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(Fortsetzung folgt.)

'Zum

Von

Ferdinand ßreiiigrath.

10 0. Geburtstage (17. Juni 1910).

Adolf Bergheimer in Laubach.

Es gibt kein deutsches Lesebuch, in dem nicht ein Gedicht bott Freiligrath steht. Die Kindcrlippen sprechen es. Was ist der Schmuck und die Ehre eines Volkes? Nicht sein Schlachienruhm, sondern seine geistige Arbeit. Da sammeln die Völker auf oeml Erdenrund, und ein Volk spricht zum andern: Sieh her, das M mein und das fei unser. Es nimmt das beste, Mas es zu bieten! hat. Die Einheit der Jugendeindrücke ist von unberechenbare-i! Folgen. Es gibt Lieder, die in jedem anklingen und zum Eigentum! werden, die die innerste Einheit mit seinen Heimats- und Vater­landsgenossen bilden und schaffen. So ergeht es uns mit deck Liedern des Mannes, der morgen seinen hundertsten GAmrtstag! feiert. Mer sollte nicht seinHurrah Germania!", seineLrvmfure von Gravelotte", seinO lieb, so lang du lieben kannst!" kennen?

Ferdinand Freiligrath wurde als Sohn eines Lehrers inj Detmold geboren. Im 7. Jahr verlor er seine Mutter und der Archivrat Klostermeier war von Einfluß auf seine Jugendbildung- Anfänglich besuchte er das dortige Gymnasium, doch die Mittel! reichten nicht zum Studium, und sein Vater tat ihn in das Ge­schäft eines Onkels in Svest in Westfalen. Eine alte KinderbrbÄ und viele Reisebeschreibnngen lenkten seine Phantasie frühe ut den Orient; 16 jährig schrieb er seine ersten Gedichte, woriucke» der isländischeMoosthee" ihn berühmt machte. Der Jüngling/ der den Tee aus denbitteren Flechten" trinken must, rauberh sich die ganze Landschaft vor, daraus sie sprießen und es ist em Doppelbild: Das wallende Blut in ihm und die rollenden Ge­walten des vor seiner Phantasie sich ansbrcitendeir Erdstriaw- Er will dieser Insel gleichen. Seine vulkanische Natur spricht

Sohne.

Nein!" Doleschal hatte den Blick ausgefangen.Ader! Sie können mir ruhig sagen, was Ihnen nicht behagt. Ich interessiere mich für die Kolonisation. Ich bin auch Deut­scher.' Hier in der Nachbarschaft ansässig Doleschal auf Deutschau!"

grün vermoosten Strohdächer, hier schassten noch alle fleißig aus dem Felds.

Soll ich dich mal über die Aecker fahren?" fragte er seine Frau.Viel zu sehen wird freilich noch nicht fein; Wer sie haben ja die Freijahre, die sind eine riesig kulante Einrichtung!"

.Wohlgefällig schaute er sich um:Sieh mal, wie nett, wie sauber! Wie aus der Spielschachtel! Unsre Ansied­lung ist die allervielversprechendste. Erinnerst du dich, noch/ vor fünf Jahren, als sie hier das Gut parzellierten? Wie hernntergewirtschastet das war?! Und wie sieht es jetzt aus! Freilich, es wird noch eine Weile dauern, ^bis den ausgesogene Boden sich wieder erholt hat. Mer linier tüch­tig en Arbeitshänden da, sieh mal!" Sich unterbrechend/ zeigte er aus eine kreisrunde mächtige Scheune:Wie ein! Zirkus! Ein bißchen groß, aber, na die hat sich der Amerikaner gebaut! Famoses Ding, was? Links das nied­liche Gehöft gehört einem Schwaben. Ach, sieh' mal au, hat sich der Mann neben den Obstbäumchen auch Rebstöcke gepflanzt ; ist das nicht rührend? Da hinten fitzen die Kolonisten aus der hiesigen Provinz alle zusammen. Und hier sind wir bei den Rheinländern!"

Sie waren die ungepflasterte Straße, an der die Häus­chen und die Scheunen sich rechts und links verteilten, eilt paar Mal aus und nieder gefahren. Nun hielten sie bei oent Neubau an.

Peter Bräuer und sein SohU sägten gerade an einem! Balken. Die Säge war stumpf geworden, widrig klang ihr Gequietsch, und widerwillig nur gab der Balken nach. Mit einer gewissen Verdrossenheit arbeiteten beide Männer; sie blickten auch kaum auf, als Dolefchal vom Wagen ab- fprang und seiner Frau die Zügel übergab.

Er trat zu den Arbeitenden und sagte:Nun, wie steht's mit dem Bau?"

Tag!" Vater Bräuer faßte nur an die Mütze, während der Sohn die seine wohl heruntertat, aber sogleich wieder aussetzte.Könnt' besser fein. Mer kömmt int voran. Hätt' ich dat gewußt!"

Wieso hätten Sie was gewußt?" fragte Doleschal lebhaft.Ueber was haben Sie sich zu beklagen?!"

Der Herr ist wohl auch einer von der Kommission?" sagte Peter mißtrauisch und wechselte einen Blick mit seinem

Spräche, die Gott der Herr spricht, darinnen die heilige Mutter zum Sohne spricht.

Die dapsia krew!" Energisch hob der Hirt das Mit Lappen und Schnuren umwickelte Bein und stampfte Mit dem Bastschuh! den Grenzstein. Sein Mund, dessen Lippen durchs Alter so schmal geworden, daß sie ganz in der verschrumpfteu Kinn- und Backeuhaut verschwanden, murmelten Pen Fluch:Möge sie der feurige Blitz zer­schmettern!" Konnten sie nicht bleiben, wo sie geboren worden r jeder soll bleiben, wo ihn die Mutter ge­boren was mußten sie hierher kommen?! Trugen sie keine Scheu, so dicht zu nahen dem Nest des weißen Adlers?

Drohend hob Dudek den schweren Stock, die geballte Faust schüttelte er gegen die kleine Kolonie. Da waren ihrer wieder neue hinzugekommen, weiße Eindringlinge Mit gelben Haaren sie bauten ein Haus!

Noch schimmerten die unbedeckten Dachsparren wie die Rippen eines Skeletts, aber geschäftig eilten die Männer beim' Bau; man sah ihre Gestalten sich richten und bücken, sich drehen und wenden in emsiger Bewegung, wie unruhige Zwerge auf dem Teller der großen Ebene.

Sie bauen, sie bauen," rief Helene erfreut und klatschte in die Hände.

Da drehte sich der Lllte um. Er hatte den Wagen nicht ?erankommen hören, sein Ohr war nicht mehr scharf, aber ein Auge noch. Ohne Uebereilung, schwerfällig stieg er nieder vom Grenzstein und zog, das Knie beugend, den Hut.

Freundlich grüßte ihn Helene, war doch seine Frau die Schwester von ihres Mannes einstiger Amme, der alten Pelasia.

Tag, Dudek, wie geht's? Kommt ihr nicht auf einen Sonntag die Pelasia besuchen? Sie beklagt sich, daß nie­mand nach ihr sieht!"

Wenn sie sich sehnt nach ihren Eigenen, soll sie kommen!"

Ihr seid viel rüstiger als sie, Dudek, und Eure Frau ist auch wohl noch besser zu Fuß. Sagt, was machen denn Eure Enkel, der Jendrek und die Michalina? Daß ich's Pelasia erzählen kann!"

Hat der Jendrek bei Soldaten gemußt. Haben sie ihn geschickt, weit, sehr weit, wo niemand versteht ihn. Js die Michalina zu Herrschaft gezogen, is sich auch Amme geworden hei fremdes Kind!"

Nun, Dudek, und was machen Eure Schafe? Ich sehe schon, sie sind gut imstande. Sie sind gewaschen, sind ja weiß wie Schnee!"

Mutterschafe sind sich gewaschen; aber wie lange noch werden Lämmer (einige sein? Alles nimmt sich Fremder, jalles!" In einer resignierten Melancholie ließ der alte Mann den Kopf auf die Brust sinken.

Wieviel Schafe habt Ihr jetzt?" fragte Doleschal.

Nun hörte Dudek aus einmal gar nicht mehr. Mit weit.ausholenden Schritten in die Roggenstoppel stapfend, schrie er schimpfend nach seiner Herde und dem lässigen Hütejungen. ®er. wolfsähnliche Hund, der bis jetzt trüg am Stein geblinzelt, jagte mit wütendem Gekläff vor ihm her.

Vergebens rief Helene:Soll ich Pelasia grüßen?" Keine Antwort mehr. Taub war der Schäfer, aber auch blind, denn er suchte seine Herde, wo diese gar nicht zu finden war. Ein heißer Wind, der plötzlich mit Kraft über die Ebene schnob, lüftete feinen Schafpelz und warf die weißen Haare, die ihm langsträhnig unterm! Hut vorhingen, wild durcheinander.

Als Helene nach einer Weile zurückblickte, stand Kuba Dudek wieder auf dem Grenzstein; unbeweglich, wie der Weiser an der Wegscheide, reckte sich sein Arm.

In der Kolonie war nicht die muntere Geschäftigkeit, die man in der Ferne zu sehen vermeint. Nur die Bräuers waren beim Hausbau; von den andern Ansiedlern ließ Sich niemand blicken, Helene war einigermaßen enttäuscht, Mtte sie doch geglaubt, die Fraupn aus den Türschwellen itzend zu finben, schwatzend beim Kartoffelschälen, wie sie iie Frauen viel hundertmal gesehen hatte im deutschen ®orf beim elterlichen Gut.

Wer Doleschal war seht befriedigt: noch war nicht Feierabend gemacht ! Drüben in Pociecha-Dorf stiegen schon Rauchsäulchen aus den zusammengesunkenen Schlöten der