Montag den 2. Oktober

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Die weiße Frau.

Roman von 28, Collins.

(Nackdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Sobald Miß Fairste das Zimmer verlassen, ersparte er uns alle Verlegenheit in Bezug auf den anonymen Brief, indem er von selbst den Gegeirftand zur Sprache brachte. Er hatte sich auf seinem Wege von Hampshire in London aufgehalten, hatte seinen Advokaten gesprochen, die ihm von mir zugesandten Dokumente gelesen und dann seine Reise nach Cumberland fortgesetzt, mn uns durch die schnellste, vollständigste Erklärung, welche Worte geben konnten, zu beruhigen. Da ich ihn so sprechen hörte, bot ich ihm das Original des Briefes an, welches ich für seine Durchsicht aufbewahrt hatte. Er dankte mir, schlug es jedoch aus, ihn zu lesen, indem er sagte, er habe die W- schrift gesehen und sei es wohl zufrieden, daß das Original in unseren Händen bleibe.

Er schritt dann sofort zur Erklärung der Sache, die so einfach imb befriedigend war, wie ich es von vornherein erwartet hatte.

Mrs. Catherick, unterrichtete er uns, hatte ihm durch treue Dienste, die sie in früheren Fahren ihm und seiner Faniilie geleistet, einige Verpflichtungen auferlegt. Sie chatte ein zwiefaches Unglück gehabt, indem sie einen Mann geheiratet, der sie bald verlassen, und eine einzige Tochter chatte, deren geistige Fähigkeiten schon von einem zarten Alter an gestört waren. Obgleich sie wegen ihrer Heirat nach einem Teile von Hampshire gezogen, der von Sir Percivals Gütern ziemlich entlegen war, so hatte er doch Sorge getragen, sie nicht aus dem Gesichte zu verlieren. Im Verlaufe der Zeit nahmen die Symptome geistiger Zer­rüttung bei ihrer unglücklichen Tochter in dem Grade zu, daß es notwendig wurde, sie unter geeignete ärztliche Obhut zu stellen. Mrs. Catherick selbst erkannte diese Notwendig­keit an; doch war sie sich zu gleicher Zeit des Vorurteils bewußt, das Leute ihres achtbaren Standes dagegen gefühlt haben würden, falls sie ihre Tochter als eine Hilfsbedürftige in eine öffentliche Irrenanstalt brächte. Sir Percival haste dieses Vorurteil geachtet, und er hätte beschlossen, als dank­bare Anerkennung für Mrs. Cathericks Anhänglichkeit an die Interessen seines Hauses, die Kosten für die Aufnahme ihrer Tochter in einer zuverlässigen Privatirrenanstalt zu bestreiten. Zum Bedauern ihrer Mütter sowohl, als zu seinem eignen, hätte das unglückliche Mädchen den Anteil entdeckt, den er an den Umständen gehübt, durch welche sie unter Zwang gebracht worden, und infolgedessen einen tiefen Haß und Argwohn gegen ihn gefaßt. Diesem Hasse, der sich in der Anstalt auf verschiedene Weise kund getan, war offenbar jener nach ihrem Entweichen geschriebene Snonyme Brief zuzuschretben. Falls Miß Halcombes oder

Mr. Gilmores Kenntnis von dem Briefe diese Ansicht nicht bestätigten, oder falls sie noch fernere Einzelheiten über das Institut wünschten (dessen Adresse er erwähnte, ebenso wie die Namen und Adressen der beiden Aerzte, auf deren Zertifikat die Kranke in der Anstalt ausgenommen worden), so sei er bereit, jede Frage zu beantworten und sie in jeder Ungewißheit aufzuklären. Er habe an dem jungen Frauenzimmer seine Pflicht getan, indem er seinem Geschäftsführer aufgetragen, keine Kosten zu scheuen, um sie wieder aufzusinden und der ärztlichen Sorgfalt zurück­zugeben, und er wünsche jetzt nur uoch, auf dieselbe ein­fache und offene Weise seine Pflicht auch an Miß Fairlis und ihrer Familie zu tun.

Ich war der erste, der auf diese Aufforderung etwas erwiderte. Mein eignes Verfahren, meine Pflicht war mir klar. Ich sollte die Erklärung, die wir soeben gehört hatten, erwägen, dem guten Rufe deS Herrn, der sie uns geliefert, volles Gewicht lassen und redlich entscheiden, ob die Wahrscheinlichkeit von Sir Percivals Beweisen klar für ihn oder klar wider ihn spreche. Meine eigne Ueberzeugung war für ersteres, und ich erklärte demgemäß, daß seine Erklärung meiner Ansicht nach eine entschieden befrie­digende sei.

Miß Halcombe sagte ihrerseits, nachdem sie mich sehr ernst angesehen, ein paar Worte von derselben Bedeutung doch mit einem gewissen Zögern, welches mir durch die Umstände nicht gerechtfertigt schien. Ich kann nicht be­stimmt sagen, ob Sir Percival dies bemerkte ober nicht. Meiner Meinung nach bemerkte er es, denn er nahm den Gegenstand noch" einmal auf, obgleich er ihn jetzt mit voll- koinmener Schicklichkeit hätte fallen lassen können.

Wäre meine einfache Angabe der Tatsachen nur au Mr. Gilmore gerichtet gewesen, sagte er, so würde ich es für unnötig erachten, noch ferner auf diesen unangenehmen Gegenstand zurückzukommen. Ich darf von Mr. Gilmore als einem Ehrenmanne wohl erwarten, daß er mir auf mein Wort glauben wird, und sobald er mir diese Gerechtig­keit hat widerfahren lassen, so ist jede fernere Erörterung über die Sache zwischen uns zu Ende. Doch ist meine Lage einer Dame gegenüber nicht dieselbe. Ich schulde ihr, was ich keinem lebenden Manne einräumen würde, einen Beweis von der Wahrheit meiner Angaben. Sie können diesen Beweis nicht fordern, Miß .Halcombe, und ich bin es Ihnen, noch mehr aber Miß Fairste schuldig, ihn anzubieten. Dürfte ich Sie bitten, sogleich an die Mutter jenes unglücklichen Mädchens, an Mrs. Catherick zu schreiben, und sie um ihr Zeugnis für die Erklärung zu bitten, die ich Ihnen soeben gegeben habe?

Ich sah, wie Miß Halcombe die Farbe wechselte und ein wenig unrnhig ivurde.

Ich bitte Sie sehr, den Brief zu schreiben, fuhr er fort, erzeigen Sie mir diese Gunst. Es braucht Sie nur wenige Minuten zu beschäftigen; Sie haben Mrs. Catherick nur zwei Fragen vorzulegen, einmal, ob ihre Tochter mit ihrer