— 234 —
24. November.
Mrpurrot.
Novemberfrühling!
So ging es gut. ' Er führte Mich ganz! langsam, ich machte die Äugen zu iit diesen: wundervollen Gefühl von Sicherheit und Ausruhen. Tilta war an meiner andern Seite geblieben, die beiden .sprachen über mich weg, ich weiß, nicht ivas. Ich hörte nur irgendwo in der Hecke" die schrillen, lebendigen Zwitschertöne einer Meise und fühlte Sonne und Wärme wie ein laues Bad um Stern und Gesicht. Durch- die geschlossenen Lider sah ich in lauter
Vorgestern kam Tilla ungewohnt früh und lebhaft zu Mir herein, als ich noch sm Bett unter dem hellblauen Himmel von Libertyseide lag.
„Aga, ich muß elwas mit dir besprechen. Sieh, wir geben ja selbstverständlich wegen deiner Trauer jetzt feine größeren Gesellschaften, aber wir haben ein paar dringende Verpflichtungen, die wir nicht mehr aufschiebeu können. Du oist ja über die erste Trauerzeit hinaus, es ist ja überhaupt jetzt schick, sehr tief, aber dafür nicht so lange zu trauern."
Schick! Was geht mich das an? Wenn ich ganz ehrlich wäre, dürfte ich überhaupt nicht in schwarzen Kleidern gehn. Das ist für mich nur Komödie.
Aber die Menschen! Fremde Gesichter! Konversation machen, Kleinstadlhorizont! Ich habe noch eine nervöse Angst davor. ,
Das alles dachte ich aber nur. Offiziell versteckte ich Mich hinter dem Mangel einer passenden Toilette.
Aber Tilla war vorbereitet.
„Ich habe schwarzen Lasst liegen, meine Schneiderin, macht dir bis morgen alles. Du mußt mir den Gefallen tun, es sieht so wunderlich aus, wenn du nicht dabei bist. Du sollst auch den anspruchslosesten Tischherrn haben, damit du dich nicht überanstrengst."
Ich fügte mich seufzend und habe mir richtig aus Lafft und Spitzen etwas bauen lassen.
Ich habe Tilla. sogar geholfen, den Tisch zu decken. In der Freude an schönem Glas, altem Silber und vornehmem Lebensschmuck finden wir beide uns. Wir hatten aus den: weißen Wappendamast der Tafel ein wahres Wunder ans Tuffs großblütiger Herbstveilchen und breiten, blcchveilchen- farbigen Bändern zustande gebracht.
Georg blieb mit erstauntem Gesicht vor mir stehn, als er in die erleuchteten Raume kam, kurz vor Ankunft der Gäste.
„Aber ich kenne ja heute das .Schulmädel' gar nicht wieder! Tilla, weiht du, wie sie aussieht? Wie ein Burne Jones! Verzeihen Sie die Kritik!"
Tilla sah mich auch befriedigt von oben bis unten an.
„Ja, die Sache ist gelungen. Schwarz ist auch gerade zu diesem matten Blond kleidsam.
Georg machte ein ernsthaftes Gesicht.
„Wenn Sie es nur aushalten, Agnes."
„Ach Unsinn, Georg. Wenn es ihr zu viel wird, kann sie sich ja einfach französisch drücken. Und ich habe ihr Haiden als Tischherrn gegeben, der strengt seine Dame nicht an, wenn er zu essen hat. Er ist-froh!, wenn sie ihn! nicht stört. Ich will dir die Leute: lieber vorher beschreiben, Aga'."
Ich wehrte mich aber dagegen, ich mag mir lieber mein eigenes Urteil bilden. Also wußte ich nur: der Kommandeur mit Frau, Frau von Gelsa mit zwei Töchtern, einer schönen und einer häßlichen — und drei, vier Leutnants.
Mir schwamm zuerst der Kopf von Stimmen, Namen, (xuMrt.+pr-it Dank meinem Tischherrn, einem kurzen, dicken Oberleutnant, der wirklich anspruchslos war und sich mit wortloser Hingabe in Schinken und Trüffeln vertiefte, kam tu; uiuu wceoer zu nur und sondierte das Terrain. Ter Kommandeur, ein scharfer, schnauzbärtiger Herr mit rotem Gesicht — seine Frau mit Schlittenpferdkopfputz über einem säuerlichen Lächeln. Noch eine alte Dame ohne besondere Kennzeichen. Ein paar typische Leutnantsköpfe. Dn lieber Hinimel, warum ivar ich nicht oben geblieben?
Aber das Gähnen blieb mir im Hals stecken, mir schräg gegenüber entdeckte ich plötzlich etwas. Tiefe, schwarze Scheitel, Augenbrauen wie Ko.hlesiriche — und ein dunkler, gar nicht allznzarter Bärtchenschatten über einem sehr roten, großen, gutgesormten Mund.
Die häßliche Gelsasche Tochter mußte- es sein. Die schöne ist ein Wachspyppenkopf aus dem Friseurladen.
Unsere Augen begegneten sich, sie sah mich ein paar Sekunden ganz- ruhig an. Drahtlose Telegraphie: ich mag dich. Als sie wegsah, war ein humoristisches Zwinkern um die schwarzen Augen.
Ich langweilte mich plötzlich nicht mehr, das Gesicht mir gegenüber hypnotisierte mich, ich studierte es Zug für Zug. Humor und Energie steckten darin. Sie sagte nicht viel, aber sie schwieg intelligent. Sie wurde nicht sehr beachtet, auch von den Herren nicht. Augenscheinlich quittierte sie dafür innerlich- mit kleinen lustigen Bosheiten und amüsierte sich gut dabei. Sie konnte höchstens zwanzig Jahre fein.
Die drahtlose Telegraphie hatte tadellos funktioniert. Sie kam sofort nach Tisch gerade auf mich losgesteuert.
„Frau von Berg erzählt mir, daß Sie sehr krank gewesen sind, da dürfen Sie nicht so lange stehn; setzen Sie sich hier auf das kleine Sofa," sagte sie ganz ohne Umstände, als ob sie mich längst kannte, „Sie taten mir bei Tisch so leid, Sie sahen so bl-aß aus und sagten nichts."
Ich lachte. „Sie ja auch nicht."
Sie zog ausdrucksvoll die Augenbrauen hoch.
„Ja, Bauer, das ist ganz was anderes! Wenn ich den Mund auftue, werfen sich Mama und Klothilde gleich Blicke zu: ach Gott, das enfant terrible!"
Sie^schob mir ein Kissen hinter den Rücken, eine Fuße bank unter die Füße und sah mich dann befriedigt an wie eine Beute.
„So, jetzt hab ich ©ie da, und nun werde ich auch gleich wieder eine Dummheit sagen. Ich mag Sie nämlich sehr gern leiden, Sie kleine, blonde Prinzessin!"
Ich mußte laut lachen: „Ist das denn eine Dummheit? Wie höflich!"
„,'Sie sollen mich nicht absichtlich mißverstehen! Die Dummheit ist, daß ich es Ihnen sage. Aber Gott sei Dank ist eine Liebeserklärung unter Frauenzimmern kein Verbrechen."
„Wem: ich ein Herr wäre, hätte ich Sie bei Tisch auch nicht so anschauen und mich an Ihrem Gesicht freuen dürfen."
Sie strich sich mit einer fast ärgerlichen Bewegung das schwarze, dicke Haar aus' der Stirn.
„Ach, mein Gesicht! Wie durch den Ranchfang gezogen. Vielleicht mag ich gerade deswegen diese hellen, feinen Menschen so gern. Sie möchte ich malen!"
„Sind Sie denn Malerin?"
Eine kleine Grimasse mit dem roten Mund ivie ein Kind, das weinen will.
„Leider.Pein. Nur Dilettantin vom- reinsten Wasser. Die Leute, die ich male, protestieren meist nachher gegen ihre Nasen und nennen es Karikatur. Aber was kann ich dafür, wenn meine Modelle nicht anders sind? Geben Sie mal Ihre Tischkarte her."
Sie zog hastig einen kleinen silbernen Stift ans der Tasche und strichelte heimlich hinter ihrem Fächer.
Ich mußte lachen, als sie mir das Matt gab. Ter Kommandeur, sprechend ähnlich mit seinem Schnauzbart, in plumper Turnierrüstung und renommistisch herausfordernder Stellung.
„Finden Sie mich sehr schlimm? Ich mag aber die Leutchen wirklich ganz gern, nur sehe ich immer gleich ihre komische Seite." .
„Wissen Sie, daß dies eine geistvolle Kärikatur ist> Fräulein von Gelsa? Daß, Sie Talent haben? Sogar großes, soviel ich beurteilen kann!"
Sie nickte ruhig.
„Das weiß, ich Was hilft mir das? Hier sitze ich wie festgebunden. Wie soll ich da weiter kommen? Ach Gott, tote ich mich heraussehne! Wie ich däs Nest manch mal hasse!" —
„Wird es Ihnen auch nicht zu viel, Agnes? Ich mache mir Sorge um Sie!"
(Fortsetzung folgt.)
Vie Weltausstellung Brüste! W.
ii.
Je naher der Zeitpunkt der Eröffnung der Brüsseler Welt- ansslellung rückt, desto klarer wird es, daß das Werk, das das Kleine Belgien unternommen hat, in der Tat ein ganz Mwaltiges wird. Man steigt zwar mich heute, vier Wochen vor der vfsiziellenl Eröffnung, noch Wer Schutt- und Steinhaufen, Wer 7000. Sato» freitet sind fast Taa und Nacht beschäftigt, nm ans 23. April,


