274

stück unten. Sie 'trug einen Besen und! ein Wischtuch in »er Hand. Zerstreut und nichts ahn end lief sie fast bis in die Mitte des Raumes, wo wir unter dem Kronleuchter die merkwürdige Gruppe bildeten, der vier Menschen, die, tote beim Eislauf eine Kette, die Arme einander auf die Schultern gelegt haben, aber statt geradeaus zu laufen gleich dämpfenden Ziegenböcken die Köpfe zusainmensteckten.

Plötzlich entdeckte uns das Mädchen. Sw war so er-- chrocken, daß sie den Besen fallen ließ,Als, mon Dien!" chrie und unter Zurücklassung ihres Handwerkszeuges wie »er Blitz zur Tür hinausfuhr. Gleich einer Erscheinung war sie nur aufgetaucht und wieder verschwunden. Nun kannte unsere Heiterkeit aber erst recht keine Grenzen. Mer Geheimrat kreischte:

r Muß die erschrocken gewesen sein!

Frau von Fryburg meinte, das Taschentuch gn den Lippen:

> Was mag sie nur von uns denken?

Maria aber rief -erregt mit glühenden Wangen:

i Pater, wir müssen iyr sagen- daß ich ver­lobt bin!

flrr frhprafp*

i Bist du das auch wirklich?

Sie wurde ängstlich:

Natürlich, Vater!

Dabei schmiegte sie sich an mich, als1 wollte sie mich festhalten. Der Geheimrat pflanzte sich mit scheinbar drohender Miene vor Ms auf:

i So, habe ich denn meine Einwilligung gegeben?

Doch Maria rief übermütig wie ein Kind :

Pater, sonst gehe ich mit ihm durch!

Es zuckte um seinen Mund, er gab sich Mühe, ernst bleiben. Daun befahl er:

i Na, dann gib du ihm nur den ersten Kuß! Daß wir das wenigstens noch erleben, ehe ihr durchgeht.

Das Mädchen scheute sich nicht, ward nicht verlegnen, sondern, mich bei her Hand haltend, sagte sie und sah mich, dabei an, voller Glück in ihren schwarzen Augen:

Vater, liebe Mutter, das habe ich längst getan!

Frau von Fryburg schien erschrocken, doch der Geheim­rat legte ihr den Arm um die Schultern, und während das ältere und das jüngere Paar sich so gegenüberstanden, sagte er leise zu seiner Frau:

r Na, Alte, decken wir darüber den Mantel elter­licher Liebe. Wie haben wir's denn gemacht?

Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern ggb ihr einen Kuß. Und ich glaube, es bedurfte keiner besonderen Aufforderung, daß wir das gleiche taten. Dann aber eilten wir zum Frühstück hinab.

Alle Köpfe wandten sich uns zu. Die Sternkreuzdamen setzten ihre Schildpattlorgnetten ans Auge, als wollten sie sagen:Schau!" Der Esquire Robinson aus Leeds, hob sein glattrasiertes Kellnergestcht, und sein Onkel, der nach seinem finsteren Aussehen wahrscheinlich viel mehr Geld Noch als der Neffe, den er retten sollte, nach Monte Carlo trug, klemmte sich ein dickes, spiegelndes Einglas in das glatte Kutscherantlitz. Arn Tische von Exzellenz Bram Müller aus Dresden reckten sie so die Hälse, daß es mir war, als hörte ich ihr erstauntes:Ei Herrjeses!" Mißes Cooper aus St. Louis setzte ihr chronisches Weinglas ab, uns zu betrachten, und' Madame Chappuis, vom ewig ga­lanten Gatten aufmerksam gemacht, versuchte sich nach uns Umzuwenden, soweit ihr dies in .Anbetracht ihrer engen Taille möglich war. Rur Signor Quarti konnte sich nicht um uns kümmern, denn er fehlte am .Familientisch, wahr­scheinlich weil er seine Kopfschmerzen durch den Anblick der die Augen beruhigenden grünen Farbe des Roulette- Tisches zu bannen suchte.

Sahen wir nur so besonders aus? Wir fragten es uns alle der Reihe nach. Der Geheimrat aber sprach zu mir:

i Nun, Fritz, wollen wir aber mal: spater les bourgeois!

Er rief meinen Freund', flüsterte mit ihm und kurz daraus eilte der Leipziger mit schmunzelndem Gesicht um unseren Tisch und schenkte den Sekt ein. Als er zu mir kam, schloß er die Absätze, als ob er noch in Grimma bei den Husaren diente, wo er gestanden, und flüsterte mir zu:

Meinen kehorsamsten Glickwunsch, Herr Rflt- meester!

Lch wMtx MWt e.rstMM tun, aM dxx Mnn wstr

seiner Sache so gewiß, daß ich mich dessen erinnerte, Jnöfer er mir in den ersten Tagen hier einmal gesagt:Unser-, eener sieht alles, hört alles, weeß alles!"

Da hob der Geheimrat sein Glas und' sagte nur, uns der Reihe nach anblickend:

Wir verstehen uns!

Ja, wir verstanden uns! Mas Mädchen nicht nur und ich, sondern auch die Eltern. Mir, der ich seit meinen Schuljahren schon die Familie hatte entbehren müssen, war es, als hätte ich in dieser Stunde das Vaterhaus gewonnen. Wessen das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Ich schüttete meine Seele aus. Ich erzählte, indem ich Marias Hand suchte, sand und hielt, wie unerträglich auf mir in den letzten Fahren Einsamkeit und .Alleinsein gelastet. Wie ich die Freunde beneidet um ihre Häuslichkeit, wie ich hier nebenan atn Tisch ganz allein gesessen. Dann beflügelte die Stimmung und mein unsägliches Glück mir die Zunge, und ich erzählte, wie ich au jenem ersten Abend oben mich aus dem Fenster gelehnt und Mutter und Tochter erblickt hatte. Wie ich da gewußt, vom ersten Augen?, blicke an: die ist es! I

Maria hielt immer meine Hand. Sie ließ die Blicke nicht von mir, die schwarzen, tiefen Augen. Wir küm­merten uns nicht um die Kellner, die weiter servierten und all die schwärmenden Worte auffingen. Meinethalben hätte es der ganze Saal hören können.

Da sah ich, wie Madame Chappuis, als wir nach deut­scher Art wieder anstießen und lustig unsere Gläser klirre ten, sich umdrehte, krampfhaft, mit aller Gewalt, und hätte es sämtliche Korsettstangen gekostet, denn die Neugier siegte, zu wissen, was diese Deutschen da am Nebentisch eigentlich trieben. Zum Frühstück Champagner trinken, das schien das Ehepaar zu erschrecken.

Ich aber verglich diese aufgetakelte Romanin mit dem Pudergesicht mit meinem deutschen Mädchen, dessen ger­manische Haut des Reismehles eutriet, dessen Hand kein Ring mit blitzenden Steinen schmückte, nur einst der Ring am Finger", wie ihn unser deutscher Dichter nennt. Der Ring, der mich mit ihr verbinden sollte r, mein Ring.

Und in diesem Gedanken überkam mich solch zitternde Glückseligkeit, daß ich meine Serviette zu Boden warf, nur um sie aufheben zu können Md dabei wie unversehens auf Marias Hand die Lippen zu drücken. Mein Mund traf ihre Hand, die ich noch hielt, ich fühlte den leisen Druck ihrer Finger, und als ich mich aufrichtete, sahen wir beiden seligen Menschenkinder uns in die Augen und wollten nicht voneinander lassen, denn wir gehörten einander doch

an! Wir wollten eins sein in Glauben und Gesinnung, in

Wort und Tat, in Leben pnd Gemeinschaft, in Sorge und

Leid und Not wie in Lust und Lachen, in Glück und

Liebe.

Liebe! Wie anders zitterte sie mir in der Brust, als damals in den jungen Tage::, wo mein armes Herz, so oft verwundet, von einer zur anderen geschwankt hatte. Liebe! Ja, Liebe fühlte ich für dieses süße Geschöpf mtr zur Seite. Eine Liebe, die bis in die tiefsten Tiefen ging, aufwühlte und doch beruhigte, traf und die ich doch nur empfand gleich einer sanften, lindernden Hand. Eine Liebe, die da sein sollte Freundschaft, Vertrauen, Hingebung und Treue. Eine deutsche Liebe, geboren hier am welschen Strand. Eine Liebe, die da wärmen sollte, nicht versengen, deren Brand' glühen würde, ein heiliges Feuer, bis einst der Atem stille stand, bis wir zur Erde gingen, -um dir Erde zu lassen, der ewigen Heimat willen.

Und dort oben dereinst fänden toir uns wieder und schritten Hand in Hand in seligen Gefilden, zwei, für­einander bestimmt, die miteinander wandelten wie einst auf dämmernder Erde, so hier oben in Gottes Licht. Ein glücklicher Manu und sie mein alles und eines -er Maria!

(Fortsetzung folgt.)

Das Theater der Zukunft.

Vor einiger Zeit haben wir mit geteilt, daß im Anschluß an dieKönig Oedrpus"-Aufführungen eine Bewegung im Werden ist, die eine das ganze Reich' ,umspannende Bereinigung ßum Zwecke deutscher Bolksfestspiele ins Leben rufen will. Der soeben erschienenen Denkschrift über diese Volksfestspiele entnehmen wir nachstehende Einzelheiten:

Die Idee der Volksfestspiele ergibt sich als seine Notwendig­keit sowohl aus der sozialen Entwickelung unsere!-