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Die Säße überstürzten sich, es wttr mir eine Erlösung, Alles herauszusagen. Er hörte mir zu ohne ein Wort. Meinen Sinn hatte er freigelassen und lief in der Stube auf und D, die Hände auf dem Rücken, den Kopf vor­gebückt. Schließlich blieb er vor mir stehen. Ich wußte auf einmal nichts mehr zu sagen, als ich fein Gesicht sah. Es war schwer ernst, beinah streng.

Das ist eine böse Geschichte, Kind. Es ist schlimm, wenn wir mit Toten im Streit sind. Die ziehen immer den kürzeren, weil sie sich nicht wehren und uns Rede stehen können. Da muß es denn ein Lebendiger für sie tun. Sie sind noch so jung und daruni sind Sie hart. Genau wie die Anna damals, Ihre Mutter. Sehen Sie, wenn Ihnen meine alten Briefe in die Hände gekommen sind, dann wissen Sie wahrscheinlich noch mehr von mir. Auch das andere"

Er räusperte sich und schob mir einen Stuhl hin.

Da, setzen Sie sich her, und hören Sie zu. Schauen Sie, ich war damals ein junger K^erl von zweiundzwanzig Und toie närrisch auf das Äennchen. Ich hab sie angeschaut wie die Zenz ihre Heiligenbilder. Ich wußte ja, ich war «in gröber Klotz und nicht güt genug für sie. Und wenn Mir's auch hart war, ich hätte sie keinem lieber gegönnt Äs dem Peter Florenz Slls dann nachher die böse Geschichte kam erwürgen hätt ich ihn können mit meinen Fäusten"

Er wechselte mit einem Ruck die Stellung und schüttelte den Kopf.

Ich will Ihnen ja aber erzählen, wie ich heute die Sache anschaue, und nicht, wie ich's damals tat. Da war ich eben ein Hitzkopf und sprach wie Sie jetzt. Ich will ja nun auch nicht schwarz weiß und bös gut nennen, aber man hat sich doch allerlei Wind um die Nase wehen lassen Und selbst manches auf dem Kerbholz."

Die Pausen, die er machte, waren sonderbar schwer in denk großen, stillen, toten Raum voll Vergangenheit. Ich mochte- kein Wort sagen und mich nicht rühren und wartete nur, bis .er wieder anfing:

Sehen Sie, ich bin nie ein frommer Mann gewesen. Mas der Seppl davon hat, das kommt von seiner Mutter, die war eine Katholikin, eine von den ganz strengen. Slber sp manches ist mir doch aus der Kinderlehre sitzen geblieben. Irgendwo in der Bibel steht da von einer, die gesündigt hatte: wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Der das gesagt hat, der hat das nichtsnutzige Menschenvolk gekannt. Und heute wollte ich fast wünschen, Oie wären nicht so ein Kind und weißgewaschenes Seelchen, das nichts erlebt hat. Dann würden Sie mich besser ver­stehen. Und es wäre auch leichter, davon zu reden."

Mir brannte auf einmäl das Gesicht. Ich nichts erlebt!

Der Professor sah Mich nicht an.

Der Peter Florenz und ich! sind immer sehr ver­schieden gewesen. Ich grob und gradeaus und mit dem Köpf durch die Wand. Und alles hab ich mir mühsam erarbeiten müssen, auch die gute Meinung der Menschen. Und er so ein vornehmer, feiner Mustlermeusch, der alle Ecken und Kanten nicht sah oder sacht darum herumging, Und dem nach den ersten paar schweren Jahren alles glückte und nur so in den Schoß fiel. Besonders die Frauen, die waren wie toll auf ihn. Er brauchte nur eine auzu- schauen, da war sie schon weg. Und er je nun, er ließ sich ganz gern verziehen und anfeiern. Heißes Blut hatte er auch, aber es verflog schnell, und dann kam das böse Ende nach, weil er schwach war und keiner wehtun möchte und die Geschichten dann nicht los wurde. Wir haben ihn oft damit geneckt."

Meder eine dieser Pausen. Eine plötzliche Ungeduld packte mich. Was jetzt kam, kannte ich, konnte es ihm selbst erzählen, Wort für Wort. Was konnte er mir da Neues sagen? Die nackten Tatsachen blieben die gleichen. Glaubte er denn, daß er mich darüber wegtäuschen könnte, wenn er ihnen ein Mäntelchen von schönen Wörten um» hängte?

Wenn ich nur nicht hätte zuhören brauchen! Wenn ^ch mich in andere Gedanken hätte retten können vor dieser verhaßten Geschichte, an der ich mich zermartert habe, Wochen und Monate!

Wer die laute Stimme neben mir war ein rein phh- sifcher Zwang, ich mußte sie hören.

Es war da ein Mädel, ein hübsches, kokettes Dingt Die Geschichte spielte, ehe er sich verlobte, Einzelheiten sind ja überflüssig. Als er nun verheiratet war uud viel herum­kam wegen seiner Ausführungen, fand er sie an einer BühNe wieder. Sie mag ihn auch wirklich gern gehabt haben in ihrer Art. Und er lieb hatte er feine Frau ja. Aber die Anna war zart und brauchte Schonung. Und dann, seit das Kleine da war, lebte sie nur für das, und der Mann spielte zweite Geige. Das war deö Peter Florenz nicht gewohnt. Und wie da die andere ihn richtig zu nehmen wußte, steckte er bald wieder im Netz."

Ich konnte mich nicht mehr halten, ich mußte dazwischen fahren!Ist das Ihre Version deswer unter euch ohne Sünde ist"? Um ihn weißzubreunen, packen Sie dem Mäd­chen die Last auf? Er, er, er allein hat gesündigt! Er mußte wissen, was ek seiner Frau und seinem Kind schuldig war."

Eine undeutliche Erinnerung blitzte mir durch den Köpf während meiner eigenen Worte. Hätte ich das schon ein­mal so gesagt? oder sagen hören?

Und auf einmal wußte ich es: Tilla!

Mein Mann weiß, was er seiner Frau und seinem Sohn schuldig ist."

Pfui! Wie kam mir der Vergleich? Er brannte mich wie Feuer.

Was hat mein heiligstes und schwerstes Erleben gemein­sam mit dieser schmutzigenTheaterliebschaft", wie die alten SSxicfc nennen ?

Was Tilla mir da ins Gesicht warf, berührt mich und ihn nicht.

Schuldig ist inan nur dem etwas, der uns selbst gab. Was gab sie ihm denn? Jhöe Liebe, ihr eigenstes! Ich, wie die Frau es dem Mann geben soll? Sie .hat gnädig feinen Namen angenommen imb .sich nachher der Mesalliance geschämt.

Das hätte ich ihr sagen müssen damals, wenn mir nicht der Ekel an der häßlichen Szene den Biuud verboten hätte! '

Ich will ihn nicht weißbrenncu.. Schuld bleibt Schuld. Ich will nur nach beiden Seiten ab wägen. Ein Splitter-, richter bin ich nicht, das haben Sie wohl daraus gesehen, wie ich die Sache mit dem Dollkopf, der kleinen Gelsai -auffasse. Scher wo fremdes Eigentum ist, da heißt es für mich: Hand davon. Vor allem bei eines andern Mannes Ehe. Stehlen, was des andern ist pfui Kuckuck! Sluch wenn man gar keine Religion hat, ist das einfach Sache der moralischen Reinlichkeit, des Ehrgefühls. Slber ich will auf das Mädel auch keinen Stein werfen. Wer weist wie die ausgewachsen war. Woher soll so was Ehrgefühl haben?"

Ich starrte ihn an; ich war so tief in meine eigenen Gedanken verfangen und verwirrt, daß es mir einen Augen­blick war, als ob er direkt zu mir, von mir sprach. Ein p-aar schwere Herzschläge nahmen mir fast den Atem.

Ich besann mich sofort. Es war ja lange her, wovon er sprach.

Der Professor zuckte die Schultern.

Wozu weiter von ihr reden? Sie ist später verkom­men. Der Peter Florenz hat schwer für die Sache gebüßt. Erst hatte er gedacht, seine Frau wüßte von nichts. Dann, als sie ihm darüber schrieb, hat die Person Ihm eingeredet, das leicht zu nehmen. Bis die Sin na dann plötzlich aus seinem Haus ging. Er war außer sich, als er das hörte, sofort hat er die tolle Geschichte abgebrochen uud Himmel! und Erde in Bewegung gesetzt, um seine Frau zu versöhnen. Wer die Anna solche kleine Heilige haben das manch­mal so art sich. Weil sie das sündhafte Gelichter nicht ver­stehen, darum können sie nicht verzeihen. Grade wie Sie. Es war da nichts zu machen."

(Fortsetzung folgt.)

Die Städtebau-Ausstellung.

Der Inhalt des großartigen und einzigartigen Unternehmens das ernt 1. Mai unter dem Namen derStädtebauausstellung" seine Tor« geöffnet, ist das gewaltigste Kunstgebilde unserer mo­dernen Zeit: die Weltstadt. Der von den Stadt- und Land- gemeinLen Groß-Berlins ausgeschriebene Wettbewerb Mr den Grundlinienplan eines einheitlichen Weltstadtgebildes liefert bat Kern und Mittelpunkt des Ganzen, um den dann ein reicheres illustrierendes Material gruppiert würde. Es galt nämlich zu