Donnerstag den 30. Dezember
1909
äOäM Wfä&MltS
SS
MMWM
Rheinlandstöchter.
Roman < . ara Viebig.
(SchW.) 'Nachdruck verboten.)
„Sehen Sie — da!" Sie hob die §anb. ,,O sehen Sie, nach allem Grau so hell, so schön!" Ein Ausdruck des Entzückens lag auf ihrem Gesicht, die Augen leuchteten; sie öffnete die Lippen zu einem tiefen, durstigen Atemzug. Ihre Gestalt reckte sich. Groß stand sie am Steuer, gleichmütig gegen das Schaukeln und Schwanken unter ihren Mßen. Unentwegt sah sie geradeaus, den Kopf hoch gehoben, die kräftige Brust vom Wind umweht.
„Nelda!"
Sie wendete ihm voll das Gesicht zu, der plötzliche Sonnenstrahl spielte darauf in goldenen Reflexen. Wie geblendet starrte der Mann sie an; von einem törichten, sinnlosen Gefühl ergriffen, steckte er beide Arme aus. „Helfen Sie mir!"
Sie sah zu ihm herunter, ihre Augen trafen sich — ein langes Jneinanderwurzeln. „staunst du vergeben?" sprach der eilte Blick; und der andere: „Ich habe vergeben!"
„Ich verzage sonst," sagte Ramer unwillkürlich laut. Und dann mit einem schmerzlichen Gefühl, von Luft und Schmerz zugleich: „Ich habe Sie wiedergesehen, — es ist so schwer zu leben — ich muß mich vor vielem fürchten — werd 'ich unterliegen oder siegen?"
„Siegen!" Ihre Stimme hallte übers Wasser. So redet ein Weib, das Fesseln getragen hat und doch frei ist! Eine, die nicht unterliegt, ivenn der Kampf auch heiß ist und die Gefangenschaft lang.
„Auf, auf," sagte sie kurz, ivic mau zum Kampf anfeuert. „Nur nicht schwach werden und verzagen an sich selbst! Wenn draußen alles in Stücke geht, ioir haben hier innen was in uns. Boran, Herr von Ramer —" sie warf die Haare zurück, die ihr der Wind ins Gesicht fegte — „schlagen Sie nieder, was sich Ihnen in den Weg stellt, Sie müssen durch — es ist oft schwer." Sie biß die Zähne zusammen, ein freudiger Glanz verschönte ihr Gesicht. „Aber mau kommt durch. Nur Mut!"
Ramer schloß schwindelnd die Augen, dann öffnete er sie ivieder schnell, sie saugten sich an ihrem Bilde fest. Da stand sie, frei und befreiend, mutig und ermutigend, Weib und Heldin! Es war ihin, als müsse er auf die Kniee sinkens Eine starke Luft strömte ihm von ihr entgegen, herb wie in deutschen Tannenwäldern, aber voller Kraft, jeden Pulsschlag belebend.
Boran! Hatte sie das gesprochen oder er?!
Der reine Wind wehte das Wort um sie her und trug es über ihre Häupter.
Der Mann faßte nach des Mädchens Hand. „Können .Sie mich verlassen?! Nein, Sie können es nicht, Sie dürfen es nicht! Nelda, geh' du voran, dann kann ich folgen!"
„Ich warte. Zeigen Sie sich tapfer!" Sie drückte ihm fest die Hand und lächelte ihn an. „Und nun voran, rudern Sie, wir müssen eilen!"
Der Nachen schoß übers Wasser. Nun legten sie an; schweigend sprang sie ans Ufer, er ihr nach. —■> —<>—
Neue Wolken ziehen herauf, neue Regenschauer verjagen die Sonne, aber sie kehrt ivieder und ivieder. In Nebel und Wasser spiegelt sich ihr leuchtendes Bild.
Heil! Da steht er endlich überm Rhein, der Regenbogen, hingeweht in duftigen Farben, und doch festen Fußes, diesseits des Ufers und jenseits! Er ist wie ein Tor, durch das Schifflein gleiten auf vergoldeten Wellen.
X.
„Heihoh, unsere Eifel! Halloh!"
Wie die Berge wiverhallen von dem kräftigen Rufi Zwei Menschen sind's, die da oben stehen auf dem höchsten Gipfel und hinab schauen durch ein Gewirr von dunklen Tannen und gelbem Laub in schrundige Felsspalten. Unten rauschen schäumende Bergwasser.
Die Sonne ist im Sinken. Zögernd steigt sie drüben hinter jene runde Bergkuppe, purpurner färbt sie das bräunliche Heidekraut und die Stämme rotgoldner. Sie kann sich nicht trennen. Unten im Tal schon Dämmerung, hiev oben noch ein Meer von Licht. Wie gebadet in Gold sind die beiden Menschen, weithin sichtbar stehen ihre Gestalten im Aether — ein Mann und eine Frau. Der Mann ist alt, sein weißes haar flattert in der herben Abendluft; sie scheint noch jung, das Helle Kleid spannt sich über kräftige Formen, ihr Gesicht ist frisch.
Es ist längst kein Sommer mehr. Die Buchen haben buntes Laub und werfen ein Blatt nach dem andern ab'; ivenn die Sonne sinkt, weht's herbstlich kühl. Es raschelt im Gras, Tauperlen fallen nieder, weiße Nebel huschen in den Schluchten und legen sich weich und zärtlich den Bergen an die Brust. Bald ist's dunkel im Tal. Nur der "große Sonnenball steht noch hinter'm Gipfel, röter ivird der Himmel um ihn und röter, Wölkchen flattern aus und schwimmen davon, lange goldne Bänder schlängeln sich hinter die grauen Felsspitzen.
' „Hah!" Nelda Dallmer breitete die Arme aus, als wollte sie eine Welt an's Herz schließen, ihr Gesicht strahlte im Widerschein des Abendrots. „Onkel, wie schön das ist! Fühl' nur, die Luft, wie rein, ivie köstlich! Sie geht einem durch und durch, lknd sieh nur, sieh, jetzt hat die große Tanne drüben einen ganz goldnen Wipfel! Wie die grauen düstren Felsen angeglüht sind, sie lachen ordentlich — und der Himmel! Man möchte sich hinein stürzen und ertrinken in deut Meer von Wonne! Onkel!" Sie sprang auf den Mann zu und schlang die Arme um ihn; ivie ctn Kind hing das große Mädchen an seinem Halse.
„Fühlst dn's denn mit mir, Onkel Konrad? Komm, gib deine Hand, leg' sre mal hierher. Nicht ivahr. wie das klopft und stark geht? Mein Herz ist so voll, ich btu


