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Wohin gehst du? fragte er zu Lady Glyde.
Nach Mariannens Zimmer, antwortete sie.
Es mag dir vielleicht eine Täuschung ersparen, bemerkte Sir Percival, wenn ich dir sage, daß du sie dort fticht finden wirst.
Daß ich fie nicht finden werde?
Nein. Sie hat.gestern mit Fosco und seiner Frau das Haus verlassen.
Lady Glyde war nicht stark genug, um den Schlag dieser sonderbaren Nachricht zu ertragen. Sie erbleichte, daß es zum Erschrecken war, und lehnte sich an die Wand, indem sie in tiefem Schweigen ihren Gemahl anblickte.
Ich selbst war so überrascht, daß ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Der Gärtner hatte mich zwar von der Abreise des gräflichen Paares in ihre Londoner Wohnung benachrichtigt, aber von der Abreise unserer Rekonvaleszentin hatte ich keine Silbe erfahren.
Mylady ergriff zuerst Pas Wort.
Was soll dies bedeuten, Sir Percival! Ich bestehe darauf — ich bitte und flehe Sie an, mir zu sagen, was es bedeuten soll!
Es bedeutet, entgegenete er, daß Miß Halcombe gestern morgen wohl genug war, um aufzusitzen und sich anrleiden zu lassen, und daß sie darauf bestand, die Gelegenheit zu benutzen und Fosco nach London zu begleiten.
Nach London!
Ja, auf der Durchreise nach Limmeridge. —
Lady Glyde wandte sich zu mir.
Sie sahen Miß Halcombe zuletzt, sagte sie. Fanden Sie, daß sie gussach als ob sie imstande sein würde, in vierundzwanzig Stunden eine Reise anzutreten?
Meiner Ansicht nach nicht, Mylady. — Sir Per- cival wandte sich jetzt seinerseits ebenfalls zu mir.
Haben Sie, ehe Die abreisten, sagte er, der Wärterin geäußert, Miß Halcombe sehe weit Wohler aus, oder haben Sie das nicht gesagt?
Die Bemerkring habe ich allerdings getan, Sir Percival, antwortete ich.
Er wandte sich, sowie ich ihin diese Antwort gegeben, schnell wieder zu Mylady.
Vergleiche die eine von Mrs. Michelsons Ansichten ruhig mit der andern, sagte er, und versuche, vernünftig und klar über hie Sache zu denken. Glaubst du, daß, falls sie nicht ,wohl genug gewesen wäre, um die Reise zu ertragen, wir riskiert hätten, sie reisen zu lassen? Sie hat drei zuverlässige Leute um sich, die nach ihr sehen — Fosco, deine Tante und Mrs. Rubelle, die ausdrücklich zu dem Zwecke mitreiste. Sie nahmen ein ganzes Kupee und machten auf dem einen langen Sitze ein Lager für sie, falls sie sich vom Aufsitzen ermüdet fühlen sollte. Heute setzen Fosco und Rubelle mit ihr die Reise nach Cumberland fort.
Warum geht Marianne nach Limmeridge und läßt mich hier allein? sagte Mylady, Sir Percival unterbrechend.
Weil dein Onkel dich nicht aufnehmen will, ohne vorher mit deiner Schwester gesprochen zu haben, entgegnete er. Hast du den Brief vergessen, den er ihr zu Anfang ihrer Krankheit schrieb? Man zeigte ihn dir doch — i)ii lasest ihn und solltest dich dessen entsinnen.
Ich erinnere mich.
Warum wunderst du dich dann darüber, daß sie dich verlassen hat? Dich perlangt's, nach Limmeridge zurückzukehren, und deine Schwester ist hingereist, um dir deines Onkels Erlaubnis hierzu nach seinen eignen Bedingungen zu verschaffen. —
Der armen Lady Glydes Augen füllten sich mit Tränen.
Marianne hat mich noch niemals verlassen, sagte sie, ohne mir Lebewohl zu sagen.
Sie würde dir auch diesmal Lebewohl gesagt haben, entgegnete Sir Percival, hätte sie nicht für dich und für sich selbst gefürchtet. Sie wußte, daß du suchen würdest, sie zurückzuhalten, und daß du sie durch Tränen betrüben würdest. Hast du sonst noch Einwendungen zu machen? Dann mußt du hinunterkommen und mir deine Fragen im Eßzimmer vorlegen. Diese ewigen Quälereien langweilen mich. Ich grüß ein Glas Wein haben —
Er verließ uns plötzlich.
Seine Manier während dieser ganzen seltsamen Unterhaltung war vollkommen verschieden gewesen von dem, was sie gewöhnlich war. Er schien alle Augenblicke fast ebenso aufgeregt und ängstlich, wie seine Gemahlin
Ich hätte mir nimmer gedacht!, daß er eine so schwäche Gesundheit gehabt, oder so leicht außer Fassung zu bringen gewesen wäre.
Ich versuchte Lady Glyde zu überreden, in ihr Zimmer zurückzukehren; doch war dies nutzlos. Sie blieb im Vorsaale stehen und hatte das Aussehen, als ob sie von einem panischen Schrecken ergriffen sei.
Es ist meiner Schwester etwas zugestoßen! sagte fie.
Bitte, bedenken Sie, Mylady, welche erstaunliche Energie Miß Halcombe besitzt, sagte ich. Ich hoffe und glaube, daß mchts Unrechtes geschehen jst — gewiß ich glaube es.
Ich muß Mariannen nachreisen, sagte Mylady mit demselben erschrockenen Blicke. Ich muß hin, wo sie ist; ich muß mit meinen eignen Augen sehen, daß sie gesund und am Leben ist. Kommen Sie! Kommen Sie mit mir zu Sir Percival hinunter!
Ich mußte ihr folgen.
Sir Percival saß am Tische, und vor ihm auf demselben stand eine Karaffe mit Wein. Als wir eintraten., führte er das'.Glas an seine Lippen und leerte es in einem Zuge. Da ich .bemerkte, daß er mich zornig anblickte, indem er es wieder niedersetzte, versuchte ich, eine Entschuldigung für meine Anwesenheit im Zimmer zu machen.
Denken Sie etwa, daß hier Geheimnisse Vorgehen? rief er plötzlich aus; da irren Sie sich — es ist hier nichts Verstecktes, pichts, das Ihnen oder sonst irgend jemandem verhehlt würde. — Nachdem er diese seltsamen Worte mit lauter, strenger Stimme ausgesprochen, füllte er sein Glas wieder und fragte Lady Glyde, was sie wolle.
Wenn meine Schwester imstande ist, zu reisen, so bin ich es ebenfalls, sagte Mylady mit größerer Festigcech, als sie noch bisher gezeigt hatte. Ich bitte dich, mich für meine Besorgnis um Mariannen zu entschuldigen und mir zu erlauben, ihr sofort mit dem Nachmittagszugg nachznreisen.
Du wirst bis morgen warten müssen, entgegnete Sir Percival, und dann, wenn ich dich nicht vom Gegenteil unterrichte, kannst du reisen. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, daß .irgend etwas dazwischen kommen wird, und will deshalb mit der Abendpost an Fosco schreiben.
Wozu wolltest du an Graf Fosco schreiben? frug sie im größten .Erstaunen.
Um ihm zu sagen, daß er dich mit dem Mittagszuge erwarten möge, sagte Sir Percival. Er wird dich an der Station empfangen und dich von da mitnehmen, damit du die Nacht im Hause deiner Tante in St. Johnss Wood schläfst. —
Lady Glydes Hand fing heftig auf meinem Arme zu zittern an — ich begriff nicht warum.
Es ist nicht nötig, daß Graf Fosco mich auf der Station abholt, ich will die Nacht lieber nicht in London bleiben.
Du mußt es aber. Du kannst die ganze Reise nach Cumberland nicht in einem Tage machen. Du mußt die Nacht in London schlafen — und ich will nicht, daß du allein in ein Hotel gehst. Fosco hat deinem Onkel das Anerbieten gemacht, dich in seinem Hause zu empfangen, und dein Onkel hat es angenommen. Da, da ist ein Brief von ihm au dich. Ich hätte ihn dir heute morgen hinaufschicken sollen, aber ich vergaß es. Lies ihn und siech was Mr. Fairlie selbst dir darüber schreibt. —
Lady Glyde blickte den Brief einen Augenblick an unÄ sagte sodann eifrig:
Ich möchte lieber nicht dorthin gehen — ich möchte die Nacht lieber nicht in London bleiben. Schreibe nicht an Graf Fosco! Bitte, bitte, schreibe nicht an ihn!
Ich möchte wissen, warum nicht! rief Sir Percival! mit einem plötzlichen Zornesausbruche aus, der uns beide erschreckte. Wo kannst du wohl mit größerer Schicklichkeit die Nacht in London zubringen, als in dem Hause, welches dein Onkel selbst dazu bestimmt hat — im Hause deiner Tante? Frage Mrs. Michelson. —
Sobald wir beide wieder oben angelangt waren, tast ich mein Möglichstes, um Mylady zu beruhigen, aber ihre Sorge um Miß Halcombe und ihre unbegreifliche Angst-' vor einer Nacht in Graf Foscos Hause in London blieben ungeachtet all meiner dringenden Gegenvorstellungen, dieselben. Ich hielt es für meine Pflicht, gegen Lady Glydes ungünstige Meinung, von Sr. Gnaden zu protestieren, und' ich tat es aller Achtung und Nachsicht.
(Fortsetzung folgt.) .


