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1910 m. ,73

Friedel Halb-M.

Moman von Fedor von Zobeltitz.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Dora ärgerte sich über dieFachsimpelei". Kesselholz schwieg auch plötzlich, denn unweit im Gebsch begann laut eine Nachtigall zu flöten. Das war die Stimme der Poesie, die sich in das Loblied der Materie mischte. Nein wirklich, man konnte nicht weitersprechen man mußte diesem Sange der Sehnsucht lauschen. Dora schlich fort. Dann Hub auf einmal eine zweite Nachtigall an. Einen Augen­blick verstummte die erste, gleichsam erstaunt über den Neben­buhler. Der sang weiter. Es war ein süßes Locken, Werben und Rufen, ein holdes Fordern, ein schmelzendes Adagio, das wie eine Frage klang. Sofort antwortete die erste Stimme, und nun entspann sich ein Zwiegesang von selt­samer Schönheit: zwischen leisen Klagetönen und'schluchzen­den Geständnissen schwollen Lustschreie zu schmetternden Fanfaren an; dann erklang wieder ein zartes Fragen und Antworten, ein schelmisches Duo, ein lyrisches Ca­priccio, und schließlich begann von neuem das Schmettern und Jubeln, ein stürmischer Hochgesang, der nicht enden wollte.

Kesselholz hatte kein Empfinden dafür. Derartige Naturgeräusche" behagten ihm nicht. Doras merkwrdiges Nachahmungstalent war eine brotlose Kunst. Aber Fritz versank in stilles Sinnen. Diese Sehnsuchtsrufe trafen sein Herz: nicht gar so leicht ließ das Halbsüße sich- zwingen. Eine Weiche Stimmung kam über ihn, eine Ablösung vom Sicht­baren, das Gefühl, als tue sich ihm im harten Drange der Wirklichkeit eine seelenvollere Welt auf.

Feßler hatte sich erhoben und die Lichter in den Papier­ballons gelöscht. Sie störten ihm den künstlerischen Genuß. So aber war es famos. Schon stand der Mond am Himmel: groß, gelb und glänzend. Sein Widerschein fand Spalten und Löcher im lebendigen Geflecht der Laube, und da drang er hindurch und verstreute sein Gold über den Tisch und warf in das Opal der gefüllten Gläser glitzernde Funken. Ganz famos!

Noch immer sangen die Nachtigallen. Aber nun schwieg die eine: es war wohl die mit dem Menschenkerzen. Ein Fröschlein begann zu quaken; ganz leise und zach. Es mußte ein Froschkind sein.

Kesselholz erschauerte. Seine Idiosynkrasie wurde wach.O, diese Göre!" stöhnte er;Feßler, das halt ich nicht aus!"

Lauter quakte der Frosch, diesmal in Alt: es mußte der Froschvater sein. Quarrend und wimmernd antwortete das Froschkind. Die Nachtigall sang nicht mehr.

Halten Sie ihr den Mund zu, Feßler!" rief Äesselholz erbost.

Fritz lachte. Feßler aber war schon fort. Er suchte Dora und fand sie. Sie stand hinter der Fliederhecke und quakte. In der Hecke gegenüber flatterte die Nachtigall scheu von einem Zweige zum andern.

Fräulein Dora," sagte Feßler,das ist unerlaubte Realistik."

Dora schaute ihn mit mondhellen Augen freundlich an und quakte mit schiefem Munde weiter.

Fräulein Dora," sagte Feßler wieder,Befehl deI Vaters: die Amphibie schweige."

Dora war jetzt auf einen neuen Ton gestimmt: sie kopierte einen Froschsäugling, der erst quaken lernt. EI klang schaudervoll.

Aber die Gebärde dabei, die fand Feßler ganz reizend. Wie sie das Mäulchen verzog und die hübschen Lippen rundete und dann wieder ihre gesunden Zähne zeigte, und wie das Grübchen im Kinn sich vertiefte und mählich flacher wurde. Und tote die Augen glänzten im lieber mut das war gar zu niedlich.

Fräulein Dora," begann Feßler zum dritten Mak, Befehl des Vaters: ich soll Ihnen den Mund schließen."

Das sagte er, und er tat es auch schon. Er umfaßte sie und drückte einen herzhaften Kuß auf ihre Lippen.

Hast du mich lieb, greulicher Qnakefrosch?" fragte erleisc.

Sie umschlang seinen Hals und küßte ihn wieder,ö Gott," stammelte sie,ach Gott Erich . . ." Es war keine ordnungsmäßige Erklärung. Aber er hielt das runde warme Mädelchen in seinen Armen und war zufrieden mit dieser Ordnung der Dinge.

Kesselholz trank sein Glas aus.

Na Gottseidank," sagte er,nun hat der Feßler denk Gequäke ein Ende gemacht."

10.

Da der Herzog von Abeelen nichts weiter von sich hören ließ, so wandte sich Fritz in den ersten Julitagen nochmals an ihn mit einer Reihe von Fragen. Daraufhin traf das folgende lange Selegromm ein, dessen Absender sich auch die sonst üblichen Abkürzungen geschenkt hatte:

Sitze so wahnsinnig in der''Arbeit, daß ich Sie herzlich bitten muß, mit dieser Eilpost vorlieb zu nehmen. An­gelegenheit Excelsior ist vollständig geordnet. Allerschönsten Dank für den Präsentstoff, der meinen Gästen hoffentlich ebenso gut munden wird wie mir. Selbstverständlich sind Sie, lieber Friedel, wie auch Herr von Feßler zur Kuf- stiegsfeier geladen, auch Vater, Mutter, Großvater und wer sonst noch Ihrem Herzen nahe steht. Das Bureau hat Auftrag, Ihnen Plätze zu reserviereu. Den Taufsekt samt Hülse und Emballage bitte an Direktor Henry Lesson zu senden, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist und Auftrag hat, Sie hier zu empfangen. Es bleibt also 6et Freitig dem Dreizehnten, vormittag elf Uhr, doch hoffe ich, Sie schon am Wend vorher zu sehen. Die Hotelgesell»