Donnerstag den 8. September
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Vie big.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Valentin 'hatte sich abgewendet. Mit gepreßter Stimme stieß er heraus: „Arbeite du, arbeite du weiter, ich komme gleich wieder," und rannte davon ins Feld hinaus. Und rannte so weit, bis ihn das Mädchen nicht mehr sehen konnte, nicht der Vater, niemand, und warf sich hin, so lang wie er war, an den blumigen Rain, schloß die .Hände zu "krampfhaften Fäusten niu die fetten Stengel zweier großer Maßlieben und weinte. Eine dumpfe Schmerz- ahnnng lastete schwer auf ihm. Er schluchzte wie ein -Knabe ins grüne Gras nnd konnte lange nicht zu sich kommen. Und als er endlich aufstand vom Rain,, war er so mürb und zerschlagen, als hätte er Jahr und Tag auf Steinen gelegen, auf lauter Steinen. Zur Michalina zurück mochte er nicht — sollte er sich auslachen lassen von der? Die war immer so fröhlich, tvas wußte die von tiefem Leid?!
Sollte er sich vor dem Vater zeigen mit verweintem Gesicht? Rein, lieber ging er heim, recht leise, daß Stasia ihn nicht merkte, und legte sich in der Schlafkammer aufs Bett, denn ihm war >vie krank.
Und als er nun ganz verstohlen in sein Haus schlich,- in dern er so leise anftrat, als wäre es gar nicht das seine, hörte er Plötzlich durch die mittägliche Stille, durchs verzauberte „Sumsum" schläfriger Fliegen ein leises Gekicher. Und daun ein Geflüster. Wer lvar denn drinnen?! Saß Stasia ganz allein in der um diese Zeit immer leeren Schenkstube und lachte sich eins? Oder wer war bei ihr? Nun, gleichviel, wer es auch sein mochte!
Gleichgültig, müde, wollte er an der Tür vorbeischleicheu. Halt! Nun stutzte er doch auf einmal, und der trübselige, matte Blick seines Auges funkelte auf in Zorn: das war des polnischen Inspektors Stimme! War der jetzt nicht draußen auf dem Felde? Saß der schou wieder drinnen und noch dazu allein bei ihr? Und wie eifrig sie sich erzählten! Hurtig ging das Gespräch, aber so viel polnisch konnte er jetzt doch, um wenigstens den Sinn zu verstehen. Sie sprachen von der Wahlversammlung, die heut abend hier abgehalten werden sollte. Der Name des Niein- czycers fiel, da fuhr der Lauscher zusammen, so hart lachte Stasia plötzlich auf. Und der Inspektor fluchte und schlug auf den Tisch: „Der deutsche Huud, niemals, niemals!" Und dann wurde das Gespräch gleise, so tuschelnd, das; er nichts mehr verstand, bis er Stasia sagen hörte: „Ach Unsinn, der wird ja nie gewählt! Das wird der Herr Vikar schon nicht leiden!"
Jetzt lachte auch der Inspektor auf: „Düs wäre auch, der Hetzer, der Zuträger, der alberne Schwätzer, der —
Niemiec! Psia kreiv! Warte mein Bürschchen, du wirst schon kriegen, was dir gebührt!"
Pfui, der gemeine Polack! In Valentins ehrlichem Gesicht zeigte sich Entrüstung: wahrhaftig, das hatte sich der Herr Rittmeister doch nicht verdient! Aber dann machte die Entrüstung, die ihm das Blut in die Wangen getrieben hatte, einer jähen Blässe Platz — er hatte plötzlich den eignen Namen gehört. ■ '
„Ach, der Walenty", sagte Stasia hell, recht leicht hin, wie abfällig, „was der sagt!" Obgleich Valentin draußen stand, glaubte er doch, sie mit deu Fingern schnippen zu sehen. „Was glaubst du wohl, mein Lieber, als ob man auf den hörteHaha, so ein Schwabb!" Sie lachte laut auf, und der Jigpektor lachte mit ihr.
Valentin zitterte: Jesus, wie sprach sie verächtlich! Und nun das spöttische Lachen — das Lachen! Sie hörten gar nicht auf damit. Und „du" nannte sie ihn, und „mein Lieber"! Herr im Himmel, Herr im Himmel, was war das?!
Des jungen Ehemanns Gesicht verzerrte sich: lachten sie ihn aus? Ja, sie lachten ihn aus mitsammen! Das ertrage ein andrer! Deutsche Fäuste wollte er ihn kennen lehren, deu poläckischeu Schweinigel! Wut, Eifersucht, Zorn, Scham, Haß übermannten Valentin; die Tür aufreißend, stürzte er in die Schenkstube.
Da saßen Pan Szulc und die junge Frau recht gemütlich nebeneinander auf der Bank hinterm Tisch, und Stasia paffte mit von des Inspektors Zigaretten. Ein beißender, widerlich süßlicher Qualm erfüllte die ganze Stube.
Stasia hatte hell aufgeschrieu, als ihr Mann so mit Gekrach hereinplatzte, aber nun hatte sie sich schnell gefaßt. Sie setzte sich ruhig wieder nieder auf die Bank, von der sie im ersten Schreck der Ueberraschung aufgesprungen war; dreist sah sie ihn an, nur am leichten Schielen ihrer schmalen, iveichgraueu Augensterne konnte mau merken, daß sie erregt war. Schwer atmend stand Valentin ihr gegenüber am Tisch; er rang nach Worten.
Da kam sie ihm schnell zuvor: „Walenty, mein Lieber, spektakle nicht so! Hab' ich mich erschrocken! Man meint ja, die Tür füllt ein. Was willst du?"
„Ich — ich — —" Die Fäuste auf die Tischplatte stemmend nnd sich nach Pan Szulc hinüberbeugend, ächzte er: „Heraus, heraus! Will de wohl gleich machen, dat de hier herauskömmt!"
„Was sagt er? Er ist wohl verrückt?" sagte Pau Szulc und stieß die neben ihm Sitzende an. „Was sagt er, ich verstehe ihn nicht!"
„Ich will dich wohl deutsch verstehen lernen, du po- lack'scher Schweinigel," schrie Valentin. Seine Rechte reckte sich über den Tisch weg nach dem Kragen des Verhaßten. Stasia kreischte laut aus. Sie wollte ihren Mann zurück- reißett, aber schon war Pan Szulc ailfgesprungen.
Die Zähne zusammenbeißend, totenblaß, stand Valentin und erwartete den Gegner. Aber er wartete vergebens.


