Ausgabe 
1.10.1910
 
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etgeW zu sein. Nun, der Punkt ist ja ganz nebensächlich; wenn Sie Randau haben, werden Sie wahrscheinlich leicht heraus­bringen, was für Helfershelser er gehabt hat. Tie Aussagen der Frau werden allem Anschein nach durch den Tatbestand gestützt Und bestätigt, wie wir ihn hier vor unseren Augen sehen." Er ging <nt das französische Fenster und öffnete es.Hier finden sich keinerlei Spuren, aber bei dem steinhart gefrorenen Boden konnte man auch keine erwarten. Wie ich sehe, sind diese Lichter auf dem Kaminsims gebrannt worden."

Jawohl; bei ihrem Schern und dem der Kerze, welche die gnädige Frau in der Hand hatte, haben die Diebe ja die Silber- sachen gestohlen."

Was haben Sie denn mitgenommen?".

Nun, nicht gerade viel nur ein halbes Dutzend silberner Gegenstände von dem Wandtisch. Die Baronin vernrutet, hast sie über den unbeabsichtigten Mord selbst so bestürzt gewesen seien, daß sie das Haus nicht so durchsucht und ausgeplündert hätten/ wie sie es sonst wohl getan haben würden."

Das ist zweifelsohne wahr. Und doch haben sie Wein ge- trunken, wenn ich richtig verstanden habe."

Um ihre Nerven zu stählen."

Richtig. Diese drei Gläser auf dem Seitentisch sind später hoffentlich nicht angerührt worden?"

Netti; und die Flasche steht auch no.ch ebenso da, wie sie die Miede verlassen haben."

Wir wollen sie uns'mal näher betrachten. Holla, was ist das ?" Die drei Trinkgläser waren zusammengerückt und in jedem war Wein gewesen; in einem befand sich ein fester Rückstand. Daneben stand die Flasche. Sie war noch zwei Drittel voll iund in der Nähe der Flasche lag «in langer, dunkeler Kork­stöpsel. Ter Pfropfen und .der Staub der Flasche bewiesen, daß die Mörder keinen schlechten Tropfen getrunken hatten.

(Fortsetzung folgt.)

Ein günstiges Urteil über die Frauenarbeit.

Das harte Urteil über die Frauen, das ein höherer Berliner Postbeamter kürzlich in den Berl. N. N. veröffentlichte stich das seitdem die Runde durchs hie Presse macht, veranlaßt einen Freund Unseres Blattes zu einer ^Erwiderung, der wir um so lieber Raum geben, als die etwas schroffen Ausführungen des Berliner Herrn Unseres Wissens seither unwidersprochen blieben. Demgegenüber stellt nun der hiesige Telegraphendirektor Dr. Hagemann fest, daß dies Urteil im allgemeinen nicht richtig ist. Er schreibt uns:

Sie brachten in Nr. 128 derFamilienblätter" einen Aus­zug aus einem den Berliner Neuesten Nachrichten entnommenen Artikel mit der UeberschriftEin hartes Urteil über die Frauen", den Sie mit den Worten schließen:Das ist hart!" Sie hätten hinzufügen können:und nicht einmal im allgemeinen rich­tig". Der Aufsatz soll einenhöheren Postbeamten" zum Ver­fasser haben. Wenn das sttmmt, so ist dieser höhere Postbeamte doch wahrscheinlich Leiter ober wenigstens einflußreicher Beamter eines Fernsprechamts, oder ist es gewesen. Er wäre also für die * Zustände dieses Amtes in hohem Grade verantwortlich. Es würde traurig für ihn selber sein, wenn seine Schilderung zuträfe, trauriger noch für die Postverwaltung, wenn ein solches Amt typisch für die Verhältnisse im Reichs-Postgebiete wäre. Gestatten Sie daher mir, der ich anch einige Erfahrungen in den verschie­densten Gegenden, in großen, mittleren und kleinen Städten ge­sammelt habe, einige Worte der Erwiderung.

Schon der Anfang der Ausführungen des Arttkelschrcibers ist anfechtbar:Der völlige Mangel an Dienstinteresse und Dienst­eifer sind es, die beim weiblichen Personal eine dauernde, männ­liche Beaufsichtigung erforderlich machen." Daß das nicht richtig sein kann, ist schon aus der Tatsache zu schließeu, daß den nicht etatsmäßig angestellten Telegraphengehilsinnen das Dienst­verhältnis jederzeit mit vierwöchiger Frist gekündigt werden kann Und die etatsmäßige Anstellung erst nach neunjährigem Tiätariat prfolgt. Beamtinnen den geschilderten Qualität würden daher nicht lange im Dienste belassen werden. Aber es gibt sogar nicht wenige Beamtinnen, die weit über das unbedingt nötige Maß hinaus Tienstinteresse und Diensteifer zeigen und es in dieser Beziehung mit recht vielen Beamten aufnehmen. Und da ist es gerade der Fernsprechdienst, für den unter dem männlichen Per­sonal die geringste Begeisterung herrscht. Wie wenige Beamte behalten bei dem fortwährenden Verkehr mit dem Vielköpftgen Publikum die Ruhe! Ich habe ost genug als Bezirksaufsichts­beamter das zweifelhafte Vergnügen gehabt, in Orten, wo der Fernsprechdienst von Postbeamten mit wahrgenommen werden Mußte, Frieden zu stiften zwischen Fernsprechteilnehmern und Beamten; habe es aber auch erlebt, daß die Beschwerden sofort! Abnahmen ober ganz aufhörten, sobald es möglich war, bei solchen Aemtern Gehilsinnen einzustellen. Wie wäre das möglich gewesen, wenn bei dem weiblichen Beamtenpersonalevölliger Mangel an Tienstinteresse und Diensteifer" herrschte! Und bei fast allen kleineren Aemtern ist es ausgeschlossen, über die 3 oder 4 Beam­tinnen einen Beamten als Äufsichtsorgan zu setzen, das würde

sich schon ans wirtschaftlichen Gründen verbieten. Bei mittlerW und großen Aemtern kann man allerdings die männliche Aufsicht nicht ganz entbehren. Aber was beweist das? Jeden Beamten kann man dazu auch nicht gebrauchen, vielmehr stehen für solche. Stellen verhältnismäßig wenige zur Verfügung. Und für einest Teil der Aufsichtsgeschäfte kann man sehr wohl auch Beam­tinnen heranbilden, wenn man nur den guten Willen dazu hat, Nur bei einfachen, mechanischen Arbeiten, die sich in einem gewissen Kreislauf bewegen und immer wiederholen, können Frauen beschäftigt werden."Die entsetzliche Gleichgültigkeit ist die Ursache, daß die Frauen sich immer nur das Allernotwendigste, die unentbehrlichsten Handgriffe, die dringendsten erforderlichen Kenntnisse in ihrem Berufe aneignen." Wenn das wahr märe, dann müßte heutzutage jedes Fernsprechamt, und noch mehr ttdes vereinigte Telegraphen- und Fernsprechamt, versagen, sobald aus irgend einem Grunde (Börsenhausse, umfangreiche Leitungsstörun­gen u. dergl.) außergewöhnliche Anforderungen an das über­wiegend aus Beamtinnen bestehende Personal gestellt wurden. Ich wünschte nur, der Herr Kollege hätte sich während der eben abgelauseuen Manöverzeit einmal den Betrieb bei dem hiesigen Amte ansehen können; er würde sich zweifellos darüber gewundert haben, daß es möglich äst, einen zeitweise UM 50 v. H. gesteigertest Verkehr ohne Personalverstärkung, also lediglich durch Anspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte zu bewältigen.

Und nun würde ich den Artikelschreiber gern fragen: Halt er es überhaupt für möglich, in einem Fernsprechamt den Ver­mittelungsdienst durch lauter Männer wahrnehmen zu lassend Ich behaupte, daß ein solcher Versuch kläglich scheitern wurde. Müssen wir aber weibliche Beamte haben, müssen wrr hoch­wertige Beamtinnen haben, so seien wir vorsichtigder der Annahme der Bewerberinnen; das Angebot ist ja groß genug l

Gießest, 24. September 1910.

Dr. Hagemann, Telegraphendlrektor.

Vermischte».

* EiNebärtigeHeilige. Wohl eine der merkwürdigsten Gestalten der religiösen Legendenbildung äst die der heiligen Küm­mernis, die zwar die offizielle Anerkennung der Kirche nie ge­funden hat, deren Kultus aber wenigstens gebutbet wird und trt einzelnen katholischen ßänbern. speziell rn Schlesien noch heute fortlebt. Diese Heilige, hie auch ben Namen Wftgefortis führt (vielleicht aus virgo sortis, starke Jungfrau, entstanden) wird am Kreuze hängend mit langem Gewände und einem großen Barte bargestellt. Nach der Legende soll sic als Tochter einer heimlichen Christin und eines heidnischen Königs geboren und von ihrem Vater in den Kerker geworfen worben sein, weil sie sich weigerte, einen heidnischen Gemahl zu ehelichen; auf ihre Bitte, sie gegen die Verfolgung ihrer Jungfiauschaft zu schützen, habe Gott ihr einen Bart wachsen lassen, ihr Vater dies aber als Zauberei angesehen und sie kreuzigen lassen. Als sie gemartert am Kreuze hing, kam ein Geiger des Wegs, der ihr zum Tröste vorspielte, wofür sie ihm zum Dan? einen ihrer goldenen Schuhe fallen ließ: den brachte er zum Goldschmied, kam aber in den Verdacht, ihn gestohlen zu haben und sollte gehängt werden. Um seine Unschuld zu beweisen, ver­langte er nochmals vor der Gekreuzigten spielen zu dürfen, -nutz nun ließ diese auch den zweiten Schuh für ihn fallen und rettet« durch dies Wunder dem Geiger das Leben. Dieses Schuh-Mirakel ist übrigens ein heidnisches Sagenmotiv, das sich auch in änderest Heiligenlegenden wiederfiudet, speziell in bet vom heiligen Geuesuis. Die Geschichte mit dem Barte aber geht, wie neuere Forschungen mit ziemlicher Sicherheit festgestellt haben, einfach auf eine miß­verständliche Auffassung der ältesten Christusdarstelluiigeu zurück, Im frühesteil Mittelalter nämlich trug man noch sittliche Be­denken, den Heiland am Kreuze unbekleidet darzustellcn und gab ihm ein langes, ärmel- und gürtelloses, hemdartiges Gewand. Dch berühmteste Darstellung dieses bekleideten Kruzifixes ist das soge­nannte Volto santo in der Kathedrale von Lucca. Die StaAÜ Lucca ist auch der Schauplatz der eben erwähnten Legende von Genesins, dem ein Kruzifix zum Lohn für sein schönes Geigenspiel seinen goldenen Schuh hingeworfen haben soll. Aus dem in ein langes Gewand gehüllten Heiland wurde nun in der Volksphantasiq eine weibliche Gestalt, deren Bärtigkeit man sich in der oben er­zählten Weife erklärte, wobei dann gleichzeitig das Schuh-Mirakel der Genestus-Legende mit hineinverwoben wurde. Alte Kümmer­nisbilder, die die bärtige Heftige am Kruzifix teils mit, teils ohne den spielenden Geiger barstellen, finden sich st. a, noch in Mehrerest katholischen Kirchen Schlesiens sowie ist Tirol,

versteckratsel.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbean" inWanderer".

Rudersport Pistolenduell Armband Bodenbach Kammer­diener Sorbonne Landgericht Graubünden Großmacht.

Auflösung in nächster Nummer,

Auflösung des Arfthmogriphs in voriger Nummer: Puris Ala Raps 8alias Ilias Pars AS Laar:

Parsifal.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.