6
junger Psarramtskandidat, als er in der Mhe von Weimar angestellt wurde, zum Weibe geholt. Sie war aber gar bald als blutjunge Witwe mit einem Kindlein wieder bei ihrer Mutter im alten Haus unter den Linden eingekehrt, und so hatten sie nun, die zwei Witwen und die drei Jungfrauen, ein winziges Bübchen bei sich.
Im Nebengarten, der sich, wie jener der Witwe, sanft abfallend dem Tale zuneigte, war ein sonderbarer Mensch eingeinietet, der seit Jahren schon an der Witwe und ihren Töchtern mit großer Treue hing — ein braver Handlungsgehilfe, Schreiber, Geschäftsführer der ersten Kolonialwaren- Handlung unten in der Stadt, für die er durch Tüchtigteit der Mann für alles geworden war.
An dunklen, einsamen Winterabenden, wenn da oben am Horn kein menschliches Wesen mehr anzutreffen war, Und wenn das Licht durch die Herzen der Fensterläden aus dein Wohnstübchcn der fleißigen Frauenzimmer in die dunkelste, einsamste Oede hinausfiel, da war es ihnen gar heimisch, wohlbekannte Schritte auf das Häuschen zukom- men zu hören.
„Der Uerle," sagten dann eine oder zwei oder alle zu gleicher Zeit — „der Nerle." Die Oede draußen hatte gleichsam eine Seele bekommen, eine sehr freundliche, ver- Iraute Seele. Sie lag nicht mehr gar so tot und unermeßlich in ihrer stillen Dunkelheit um das warme Nest.
Bald folgte ein Klopfen am Fensterladen in immer gleichbleibendem Rhythmus. So klopft nur der Uerle, sollte das heißen, seid ganz ruhig, ihr macht nichts Unrechtem auf! — Nein, es war nichts Unrechtes, was da kam und von einer der Töchter mit der kleinen Oelfunzel — die andern saßen derweil im Dunkeln — hereingeleuchtet wurde.
„Allerseits einen guten, geruhsamen Abend!" erklang dann eine etwas hölzerne, unbiegsame Stimme, und ein Duft nach allen erdenklichen, nützlichen Dingen drang mit dem Eintretenden ins Zimmer. Der Duft des Kolonial- warengewölbes, der mit dem Uerle aufs Horn gewandert war: Kaffee und Sirup und getrockneter Stockfisch und Salzgurken und Zimniet, Mandeln, Zitronat und Kardamom, Zitronenschale, Lorbeerblatt. All diese Dinge hatten um den langen Menschen eine Atmosphäre gewoben, der er nicht mehr entfliehen konnte.
Die Mädchen sagten: „Er riecht wie ein Weihnachtspunsch." Es roch für das ganze Häuslein nach Festlichkeit, nach heimischem Behagen, nach Geselligkeit.
Die Frauenzimmer waren uneingestaiideneriuaßen dem Uerle dankbar, daß er überhaupt da war. Ohne Uerle .wären die Winterabende am Horn gar zu weltverloren einsam gewesen, ohne den Uerle hätten die beiden Linden vor dem Häuschen bei Sturiu und Regen gar zu schaurig wie zwei große Riesenbesen die Wolken gekehrt. — Und auch des Nachts Ivar es ein guter Gedanke, daß im Nachbar- Häuslein der Uerle lag und schlief, der Uerle, der sein Leben für sie alle dahingegeben hätte.
Trat er abends ein, wurde die Arbeit beiseite gelegt, und sie rüsteten sich zum Musizieren, oder die Mutter erzählte Märchen, gesegnete, uralte Märchen, oder der Uerle las vor, der Uerle, der Tags über am Hertugsfaß, an der Kaffeeröstmaschine, am Hauptbuch, im Keller seinen Mann stand, wurde abends ein ivirklicher und wahrhaftiger Schöngeist,
Er mußte jeden Tag eine gai,z gewaltige Uuuvand- luug über fich ergehen lassen, so eingreifend ivie die Umwandlung der Puppe zum Schmetterling. Und jeden Tag dieselbe Geschichte, das halte einer aus! Zu jener guten, alten Zeit, da war das möglich, da waren die Nerven der Menschen noch kinderjung, noch nicht geirrt und gepeinigt Ivie die unfern, da konnte ein Mensch z>vei ganz verschiedene Arten von Dasein führen und in jedem sich ausleben, wie ein Kind am Vormittag Pfarrer und am Nachmittag Räuber spielen kann, beides mit der vollen Kraft seiner Seele.
Nur der Duft des Kolonialwareugewölbes, der war nicht zu vertreiben, der hing sich auch dem Schöngeist an.
So saßen sie, und Uerle kam, mit Büchern gepolstert, die hagere Gestalt hatte allerlei Auswüchse, und jeder Auswuchs war literarisch bedeutungsvoll. Des alten Musäus Märchen hatte er unter seinem Rock daher gebracht, Wielands Werke, was nur irgend Neues und Altes für ihn erreichbar war.
Das war eine gar wunderliche Sache zwischen Uerle
und den Pfarrerstöchtern. Wie mit Stetten hing sein Herz an ihnen. Er wohnte als ihr Wächter und Freund da oben auf dem weltverlassenen Horn, und sie waren ihm alte vier in die Seele hineingewachsen .
Im Winter ivar es ihm, als stände er Lieschen, der Aeltesten, am nächsten. Die liebte das stille Daheimsitzen, die langen, gemütlichen Abende. Die Bratäpfel legte stets sie ins Rohr. Tas Feuer schürte sie. Die Lampe putzte sie. Sie war, so schien es ihm, im Winter besonders liebenswert. Anne, die blutjunge Witwe — als er dies sanfte Wesen mit ihrem Kindchen im Frühjahr auf der Bank unter den Linden einst sitzen sah, die ersten Stare pfiffen in den Wipfeln, da rührte ihn das sanft sich lösende Weh, das aus den jungen Augen sprach, und die Liebesfrühlingsregung der jungen Mutter zum Kinde und das Frühlingslallen des Kindleins und das zarte Knospen um sie her, und bewegten Herzens verband er sie wieder mit seiner Liebe zum Frühling.
Der Sommer zog herauf, die Felder dufteten, die Mohnblumen standen wie Blutstropfen im blühenden Korn, die Rosen, die Kirschen und alle Sommerblumenlim . arten glühten. Die Linden vor dem Hause trugen ihre goldene Vlutenlast und dufteten Sommersicherhsit.; • Mächtige Bienenvölker sogen an den abertausend Blüten, und die vollaubigen, dunklen, goldüberstäubteii Bäume dröhnten wie zwei Orgeln, so gewaltig war das Summen der Bienenvölker in ihren Kronen. Und abends klang aus den offenen Fenstern des Häuschens unter den dröhnenden Bäumen Musik und Gesang. Vier Mädchenstimmen sangen zu Spinett und Laute Sommersehnsuchtslieder. Die schwachen Mauern des kleinen Hauses konnten kaum der Töne Uebcrschwall fassen. — Das war ein Duften und Dröhnen und- Klingen zu Ehren des Sommers, und wer vorübergiug, sah und hörte mit Staunen die dunklen Baumorgeln vor dem singenden Haus, das seine Klänge nicht zu fassen wußte.
Nerle liebte die dritte Schwester Alma wie ein geheimnisvolles Sommerlied, das so schön und tief war, wie es keines auf Erden gibt, das gesungen und gebetet wird.
Da war nicht eins, das er so aus vollem Herzen, vor sich hin hätte singen können, wenn er an Alma dachte und au die Sommerherrlichkeit um sie her. Am ehesten noch das:
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud'
In dieser schönen Sommerszeit.
An deines Gottes Gaben."
Tas Lied des alten Paul Gerhard. Uerle war kein Dichter, er kannte die Todesnöte der Dichter nicht, ihre Kämpfe nicht und ihre Qualen nicht. Er pflückte nur ganz friedlich die Schönheiten, die aus diesen Qualen und Seligkeiten wuchsen, und wenn er Schöngeist wurde, wurde er Tichtersreund, so rückhaltlos und hingebend, wie die Dichter wahrlich wenig Freunde auf Erden gehabt haben.
tFortsePmig folgt.)
Ehemalige Adelsgeschlechter in nächster Umgebung von Gießen.
Eines der ältesten Adelsgeschlechter der Grafschaft Nassau-Weilburg, zu der auch das Amt Gleiberg,- der Hüttenberg und ein Teil von Cleeberg gehörten, war das der Lösche von Mühlheim. Die Lesche führten den Beinamen von Mühlheim nach dem ehemals bei Wetzlar gelegenen, jetzt ausgegangenen Orte M öl n heim oder M u l e n h e i m (Hermannstein).
Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war die Familie Lesch eine der angesehensten Patrizierfamilien in Wetzlar. Hier wird von 1240—1252 ein Gerlach Lesch erwähnt. 1269 begegnen wir einem Gerhard Lesch v. Mühlheim als Burgmannen zu Kalsmunt bei Wetzlar. Die Würde eines Burgmannen der Reichsfeste Kalsmunt war eine höchst angesehene und wurde bisweilen vom deutschen König selbst verliehen. Ob der erwähnte Gerhard Lesch, wie der Beiname von Mühlheim vermuten läßt, der Erbe des Kals- munter Burgmannen Milchling von Mulenheim war, bleibt ungewiß.
Die Würde eines Burggrafen zu Kalsmunt wurde 1292 vom Kaiser Adolf von Nassau dem Grafen Gottfried von Merenberg verliehen, dem bekanntlich auch die Herrschaft Gleiberg gehörte. Durch Merenberg kamen auch die ehemals Kalsmunter Burgmannen Lesch in das Gleiberger Gebiet.


