Ausgabe 
29.9.1910
 
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mir gar nicht vor, als ob du Dorothea, Kesselholz, hießest und deine gute Mutter eine geborene ©triefe gewesen wäre. Da hast du etwas entschieden Leichtfertiges

Es macht die Chanipagneratmosphäre, Vater, in der wir leben."

Bitte, in der lebe ich auch und bin doch immer ein braver Spießbürger geblieben."

Aber zum Beispiel Herr von Feßler. Als er zu uns kam, war er von schrecklicher Nüchternheit. Jetzt ist er aufgetaut und fidel geworden und macht mir sogar hin Und wieder ein bißchen den Hof."

Was ich nicht gern sehe. Er ist vom Adel."

Schon der älteste Adel hat geflirtet. Schon Adam Unter dem Apfelbaum."

,Aber die Eva war immerhin eine standesgemäße Partie. Du bist es für Herrn von Feßler nicht."

O Vater, wären wir nicht an £)rt und Stelle, dann würde ich dir mit einer Dissertation antworten, die meiner seminaristischen Erziehung alle Ehre einlegen und dir trotz­dem nicht gefallen würde. So muß ich leider schweigen. Aber ich komme auf deinen Angriff zurück. Wach dich auf eine Gardinenpredigt gefaßt. Dann bin ich nicht Nachtigall, sondern Neuntöter. . . ."

Da sind wir!" rief Fritz int Nähertreten.Herr von Feßler, nun führen Sie uns in Ihre Stammtischecke und Mm Urquell Ihres Lebens, wenn er auch nur als Pilsener strömt!"

(Fortsetzung folgt.)

Kapitän Croker.

Ein Detektivabenteuer von Conan Doyle.

Es war an einem bitterkalten Wintermorgen des Jahres 1897, als jemand meine Bettdecke wegzog und mich munter machte. Es war Holmes. Die Kerze in seiner Hand warf einen! hellen Schein auf sein Gesicht, und ichuperkte auf den easten Blick, daß er etwas Wichtiges vorhatte.

Komm', Watson, komm'!" rief er.Die Jagd geht los. Kein Widerreden! In die Kleider und fort!"

Nach zehn Minuten saßen wir beide bereits in einer Droschke Uuf dem Wege nach der Station Charing Croß. Die Straßen! waren noch leer, nur hie und da sahen wir in dem dunkel'M Llondoner Nebel, der von den ersten Strahlen der Morgen­dämmerung schwach erleuchtet wurde, die verschwommenen, unbe­stimmten Umrisse eines Arbeiters, der früh an sein Tagewerk ging. Holmes hüllte sich schweigend in seinen schweren Ueber- ziehcr, und ich tat das gleiche, denn die Luft war eisig und wir hatten beide stoch nichts im Magen. Erst als wir am Bahnhof etwas heißen Tee genossen and in dem Zuge nach Kent unsere Plätze eingenommen hatten, waren wir soweit aufgetaut, daß er sprechen und ich! zuhören konnte. Er nahm einen Brief aus der Tasche und las ihn mir laut vor:

Lieber Herr Holmes, ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sofort kommen wollten, um mir bei einem Falle, der außerordentlich merkwürdig zu werden verspricht, Ihre Hilfe zu Teil werden zu lassen. Es ist etwas nach Ihrem Geschmack. Wnßcr der Befreiung der Dame will ich dafür sorgen, daß alles genau so bleibt, wie ich es angetrosfen habe, aber ich bitte Sie, keinen Augenblick Zeit zu verlieren, weil es un­möglich ist, Herrn Edward lange liegen zu lassen.

Ihr ergebener Stanley Hopkins."

Hopkins hat mich in sieben Fällen beigezogen, und jedes­mal war seine Aufforderung gerechtfertigt," sagte Holmes.Ich glaube, die hast jeden dieser Fälle in deine Sammlung auf­genommen, und ich muß gestehen, Watson, daß du eine glückliche Wähl zu treffen verstehst, die manches wieder gutmacht, was mir in deinen Geschichten mißfällt. Deine leidige Gepflogenheit, alles vom Standpunkt des Erzählers, statt von dem des Gelehrten zn betrachten, hat es verhindert, daß eine belehrende und vielleicht vorbildliche Serie klassischer Äeweisfälle daraus geworden ist. Du gehst über Stellen der schwierigsten und feinsten Geistesarbeit rasch hinweg, um bei sensationellen Einzelheiten desto länger zu Sckrweilen, die ja den Leser fesseln mögen, aber sicher nicht belehren können."

Warum schreibst du sie denn nicht selbst?" versetzte ich, etwas verletzt.

Das beabsichtige ich jetzt auch, mein lieber Watson, das werde ich ganz gewiß noch tun. Augenblicklich bin ich jedoch, wie du weißt, stark beschäftigt, aber ich habe mir vorgenommen, Meine späteren Jahre der Ausarbeitung eines Werkes zu wid­men, welches die ganze Detektivkunst in einem einzigen Bande KNsammenfassend enthalten soll. Gegenwärtig scheint es sich um einen Mord zu handeln."

Du meinst also, daß dieser Herr Edward tot ist?"

Das ist allerdings Meine Ansicht. Hopkins' Brief verrät Me starke UMezupg, un£ er ist nicht gerade ein Gemütsmensch.

Ja, ich nehme an, daß ein Gewaltakt vorliegt und daß man die Leiche liegen gelassen hat, damit wir sie an Ort und Stelle in Augenschein nehmen können. Bei einem einfachen Selbstmord würde er mich nicht gerufen haben. Was die Befreiung der Dame anbelangt, will es mir scheinen, daß sie während der Ermordung! in ihr Zimmer eingeschlossen gewesen ist. Wir haben's mit seinen Leuten zu tun, Watson; beste Briefbogen, Monogramm E. B., Wappen, künstlerisch ausgestattete Kuverts. Ich vermute, daß Freund Hopkins seinen Rus erhöhen wird, und daß uns ein' interessanter Vormittag bevorsteht. Das Verbrechen ist heute nacht vor zwölf verübt worden."

Woher weißt du das?"

Durch einen Blick ins Kursbuch und durch Berechnung der Zeit. Zuerst mußte die Ortspolizei in Kenntnis gesetzt werden, diese mußte sich mit der Londoner Polizei verbinden, Hopkins! mußte hinausfahren und seinerseits wieder nach mir schicken. Das' alles zusammen kostet wohl eine Nacht Zeit. Nun, hier sind wir in Chislehurst, und bald werden unsere Zweifel gehoben! fein."

Eine Fahrt von ein paar Meilen auf schmalen Feldwegen brachte uns an einen Park. Ein alter Pförtner, von dessen magerem Gesicht man Mesen konnte, daß ein großes Unglück passiert war, öffnete uns die breiten Tore. Wir befanden uns in einem herr­lichen Park und schritten eine mit alten Ulmen bestandene Allee entlang, deren Abschluß ein weites, niedriges Gebäude in palla- dinischem Stil bildete. Der mittlere Teil war offenbar sehr alt und ganz mit Efeu überzogen, aber die großen Fenster wiesen auf moderne Aendernngen hin, und ein Flügel schien überhaupt ganz neu zu fein. Am Eingang kam ung Inspektor Hopkins entgegen.

Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind, Herr Holmes, und Sie auch, Herr Dr. Watson! Aber trotzdem würde rch Sie, wenn ich's jetzt noch 'mal zu tun hätte, nicht belästigen, denn die .Dame hat, sobald sie wieder zu sich gekommen war, einett so klaren Bericht' des Hergangs gegeben, daß uns nicht viel zu tun übrig bleibt. Sie kennen doch die Lewishamer Einbrecherbande?"

Was, die drei Randalls?"

Jawohl; der Vater mit seinen zwei Söhnen. Die haben's verübt. Daran ist gar nicht zu' zweifeln. Vor vierzehn Tagen haben ie in Sydenham einen großen Einbruchsdiebstahl ausgeführt nnbj ind gesehen und beschrteben worden. Es ist zwar etwas frech, o kurz darauf und so nahe dabei einen zweiten zu wagen, aber ie sind's gewesen, das steht fest. Diesesmal geht's ihnen an den' Kragett."

Dann ist der Baron Edward wohl tot?" ' 1

>; nisin hat ihm mit seinem eigenen Ofenhaken den Schädel eingeschlagen."

i,,Wie mir der Kutscher sagte, handelt es sich um den Baron Alfred Brackenstall."

Ganz recht einen der reichsten Männer in Kent. Dis Baronitl Brackenstall ist in ihrem Schlafzimmer. Die arme Fran hat Schreckliches durchgemacht. Sie schien halb tot, als ich sie zum erstenmal sah. Es ist am besten, wenn Sie gleich ztt ihr gehen und sich erzählen lassen, wie sich's zuyetragen hat. Dann wollen wir gemeinsam das Speisezimmer besichtigen."

Baronin Brackenstall war keine alltägliche Erscheinung. Ich habe selten eine so anmutige Gestalt, eine so echt weibliche Per­sönlichkeit und ein so schönes Gesicht gesehen. Sie war eine Blondine mit goldenem Haar und blauen Augen und würde zweifelsohne auch die sonstigen Eigentümlichkeiten dieses Typs gehabt haben, wenn sie nicht das Erlebnis der verflossenen Nacht verstört und bleich gemacht hätte. Sie litt sowohl körperlich wie seelisch. Ueber' bem einen Ange hatte sie eine häßliche schwarz­blaue Geschwulst, die ihre Dienerin, ein großes, ernstes Weib, unablässig mit Wasser und Essig badete. Die Baronin lag er­schöpft auf einer Chaiselongue, aber ihr munterer Blick, mit dem sie uns sofort beim Eintreten Bemerrte, und der lebhafte Aus­druck ihres hübschen Gesichts zeigte uns, daß weder ihr Bewußt­sein getrübt, noch ihr Lebensmut durch die vorhergegangenen! Schrecken erschüttert mar. Sie war in ein blau und weißes, loses Morgenkleid gehüllt, aber danebeit ans einem Sofa lag ein schwarzes, goldbesetztes Gesellschaftskleid ausgebreitet.

Ich habe Ihnen ja bereits alles erzählt, Herr Hopkins," sagte sie müde,könnten Sie's nicht für mich wiederhvlcnL Doch, wenn Sie's für nötig halten, will ich's den Herren nock 'inal erzählen. Sind Sie schon im Speisesalon gewesen?" 'Ich dachte, es sei besser, wenn die Herren zuerst.aus Ihrem Munde erführen, wie sich's zugetragen hat." _

Es würde mir sehr angenehm sein, wenn tote die Lmche in Ordnung bringen könnten. Ter Gedanke, daß er noch immer dort liegt, ist mir schrecklich." Sie erschauderte und verbarg einen Augenblick das Gesicht mit den Händen. Bei dieser Bewegung fielen die weiten Acrmel zurück, und Holmes bemerkte zwei rote! Stellen an dem einen der weißen, wohlgerundeten Arme.

Sie haben noch andere Verletzungen, gnädige Fran!" rief er aus.Woher kommt das?"

Sie deckte sie rasch zu.

Es ist nichts. Es hängt in keiner Weste mit der inrchtbaren Begebentzest der vergangenen Nacht zusammen^ Wenn.Sze UM