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spiegelte sich im blanken Grün der vom Nachtregen gewaschenen Blätter, und aus dem schillernden Glast wies das lorbeerbekränzte Schwert der Germania auf dem Nationaldenkmal gen Himmel.
Fritz war nicht in der Stimmung, des frohen Tages gu achten. Schweigend schritt er neben Feßler die chauffierte Straße auf und ab, die Hände in den Paletottaschen, den Kopf gesenkt. Sein hängender Säbel klirrte hinter ihm her.
Auch der Maler hatte den Frohmut verloren. Das helle Auge, das sich sonst so gern in die Freuden der Natur tauchte, war verschleiert und suchte den Boden. Durch sein Inneres fuhr ein kochender Grimm. Verfluchte Geschichte! Er hatte für Fritz zwar gute Worte gesunden, aber er begriff dessen Lage. Teufel, sie war ekblhaft! Das' Gericht war schließlich am wenigsten zu fürchten. Es hatte die Forderung bestätigt, nachdem Spannuth die Revozierung verweigert hatte. Der Zweikampf wär durchaus korrekt vor sich gegangen. Das Gericht mußte auch einsehen, daß es sich um keine vorsätzliche Tötung handelte, sondern Nm einen. blinden Zufall. Und Friedel war immer ein ausgezeichneter Offizier gewesen. Sicher, auch seine Konduite fiel in die Wagschale. Es war wahrscheinlich, daß man ihn nach einigen Monaten Festung begnadigen würde. Ein paar Monate Festung sind eine Kleinigkeit; sind namentlich im Sommer ein angenehmes Ausruhen, eine Wohltat für die Nerven wie irgend ein Badeort. Das alles sprach wenig mit. Aber der Klatsch! Der Klatsch im Rheingau, der war wieder einmal zu fürchten. Und nicht nur der Klatsch von Mund zu Mund: auch der geschriebene, der in der Presse. Der konnte der Firma gefährlich werden.
Feßler hob seinen Spazierstock und schlug wuchtig gegen einen Kieselstein, daß er die Straße entlang hüpfte und von der Böschungsmauer zurückprallte. Das ließ Fritz aufblicken.
„Feßler," sagte er, „wissen Sie, ob er Kinder hat?"
Der andere verstand sofort. „Nein," entgegnete er, „bie Ehe ist kinderlos."
Hinter dem Mühlstein wurde ein sich kräuselndes weißes Wölkchen sichtbar, das rasch näherkäm.
„Der Zug, Feßler!"
Die beiden beeilten sich, zum Bahnhof zu kommen. Sie fanden noch ein leeres Drpee. Fritz drückte sich in eine Ecke und blieb wieder stumm. Er schaute gedankenlos aus dem Fenster. Die Landschaft flog rasch vorüber: überall Weinberge, in denen fleißige Hände sich regten; ganze Wälder von hölzernen Stecken, an denen die Rebe zu grünen begann; kahle Umfassungsmauern und die gestrichenen Pfähle, die den Eigentümer bezeichneten. Nur hin und wieder einmal ein Parkstückchen, ein Gehöft, ein Landhaus: hier war jede Quadratrute kostbar.
Fritz kannte die Gegend auf Schritt und Tritt. Oben tauchte der viereckige Kasten von-Schloß Jgelsburg auf, der alten Benediktinerabtei, in der die Fürstin Steinkirch sich langweilte. Da hatte man sogar den Terrassengarten aufgegeben, um noch mehr Raum für die Weinstöcke zu gewinnen: die Administration arbeite mit Volldampf. Dann kamen die Gehegepfähle des Freiherrn von Langern-Rvsen- stein, an dessen niedlichem Schlößchen die grasgrünen ?ensterjalousien herabgelassen waren; dann die des Ge- eimrats Ebrard. Der Weinberg des Bauern Nidderkopp lag dicht an der Bahn. Fritz sah: da stand er ja selbst, der Mann mit dem viereckigen Schädel, stand da in Hemdsärmeln und blauer Schürze und spritzte die jungen Blätter ab, während im linken Mundwinkel die kurze Pfeife hing. Mer der Zug sauste weiter. Wieder wurde auf der Höhe ein Schloß sichtbar: der stattliche Neubau des Grafen Wolsrad-Greifeneck, dessen Kabinettsweine immer gewaltiger im Preise stiegen. Nun ritschratsch ein Städtchen — eine weiße Mauer mit der leuchtend schwarzen Reklameschrift „Schneider und Kompagnie — Kronprinzensekt" — daun das Frühlingsgrün einer sauber gepflegten Parkanlage mit einem Chalet, dessen sonnenglitzernde Fenster in Blumen- kasten zu stehen schienen. Da wurde Fritz noch bleicher. Jeder Blutstropfen ioich aus seinem Gesicht. Es war das Weinbergsschlößchen Jacques Spauuuths, und jetzt zeigten sich auch die umfangreichen Fabrikanlagen der Firma, ein langgestreckter Komplex von Gebäuden, alle buttergelb und alle gekrönt von riesigen Blechschildern mit der Inschrift „Gebrüder Spannuth".
Mer die sah Fritz nicht. Vor seinem geistigen Auge Wind noch immer die blumengeschmückte Villa im Früh
lingsgrün. Er sah noch mehr: sah eine junge Frau, die ihren Gatten erwartete. Es War eine Reihe von Fahren her, daß er nichts mehr von ihr gehört hatte. Man sagte, sie sei eine stille Frau geworden ;unb leide an Anwandlungen schweren Trübsinns. Schon als Mädchen hatte sie nichts von der fröhlichen Kindlichkeit ihrer Alters- genossinuen. Aber grade diese Sonderheit ihres Wesens/ das seine eigenen Wege suchte, übte einen starken ReiZ auf ihn aus. Es war die Zeit, da er sich noch zuweilen in romantische Träume verlor und zwischen Rekrutendienst und Reitbahn seine Phantasie in idealen Geländen spazieren führte: die Zeit der holden Jünglingseseleien. Da hatte er sich gewaltig in die schöne Maud Günther verliebt, die „schwarze Perle" in der amerikanischen Kolonie Wiesbadens. Und es hätte auch wahrhaftig nicht viel! gefehlt, so wäre es zur Verlobung gekommen. Aber da hörte er eines Tages eine wunderliche Geschichte: Maud! sollte in Cincinnati einen ihrer Verehrer erstochen haben. Ein Kapitel aus einem Kriminalroman, und dennoch : dis Geschichte war verbürgt. Das Mädchen hatte auch vor den Richtern gestanden, war aber freigesprochen worden. Man glaubte Maud, daß sie sich eines brutalen Ueber- falls hätte erwehren wollen.
Vielleicht wäre diese Episode für manchen ein Anreiz mehr gewesen. Aber die Psyche des jungen Leutnants war minder feinsträhnig verästelt. Der Virginia-Heroismus Mauds gefiel ihm nicht; auch andere Beobachtungen an ihr kühlten ihn ab. So zog er sich denn zurück. Und! dann kam das rasche Ende. Sie erschien eines Tages in seiner Garnison. Sie hatte eine Rheinfahrt mit Freundinnen vorgeschützt, um ihn aufzusuchen und zur Rede zu stellen. Die tiefe Leidenschaftlichkeit ihrer Natur brach in dieser Stunde alle Dämme der Erziehung; die sanfte Maud war eine zürnende Göttin, und das schöne dunkle Auge tvurde sprühend. Zwei Tage später wurde ihre Verlobung mit Jacques Spannuth verkündet.
Von dieser Zeit ab hatte Fritz sie nie wieder gesehen'., In der Gesellschaft des Rheingaus wußte mau nichts von der heimlichen Liebe, die der Hochzeit der jungen Frau vorangegangen war; Fritz felbst aber ivar noch jung genug, die Täuschung zu überwinden, in die ihn sein Herz gelockt hatte. Gerade die Verlobung Mauds zeigte ihm, wie unglücklich er mit ihr geworden wäre. Sie wußte ganz genau, daß Jacques Spannuth einer der wenigen war. Die ihm von Grund aus antipathisch waren, und es lebte so etwas wie das sichere Empfinden in ihm, daß sie nur deshalb der Werbung des Fabrikanten nachgegeben hatte.
Man erzählte sich, die Ehe sei sonderbar. Die junge Frau ging niemals aus. Andere wieder wollten wissen, daß Spannuth sie trotz seiner leichtsinnigen Eskapaden mit großer Liebe behandle, wie eine arme Kranke, die rücksichtsvoller Schonung bedarf. Und gerade dies on dit fiel Fritz ein, als der Zug an, dem reizenden Weinbergs!- schlößchen mit den blumengeschmückten Fenster kästen vorüberhuschte. Er sah wieder MUud vor sich, wie sie ihren Gatten erwartete. Sie hatte sein Bett leer gefunden; sie mochte sich sorgen um ihn. Vielleicht trat sie aus den Balkon, nach ihm auszuspähen: wegauf und wegab, über bunte Blumen und Frühlingsgrün. Und dann kam er wirklich. Ein geschlossener Wagen hielt vor dem Dore. Stille Männer trugen ihn in das Haus, denn auch er sprach nicht mehr. Und bann ein Schrei, der eine Anklage war. . . .
Das sah und Hörte Fritz — oder vermeinte es zu sehen und zu hören. Ein Krampf zog durch sein Herz: er fühlte sich maßlos elend. Als der Zug pfiff und er sich erheben wollte,- taumelte er. Feßler fing ihn auf. „Um Gotteswillen, lieber Herr Friedel! . . ."
Fritz schüttelte sich und strafste seine Haltung. „Es ist schon vorbei," sagte er; „es soll die letzte Schwäche gewesen sein. . . ." Er nahm die Hand Feßlers. „Tausend Dank für Ihren Freundschaftsdienst! — Sie fahren nach Wiesbaden?"
„Auf Ihren Wunsch. Ich will der Staatsanwaltschaft Anzeige erstatten. Es dünkt mich auch besser, der Gegenseite zuvorzukommen."
„Zweifellos. Nochmals Dank und auf Wiedersehn!" Auf bem Schrattsteiner Bahnhof grüßten ihn die Beamten und Gepäckträger. Alles kannte ihn.
„Abfahren!" rief der Vorsteher und winkte mit der Hand nach der Lokvmosive zu. DjaUn legte er die Rechte


