Ausgabe 
29.10.1910
 
Einzelbild herunterladen

mo

Samstag den 29. Oktober

ass

W

iQOti ®

I JjfsW

41

vM

Das ist der Herbst.

Auf zerzausten, wüsten Beeten glühen Letzte Nasen, die der Wind vergaß .., Dämwerzarte Herbstzeitlosen blühen trauereinsain im verwelkten GraS.

Auf den kalten Marmorstufen zittern Sonnnersatte Blätter stair und tot. ..

An den rostverbräniten Eisengittern hängt ein stumpfes, müdes Abendrot. Todesschweigen gähnt auf allen Pfaden, das gebrochne Leben rührt sich kaum ... fern an blauen Sonnenglanzgestaden Stirbt mein schöner, junger Sonnentraum.

Karl Neurath.

Friedel halb-süß.

Roman von Fedor von Zobelttß.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Frau Margot hätte ruhig zugehört, ohne daß in ihrem noch immer ungewöhnlich anz,iehenven Gesicht sich ein Zug veränderte. Sie schien auf ähnliche Familienbeschlüsse vor­bereitet zu sein. Nun reichte sie Fritz ihre schmale, seine, schön gepflegte Rechte, auf der auch hier, im Boudoir, ein paar kostbare Steine blitzten.

Gib mir deine Hand, Fritzi," sägte sie weich.Ich habe dich immer sehr lieb gehabt auf meine Art; bin stolz auf meinen stattlichen Jungen gewesen und war so froh, daß ich es durchsetzen konnte, dich zu Deinem hübschen Regi­ment zu bringen statt in dieses degoutante Geschäft. Und wenn mir irgend etwas den Abschied von hier schwer macht, so bist du es alleiw"

Wen Abschied?"- Fritz sah aufmerksam in das Gesicht seiner Mutter.Ah, Mamä du denkst an eine Trennung?!"

Ja, mein Junge ich Bin dazu fest entschlossen. Ich will dir auch sagen, weshalb. Weil ich weiß, wie es hier steht, und weil ich fürchte, daß ich euch bei der Sanierung der Verhältnisse im Wege sein werde."

Fritz erhob sich mit starkem Ruck, mit einer ungestümen Bewegung, die seiner Ueberraschung Ausdruck gab.

Mama verzeihe, aber das sagst du so leichthin, als sei es Kinderspiel, sich nach fünfundzw-anzigjähriger Ehe zu trennen. Ich weiß ja: es ist in dieser Ehe nicht alles so gewesen, wie es hätte sein können und sollen. Mein Respekt vor euch verbietet wir, zu untersuchen, wer der schuldigere Teil gewesen ist. Es wäre auch ganz zweck- hos. Aber aber das Eine muß ich dir doch sagen, grade

jetzt, wo ich zu euch zurückgekehrt bin: es schmerzt mich! schmerzt mich tief, kein liebes und warmes Elternhaus mehr zu haben. ..."

Nun fuhr Frau Margot von ihrem Lager auf.Sei mir nicht böse, Fritz," rief sie,ich kann nicht anders! Hör zur vorzuwerfen in unsrer Ehe hat der eine dem andern nichts! Wir paßten nicht zueinander das war unser Unglück. Ich kam aus einer ganz andern Welt als die ist, in der dein Vater ausgewachsen. Ich ja, ich muß es dir sagen, ich habe ihm auch kein Hehl daraus gemacht, daß ich seine Nei­gung nicht erwidern könne daß mir sein Beruf nicht passe gar wicht, gar nicht! Aber seine Leidenschaft schrie alle meine Bedenken nieder. So war denn auch fein Glück nuL ein kurzes, während ich mir das meine suchen konnte."

Ihre Augen flammten. Aber das war gleichsam nur wie in tragischem Spiel. Einen Moment später lächelta sie wieder, ein süßes und liebreizendes Lächeln. Sie setztü sich und faltete die Hände im Schoße.

Ich bin, wie ich bin," sagte sie.Keine züchtig« deutsche Hausfrau, keine brave Ehegattin, vielleicht nicht! einmal eine gute Mutter. Aber, Fritz, alles das hätte ich werden können, wenn ich in andere Hände gekommen wäre. Nicht meine Eitelkeit brauchte Nahrung, vielmehr metrt Ehrgeiz. Es gibt Leute, die für den Höhenflug nicht ge- boren sind und andere, die ihn nicht entbehren können. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte längst von euch Abschied genommen. Heute bin ich zu alt geworden und doch noch nicht alt genug, mich zu einem Kompromiß ent­schließen zu können. Ich will vorläufig auf Reisen gehen. Besprich dich mit deinem Vater und versuche, alle Aeußer- lichkeiten nach Möglichkeit zu meinen Gunsten zu ordnen."

Da wußte Fritz, daß jedes weitere Wort überflüssig gewesen wäre. Sie wollte fort und im letzten Grunde: war es bei dem unheilbaren Bruch dieser Ehe nicht am besten? Dennoch war ihm das Herz schwer. Er dachte zurück au seine Kinderzeit; da hatte er noch die Mutter gehabt, seine schöne kleine Mama, 'die ihn 'im Nachthemd­chen so gern auf den Armen trug, aber nur, wenn Gäste im Hause waren, denen sie ihren hübschen Jungen zeigen konnte. Und doch hatte er damals mit großer Zärtlichkeit an ihr gehangen; sie verwöhnte und verhätschelte ihn und überschüttete ihn mit Liebkosungen. Später freilich sahen seine Augen heller, und da blieb- auch der Aerger über oie Launenhaftigkeit der kapriziösen Frau nicht aus, über ihre Verschwendung, ihren Dünkel, ihre kindische Sucht, glänzen zu wollen. Dennoch stand er sich immer leidlich mit ihr; sie war in der Tat keinegute Mutter" das! war sie nie gewesen, aber sie konnte bei allen ihren- Ä, großen Fehlern doch auch von bezaubernder Lie- irdigkeit sein und in der unerhörten Widerspruchs- fülle ihres Wesens zuweilen von reizender Drolerie. EA war schon richtig: unter anderen Händen hätte ihr Cha­rakter /ich vielleicht fester umrissen entwickeln können h bei ihrem Gatten war das nicht möglich gewesen. Denn