91
stadt so durch das Wasser verheert, sind solche gewerblichen und BerkehrsMrurrgen und die VernickMng solcher Werte int. Gefolge eines Hochwassers erlebt worden wie in Paris. Man vergleicht seilte Wirkungen mit denen einer Beschießung, sie sind vielleicht noch stärker und werden ttoch, länger fühlbar bleiben.
Die Ursache dieser furchtbaren Folgen läßt sich in eine einzige Tatsache zusammenfassen: die Gewässer der Seine haben ihren Weg in das unterirdische Paris gefunden! Hier liegt der Nerv aller jener Störungen, die das gewerbliche, das Berkehrsleben, den Unterricht, alle öffentlichen Anstalten, die die ganze Existenz von Paris getrofferr haben und in ihxen Folgen noch lange bedrohen. Im vorigen Jahre Haven auch in Deutschland volksreiche Städte wie Nürnberg großenteils lief unter Wasser gestanden, ohne daß daraus ähnliche Verheerungen und Stockmigen wie in Paris hervorgegangen wären. Aber dort hat und kennt inan nicht das in Paris, ebenso wie in Newyork, Chicago, London, Berlin, so gewaltig entwickelte Leben unter der Erde, das im vorliegenden Falle die Wassersnot zu einer Katastrophe von unerhörtem Umsattg gesteigert hat. Verfolgen wir einmal flüchtig die Einzelmeldungen der Pariser Hochwassertage. Zunächst waren Tausende von Kellerwohnungen überschwemmt. Nun, das kann auch anderwärts passieren. Aber große, monumentale Gebäude, Staatspaläste, Hotels, Warenhäuser, Botschafterpalais, denen das Wasser in ihren eigentlichen Wohnräumen gar nichts anhaben kann, mußten verlassen werden, weil das Wasser in die Souterrains drang und die darin befindlichen Heizuugs-, Beleuchtungs-, Ventilationsanlagen außer Tätigkeit setzte. In einer Stadt Ivie Paris oder Berlin reicht der Platz über der Erde nicht aus, man muß mit dem ganzen riesigen Apparat an Kesseln, Maschinen Usw., den ein Hotel, ein Warenhaus, schott ein großes Wohnhaus nicht entbehren kann, unter die Erde gehen. Da liegt der verwundbare Punkt dieser kolossalen Einzelorganismen im großstädtischen Erwerbs- und Verkehrsleben. Die Technik hat den modernen Wohn- und Industrie- Palästen wtmdervolle Hilfsmittel in den Heizungs-, Beleuchtungs-, Lüftungs-, Fahrstuhleinrichtungen, tm Telephon usw. zur Verfügung gestellt, aber sie hat es noch versäumt, diese Nervenbündel des Großstadthauses gegen Wasser und Feuer, gegen die Elemente zu panzern. In Newyork und Chicago ziehen sich, die unterirdischen Maschinen-, Kessel- und Lagerräume oft unter der ganzen Breite der Bürgersteige hin, auch das kann unter Umständen zu einer großen Gefahr für das öffentliche Leben werden.
Eine andere Schwäche sind die Untergrundbahnen. Immer wieder haben sich die Pariser Hochgewässer in diese bequemen Kanäle gestürzt, die ihnen wie ein bereitetes Bert den Weg durch die halbe Stadt bahiten! Mit dem Brausen von Katarakten brechen sie in die unlerirdi- chen Bahnhöfe ein, aller Verkehr stockt, eine zweite, viel- ach verzweigte Seine sucht ihren Weg durch das unter» Esche Paris, und auch geborstene Straßen, sinkende Häuser, tückische Wirbel bezeichnen die Bahn der unficht- baren stygifchen Fluten. Das unterirdische Eisenbahnnetz von Paris, das Hunderte von Millionen gekostet hat, kann zuin zweitenmal gebaut werden, wenn die Ueberschwem- mung sich verlaufen hat. Das Prinzip der Hochbahnen hat nie ein überzeugenderes Argument seiner Berechtigung erhalten, als durch die Zerstörung der Pariser Untergrundbahnen! Diese bedrohen jetzt nicht nur sich selbst, sondern durch die Verbreitung der Gewässer die ganze Stadt. Aber sie sind nicht allein schuld an der Ausdehnung der unterirdischen Fluten. Ter Boden unserer Millionenstädte ist ja durch und durch zerwühlt. Tausend Röhren, Kanäle, in denen ein Kahn fahren kann, und Röhren von Spaunen- bis Klafterweite ziehen darunter entlang, und alle haben irgendwo Auslässe, Oeffnungen, schwache Puttkte, wo die Ueberschwemmungen eindringen, sich ausdehnen, ihre zerstörenden Wirkungen entfaltett können. Der von unten kommende Druck des Wassers tut dann das seinige, die Wirkungen fortzupflattzen, das Pflaster, die Fundamente zu gefährden, und eine Hochwasserwelle, die in Städten von alter Bauart kommt und geht, zu einer so schrecklichen Katastrophe wie in Paris ausarten zu lassen.
Tas Leben der Millionenstadt kann die unterirdischen Bauwerke nicht mehr entbehren, im Gegenteil, es werden ihrer jährlich mehr. Unterirdische Güterbahnen, Postverkehrstunnels, Elektrizitätswerke,' ZentralheiMngen, alles
gräbt sich mehr unbi mehr in die Erde, weil droben kein Platz mehr ist. Wer der Fall von Paris enthält eine eindringliche Mahnung, mit den Forderungen des Fortschrittes die der Sicherheit ständig zu verknüpfen: „denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhattd!" R. W.
öie deutsch-schWeizerische Grönland-Expedition.
Eine gefahrvolle Wanderung über die ungeheueren, tiochj nie betretenen Eisflächen des grönländischen Inlandeises haben int Inti 1909 zwei schweizerische und ein deutscher Gelehrter unter- uvmmen, nur das Wesen der Polargletscher' zu erforschen. Ter Hauptzweck dieser deutsch-schweizerischen Expedition, an der Dr. de Quervain, Vizedirektor der schweizerischen meteorologischen Zeus- tralstativn in Zürich, der Zoologe Dr. Räbler und der Straßburger Gelehrte Dr. A. Stolberg teilnaHmen, bestand darin, meteorologische llntersuchuugeu zur Erforschung der höheren Luftschichten der Arktis vvrzunehmen, die ine Hinblick auf die geplanten Versuche, den Pol durch das Luftschiff zu erreichen, von großer Wichtigkeit sind, dann, zoologische u. ethnographische Nntersuchungen anzustellen, besonders die in Grönland noch wenig erforschte wirbellose Faunia! W erforschen. Hauptsächlich wurden aber die Veränderungen und Wetscherverschiebnngen des noch selten betretenen grönländischen änlandkises beobachtet. Zuerst war die Expedition von einen sAmoschar begleitet, aber am Rande des ewigen Eises verließen die Grönländer die Forscher, da sie sich in den Aufenthaltsort ihres sNrchtbarsten Gespenstes Kivigtok, des Inbegriffs aller Schrecken, nicht hineinwagen wollten. Als letzte Botschaft der Kultur wurde den drei Gelehrten Ende JNni aus Umanak von einem: Kajakmann ein Zettel überbracht, aus dem. mitgeteilt wurde, ein Amerikaner, Dr. Cook, habe den Nordpol' entdeckt. Ten Verlauf der Expedition durch die völlig unbekannte und unerforschte Welt des ewigen Eises schildert Dr. A. Stolberg in der Tmischen Revue. Tie Hunde hatten die Reisenden zurückgelassen und zogen ihre Schlitten mit dem Proviant selbst; die Tiere wären ihnen bei den Schwierigkeiten des Vordringens, die sich itynen zunächst darboten, doch Nur! zur Last, geworden. „Tas blanke Eis war überall neben den unzählbaren großen und kleinen Wasserläufen. mit Schmelzsurchen sowie Krhokonitlöchern bedeckt, kreuz und quer wild durcheinander wellig, und bot so auf Schritt und Tritt Hindernisse über Hindernisse. Kaum wußte man, wo man hintreten sollte. Jrgendb welche Gegenstände, die aus.der Tasche fielen, ein Bleistift zum Beispiel, waren sosvrt in den'Löchern verschwunden. Wir gingen1 mit unseren Schlitten gewissermaßen wie aus den Maschen eines Netzes. Eigentüinliche, gurgelnde und stöhnende Laute trafen! bisweilen nufer Ohr. Wir stellten fest, daß diese klagenden Töne, die den Eskimos früher sicher auch schon ausgefallen waren, aus den Krhokonitlöchern stammten. Tas Wasser dieser Kolke versickert nämlich ost in Ritzen des Eises, wobei dann jenes unheimliche Geräusch entsteht." Zunächst mußte eine Strecke Wegs rekognosziert werden, dmm wurden die Schlitten das Stück Weges vorwärts gebracht, und mit diesem Hitt- nnd Hertransport verging viel Znt. Nach zweiwöchigem Marsch immer über blankes Eis' hinweg, bei bem die Steigeisen nicht von den Füßen tarnen, wurde zwischen 1000 und 1100 Meter Höhe die Schneegrenze erreicht, deren Anfang! man bis dahin zwischen 600 und 700 Meter angesetzt hatte. Tie Oberfläche des Inlandeises hatte sich auch nicht, wie man bisher mgmvmlne», als gleichmäßig ansteigende Flüche bargestellt, .sondern stieg in dmtlich abgelebten Stufen auf. Nun ging es mit den Schiern über weite Plateaus, an tiefen, Spalten vorbei, verhältnismäßig leicht weiter. IN der Höhe von 1200 Meter wurden die Spalten seltener, die Märsche Sonnten nun regelmäßiger vorge- nvnnnen werden. Am späten Abend brach matt im Schein der Mitternachtssonne auf, in der Zeit zwischpw 2 und 4 Uhr morgens wurde eine FrühstüclVpause gemacht, und bann ging cs weiter bis in den Morgen hinein, «vorauf das Zelt zur Rast aufgestellt wurde. Mit großer Mühe wurde das Zelt befestigt, damit es der Witrd nicht so sehr eindrücken konnte, dann ivurde durch eins wasserdichte Segeltuchplane »ein verhältnismäßig' trockenes Lager hergestellt, darauf die Mahlzeit gekocht und zuletzt krochen die Reisenden gestiefelt und .gespornt, in dicke mit Pelzen und Daunen gefütterte Timiaks (eine Art Musen) gehüllt, in ihre Schlafsäcke, zu kurzer Ruhe. Nach drei harten Wochen war eine Meereshöhe von 1700 Meter erreicht. „In «Mer Beleuchtung gleißten die Eisfelder tagsüber so stark, daß die Augen durch blaue Brillen geschützt werden mußten. In den Abendstunden, wenn wir un- ieren Marsch begannen, war das Licht viel gedämpfter. Tie blauen Töne nahmen dann überhand und gegen Mitternacht erglänzte! bis zum fernsten Horizonte alles in rosafarbener Beleuchtung. Mit dem abnehmenden Licht wachsen dann die Schatten unserer Personen und der Schlitten, und gleichsam als' .Geister zogen wir schweigend noch einmal mit. Sv magisch der .Anblick dieser eisigen Meli auch sein mochte, so verfehlte er dock) angesichts dieser Wielen. Strapazen, eilten vollen Eindruck auf uns zu machen."' Am 21. Tage nach dem Betreten des Inlandeises' traten die Reisenden die Rückkehr an und langten am 1. August glücklich wieder bei dem von ihnen nicht weit vom äußersten Eisrande angelegten' Lebensmitteldepot an. Die Expedition hatte einen1 Weg von etwas über 200 Kilometer auf dem Eise gemacht. Besonders in morphologischer Hinsicht ergaben sich interessante Resultate. Nicht nur Wisse, und, Seen, auch förmlrchs TMystxme, wie sie bisher noch


