Ausgabe 
19.5.1910
 
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Donnerstag den \9. Mak

MO Nr. 76

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Ihres Vaters Tochter.

Roman von Sulu von Strauß, u n d Torney.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

2. Mai.

Nun ist es also doch gekommen. Die Vergangenheit ist aufgestanden und sieht mich mit bösen, unerbittlichen Augen au. Diese Vergangenheit, die ich zngedeckt glaubte von vielen neuen, glücklichen und bitterschweren Stunden., daß sie nie wieder lebendig werden könnte!

Ick) weiß nicht, wo ich anfangen soll zu "denken. 'Es ist alles wie früher und doch fremd und anders, weil ich es durch eines andern Augen sehen soll.

Ich ging mit dem Professor nach Tisch durch den Garten, Um zu sehen, ob unser kleiner Kranker sich eine Stunde sonnen darf. Es ist sommerlich warm, die Büsche hell von jungen Blättchen und Knospen.

Der Professor blieb auf eininal mitten auf dem unkraut­überwachsenen Kiesweg stehen, die Hände in den Joppen­taschen, und sah am Haus hinauf.

Was haben Sie da denn für eine verwunschene Btau- bartkammer? Ich warte schon drei Tage, daß einer die Fensterladen aufmacht."

Ich benutze das Zimmer nicht."

Warum nicht? Es muß ja der schönste Raum im Haus sein?"

Ich zögerte einen Augenblick.

Es war meines Vaters Stube."

Der Professor schwieg erst. Und plötzlich klopfte er mich auf die Schulter.

Kind, alles, .was recht ist! Aber auch die Trauer hat ihre Grenzen.' Sie müssen sich das mal vernünftig sagen."

Es ist nicht Trauer"

Er ließ mir nicht Zeit zum Erklären.

Ja, was denn sonst? Nun seien Sie 6taü und kommen Sie mal mit, wir zwei wollen zusammen hineingehen und wieder Licht und Luft in das dunkle Loch lassen. Das sieht sich alles anders an, wenn man so tvas nicht allein tut. Und mir als altem Kameraden Ihres Toten dürfen Sie das schon erlauben."

Er hörte gar nicht auf meine Gegenrede. Noch ein paar Minuten, und er drehte den Schlüssel und riß, mit kräftigem Ruck die verguollene Tür auf.

Es !var fast dunkel, nur durch die kleinen Ausschnitte in den Holzladen kam das Licht auf einer schmalen Bahn von Sonnenstaub herein und uralte ein verschobenes Herz auf den Fußboden. Ich tastete mich dein bißchen Hellig­keit nach und schlug die Laden zurück.

Das Licht blendete mich. Als ich mich umwandte, lag es grell in dem großen Raum und füllte ihn aufdringlich bis in die Ecken.

Ein plötzlicher Schreck kam über mich.

Alles wie damals, als ob ich erst gestern heraus­gegangen wäre. Jeder Stuhl auf dem alten Fleck, die Bilder und die ljohen Bücherregale, das Glas mit den vertrockneten Rosen und der breite Schreibtisch voll Papiere.

Aber nicht nur das greifbare Aeußere wie damals, auch die unsichtbaren Dinge tonten auf einmal wieder da. Die erste starre Hilflosigkeit des Schmerzes, die Scham, der ganze Zorn und Jammer. Es fiel über mich wie eine erstickende Last.

Der Professor war mit ein paar starken Schritten zum Fenster .gegangen und machte beide Flügel weit auf.

Zuerst ein bissel Gottesluft in den Moder herein," sagte er laut neben mir,und dann wollen wir einmal ruhig von ihm reden. Es ist nicht recht, daß wir unsere! Toten auch noch totschweigen."

Ich sah ihm gerade ins Gesicht. Und ich empörte mich plötzlich innerlich gegen diesen Menschen, der da schon wieder mit derben Händen unbekümmert in mein Leben eingrisf. Warum störte er auf, was schon in Ruhe war?

Ja, gut, wir wollen von ihm reden. Aber nur, wenn Sie nicht mehr Komödie mit mir spielen!"

Ich? Komödie?"

Ohne eine Spur von Verständnis sah er mich an. Mer er sollte verstehen!

Ja, Sie! Ich weiß, daß Sie die Vergangenheit meines Vaters kennen, aus Dutzenden von Briefen da im Schreibj- tisch weiß ich es. Und ich weiß, daß Sie ihn verdammen, und doch tun Sie, als ob er Ihr bester Freund wäre und Ihnen wer weiß wie hoch stände."

So, das wußten Sie alles?"

Er kam mir auf einmal fast drohend Nah und stand breit und groß vor mir.

Wissen Sie denn, daß ich da eher das Recht habe. Ihnen etwas vorzuwerfen? Ich denke mir da, das arme Kind weiß nichts von den dummen, alten Geschichten, also, den Mund halten und Rücksicht nehmen, ihr ja nicht wehkun. Und Sie sehen das alles ganz ruhig an und haben nicht mal so viel Vertrauen, daß Sie mir ein Offenes Wörtl gönnen!"

Ich lachte, aber nur mit den'Lippen.

Also Sie haben auch das schöne Bertuschungssystein, das er selbst hatte? Nur alles gut zudecken, dann ist es einerlei, was an Lüge und Häßlichkeiten drunter stecht! So war sein Leben ja auch!"

Still! Sofort! Versündigen Sie sich nicht!" Er packte mein Handgelenk, daß es mir wehtat.Sie sprechen von einem Dolen! Und von Ihrem Vater!"

Gerade weil xr mein Vater war! Weil er es litt, daß ich an ihn glaubte, ihn beinah anbetete! Weil er das alles sich gefallen ließ und dabei doch wußte, daß er es nicht wert war, daß ich ihn verachtet hätte, wenn ich ihn wirklich gekannt hätte"