als sie noch alle zusammen lebten, hatte er den ganzen Tag in der Kneipe verbummelt. Er war Schmied. Seine Frau hatte, wenn ein Kunde kam, um ein Pferd beschlagen zu lassen, Antonie hinschickcn müssen, um den Vater zu holen. Wenn die Kleine dann unter den Zechbrüdern erschien, er sie kommen sah, stellte er sie seinen Kumpanen vor mit den Worten: „Meine Herren, das ist meine Tochter, meine älteste Tochter, die Frucht meiner Liebe."
Jedesmal boste sie sich darüber.
Er legte ihr die Hand auf den Scheitel, aber er wagte es nicht, sie wie früher zu küssen.
Uebrigens öffnete sich anch gerade in diesem Augenblick die Tür unter dem Stoß eines neuen Ankömmlings. Baptiste Rondet, der Zimmermann, trat mit einer solchen Sicherheit ein, daß Larmingeat keiner Erklärung bedurfte, um sofort alles zu begreifen. Er stand auf, wie man es zu tun pflegt, wenn der Hausherr eintritt und sagte: „Ich bins".
Baptiste antwortete: „Bleib doch sitzen". Und fügte dann hinzu: „Ich bin wie deine Frau, ich habe immer gedacht, du würdest mal wiederkommen."
Doch, da sie Männer waren irnd Männer das Leben keimen, blieben sie nicht lange einsilbig. Larmingeat sagte: „Ist es vielleicht 'ne Dummheit von mir?" Baptiste seinerseits beeilte sich zu sagen: „Donnerwetter! Ich, Alter, ich bin Witwer geworden."
„Ach! Ist die arme Adele gestorben?"
„Ja, und wie ich dir sage, schnell, 'ne Lungenentzündung. In drei Tagen war sie tot. Ich war nicht mehr daran gewöhnt, allein zu sein. Deine Frau ist 'ne sehr gute Frau."
Larmingeat erwiderte: „Ich — was willst du, ich hatte so viel Schulden und keine Arbeit mehr. Ich habe gedacht, daß man 'nen
. . 8ür Charles LoUis Philippe, der vor zwei Jahren kaum dreißigjährig in Paris gestorben ist, beginnt jetzt der Ruhm zu erblühen, der auch in Frankreich — man denke nur an Bizet, den Komponisten der „Carmen" und an Millet, den Schöpfer des „Angelus" — so vielen Genies bei ihren Lebzeiten voreuthalteü blieb. Philippi, der nur wenige Romane und einen Novellenband hinterlassen, gilt heute bereits für eine Zierde der modernen französischen Literatur. Selbst ein Kind der Armut, fühlte er sich den Enterbten, Niedrigen, Elenden blutsverwandt. So war er imstande, bei allen abschreckenden und brutalen Zügen die Fähigkeit zu tiefer Liebe, hingebender Güte in ihnen zu entdecken. Sehr charakteristisch für seine Art, die man vielleicht mit Recht mehr als eine deutsche, denn als eine französische bezeichnen kann und die gerade darum in Frankreich ganz neu angemutet hat, ist die Novelle, die ivtr hier in der Uebersetzung der dem Franzosen seelenverwandten deutschen Dichterin bieten. (Die Red.)
Säufer zu Hans nicht nötig hätte. Ich bin verduftet, sozusagen! desertiert. Aber rch hatte ihr wenigstens schreiben können " . , '5^°' erst nach drei Monaten hat sie begriffen, daß'du sie Hattest sitzen lassen. Na, schließlich hat jeder seine Fehler "
Sie schwiegen einen Augenblick. Sie kannten sich beide gut Sre waren zusammen zur Schule gegangen und hatten zusammen beim 3b. Artillerieregiment m Clermont-Ferrand gedient Lar- mengeat dachte daran, als er sagte: „Wer uns das damals ge- sagt hatte, als wir beim Militär waben!"--
Dies war Larmingeats Rückkehr. Und dies waren die Worte/ die er sprach.
„ Man kann nicht ewig weinen. Die Frau ließ die Schürze Mken, hinter der sie das Gesicht versteckt hatte, nahm ihre Suppen- schuffel und, das Brot und ging durch die offenstehende Tür in das Nebenzimmer, das als Küche diente. Auch Antonie, die Nicht alles verstaiÄ/ was im Zimmer gesprochen wurde, ging ihr langsam dahm nach.
. Dw beiden Männer blieben sich allein gegenüber, und Lar- ^f"6eat sagte: „Ich sehs ein, ich hätte lieber nicht wiederkommen sollen."
Baptiste Rondet erwiderte ihm: „Warum denn? Du mußt dich doch mal erkundigen, was aus deiner Frau und deinen Kindern geworden ist!"
®ie waren sehr höflich miteinander. Als Larmingeat unbehaglich aus seinem Stiihl herumrutschte und wie Leute, die nicht wffien was tun, Anstalt zu machen schien, sich zu verabschieden, sagte Baptiste Rondet zu ihm: „Du wirst doch 'nen Teller Suppe mit uns essen."
, 'Er nahm an, da er sich nicht anders zu helfen wußte; inj seinem Heimatort hätte pr nicht in eine Kneipe gehen können.. Alexandrine, seine Frau, die durch Baptistes Worte einigermaßen ihre Fassung wiedergewonnen hatte, dachte auch so. Sie zeigte ihren Kopf im Rahmen der Tür und sagte, daß es aber nur Suppe und Käse gäbe, und daß das doch sehr wenig wäre. Baptiste war ein gutmütiger Kerl. Er erklärte, dann würde man eben was vom Schlächter holen und außerdem noch eine Flasche Wein. Lar- mingeat, der gerade so war, wollte sich nicht lumpen lassen und zog 20 Sous aus der Tasche. Er bestand darauf, auch seine Flasche Iju bezahlen und von dem, was von dem Frankstück übrig bliebe, sollten Süßigkeiten für die Kinder gekauft werden. Dann fügte er aus Höflichkeit hinzu: „Ich mache euch Unkosten."
Die Kleinen packten schnell ihr Lottospiel zusammen, als sie hörten, daß der Gast zum Essen bleiben würde. Das machte ihnen Spaß und sie wollten selbst den Tisch decken. Alexandrine nahm das Tischtuch heraus und breitete es über den Tisch. Larmingeat wehrte ab, aber sie sagte: „Mein Gott, dazu hab ich es doch, ich muß es doch gebrauchen, wenn jemand kommt."
Als sie zurückgekehrt war vom Schlächter mit einem' Stück Speck, Sülze, ihren zwei Flaschen Wein und Kuchen, begann die Mahlzeit., Larmingeat hatte großen Hunger. Er gestand das ohne Umschweife, -und diese paar Worte genügten, um die Unterhaltung in Gang zu bringen.
Man fragte ihn, wie er sich eingerichtet hätte, wo er schliefch wo er äße. Richtig, er hatte ihnen ja noch gar nicht erzählt, daß er ans Paris kam.
Er schlief im Gasthof und aß im Speisehaus. Das Schwierigste war, es sich ein bißchen gemütlich zu machen, weil man ja so schwer jemanden findet. Er arbeitete bei der Metro, wie man sie nennt. Er erklärte ihnen, was das ist, die „Untergrundbahn".
Baptiste sagte: „Donnerwetter, in Paris findet man alle mögliche Arbeit!" ~
Es schmeckte ihnen sehr. Die . Schlächterei führte jetzt nicht piehr der alte Langevin, sondern der Sohu, aber das Geschäft war noch immer sehr gut. Die beiden Flaschen wurden entkorkt, und wenn Alexandrine nicht gesagt hätte, daß sie teilten Durst hätte, wäre nicht genug Wein übrig geblieben, um den Käse hinunter- zuspülen. Nur eins hatte man vergessen: Zigarren. Aber Larmingeat zog noch einmal sein Portemonnaie, entnahm ihm zehn Sous und sagte zu Antonie:
„Hier, mein Kind, hol uns mal zwei Zigarren."
Sie war ein beizendes Mädel. Nicht nur, daß sie sogleich bereit war, zu gehen, sie wollte auch durchaus, daß ihr Sätet mitkäme. Sie wäre zu gern mit ihm im Ort spazieren gegangen. Ihre Mutter mußte ihr sagen: „Nein, nein, laß den Vater in Ruh und sag auch dem Krämer ja nicht, daß es für ihn ist. Niemand braucht zu wissen, daß er hier ist."--
Einen Augenblick wurden sic traurig; etwas später als man die Kinder zu Bett brachte. Mit den beiden Kleinen ging es ganz leicht, die schliefen schon am Tisch ein. Larmingeat gab jedem von ihnen zwei Sous. Nur wollten sie immer nicht sagen: „Danke Papa," sie sagten: „Danke, Herr."
Aber als die Reihe an Antonie kam, stürzte diese sich auf ihren Vater. Sie schien bis dahin nur so still gewesen zu lsein, um ihre Kräfte aufzusparen, nun schrie sie mit dein höchsten Ausdruck:
,J-ch will nicht, daß. er wieder fortgeht, ich will nicht, daß er wieder sortgeht!"
Sie klammerte sich au seinen Hals.
Die Mcutter sagte:
„Laß doch, du tust ihm ja weh!"
Man mußte sie losmachen, loshäkeln, losreißen, ihr xtefi». sprechen, daß er nicht fo.rtgehen würde»


