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Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühh'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
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Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Wer allzu heilig rennt, geht überrennend Des Ziels verlustig. Wißt ihr nicht, daß Feuer, Wenn es den Trank zum Ueberschätimen schwellt, Ihn scheinbar mehrt, doch in der Tat verflüchtigt?
Shakespeare.
KapselräLsel.
Schwiegertochter — Rudersport — Glasperle — Bohnensalat — Gänsebraten — Winternrode — Stiefmütterchen — Zigarren — Silberwährung — Ritterlichkeit.
Aus dem ersten der vorstehenden Wörter sind drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zrrsammenhängende Buchstaben zu entnehmen, so daß sich daraus ein Sprichrvort ergibt.
Auflösung in nächster Nummer;
Vermischtes.
* D ie Telegraphistin von Pithiviers. In dem im leuchtenden Schmuck letzter Herbstpracht strahlenden Städtchen Clärens ist jetzt die Frau dahingeschieden, die sich rühmen konnte, die älteste Inhaberin des Kreitzes der Ehrenlegion _j.u sein, das sie in den sturmbewegten Tagen des deutsch-französischen Krieges vls 18 jähriges Mädchen erwarb: Juliette Dodu, die Telegraphistin vott! Pithiviers. Ihre Mutter verwaltete das Telegraphenbureau des Städtchens und Juliette half ihr nach Kräften, bis eines Tages vier preußische Ulanen überraschend in das kleine Amts- zimmer drangen, die Apparate beschlagnahmten und die beiden Frauen in einem Zimmer des Hauses zu Gefangenen machten. Indes unter den Händen kundiger deutscher Telegraphisten unten im Bureau die Morseapparate klapperten, rangen oben die französischen Patriotinnen hilflos die Hände. Aber nicht lange währte Juliettes Berzweiflug: sie besann sich, daß die Telegraphendrähte tot Fenster ihres Zimmers Vorbeiliesen und sofort keimte in ihr der kühne Vorsatz, die Depeschen der feindlichen Eroberer! vbzufangen. Sie wußte, daß sie ihr Lebert damit einsetzte, aber die Vaterlandsliebe kannte keine Bedenken. Mit Hilfe eines alten ausrangierten Morseapparates, der den Micke.it der Ulanen entgangen war, gelang es ihr nach fruchtlosen Versuchen und angstvoll durchwachten Nächten in einem unbewachten Augenblick den Anschluß an den deutschen Telegraphendraht herzustellen, und ohne die fremden Worte zu verstehen, schrieb sie getreu die erhaschten Buchstaben der durchlaufenden deutschen Befehle ab. „Siebzehn Nachte lang tat ich das, wenn auch Erschöpfung und Müdigkeit mich zu übermannen drohten." So rettete Juliette den General d'Aurelle de Paladinos mit seinem Korps vor einer Umgehungsbetvegung, die Prinz Friedrich Karl bereits eingeleitet
sÄbst irf mächtigen Pinselstrichen ihr Sigmmt gesetzt hatte; über einer Tür befand sich ein Stück knorriges Holz mit drei chinesischen! Buchstaben, von seinem intimen Freunde Li-HuNg-Tschang gesandt, mit dem er in einem angelegentlichen, durch viele KlassikerzUate verschönten Briefwechsel gestanden hatte. Ito war MMlich ein Kenner der Dichtung des himmlischen Reiches und eins seiner Lieblingsbeschäftigungen wär es, chinesische Verse zu schreiben. Auch sonst widmete er sich einer ausgedehnten Lektüre, bei der englische Bücher voranstanden. . . Eine ganze Weile Storr so zusammen in dem freundlichen, von frischer Luft
kühlten Gemach, sprachen von Japan und seiner grüßest Zukunft unb mit einem schlichten Stolze erzählte der Schöpfer einer Nation von seinem Werk. Aber der Fortschritt konnte ihm! Nicht genügen, sondern er tvar fest überzeugt, daß Stillstand für ein Volk Rückschritt bedeute. Und bei allem hob Ito als wesentlichen Punkt Hervor, daß die Anschauungen des Westens, wenn sie eingeführt und angenommen würden, erst japanisiert werden müssen, wie alle Dinge, die die Fermente, der Kultur gebildet. Buddhismus, Konfuzianismus, Ueberlieferung, Kunst u. a. — sie sind alle noch sie selbst, aber zugleich sind sie japanisch. So ist es auch mit der Nation selbst und wird immer so sein. So lief das Gespräch, während die Blicke über das Grün der Kiefernbäume auf die blaue See hiuausschweisteil, wo hie und da Fischerboote aufglänzten. Es war gerade der Tag vor dem Begräbnis seines' politischen Genossen Hoshi, der ermordet worden war, tote nun Ito selbst. Der Fürst wollte denselben Abend nach Tokio zurückkehren, um der Leichenfeier beizuwohnen. Am itächsten Tage war übrigens ganz Tokio in Aufregung, unb zwar handelte es sich um einen Vorfall, der auf das Verhältnis zwischen dem Kaiser und Ito ein interessantes Licht totaf. Der Fürst hatte die Leichenrede gehalten und sollte daun direkt in denselben Gewändern zu dem Herrscher gegangen sein. Die Zeitungen erklärten dies für eine Majestätsbeleidigung, unruhige Volksmassen sammelten sich und man murrte gegen den Staatsmann. Der Kaiser aber hat ihm immer sein unbegrenztes Vertrauen geschenkt und ihn mit Ehren bedacht, die sonst nur Mitgliedern des Herrscherhauses Vorbehalten sind... Es wurde zum Lunch gerufen und wir gingen in den Garten, der im japanischen Stil eingerichtet war, aber einige Beete mit europäischen Blumen enthielt unb ietn Glashaus. Die Fürstin widmet sich selbst der Blumenpflege und arbeitet viel an den Beeten. Das Essen war in einem Zimmer des japanischen Hauses angerichtet; mitten während der Mahlzeit rief mein Wirt einen Diener und bat um etwas. Der Bedienstete schien überrascht, die Fürstin mischte sich darein und machte ihrem Gatten Vorstellungen, aber schließlich bekam er seinen Willen. Er hatte ein Lieblingsgericht haben wollen, das Nicht auf dem Menü stand ! Nach dem Lunch sprachen toir über China, zu dessen besten Kennern Ito zählte. Er erklärt es für totoenbig, daß China einen starken Herrscher erhielte; sonst sei das allmähliche Anwachsen einer inneren Anarchie zu befürchten, tos der einige führende Geister hervorgehen müßten, um das Reich zu retten. Nachdem wir zahllose Zigarren geraucht hatten, denn der Fürst wär ein sehr starker Raucher, senkten sich die Abendschatten nieder und ich verließ die Billa. Das Gefühl von der Größe dieses Mannes hatte sich mächtig aufgedrängt in dem langen Gespräch mit ihm, in dem so viele Themen und so manche Länder berührt worden waren.
hatte, Und auf Grimd ihrer abgefangenen Nachrichten wurde auch im rechten Augenblick die Brücke von Gien gesprengt. Bis ein Ungetreuer Diener die Patriotin verriet. In voller Arbeit über- raschts man sie: sie wurde verhaftet. „Ich bin Französin," ant- toortete sie stolz ohne einen Versuch des Leugnens, „ich tat es für mein Vateilaud, macht mit Mir, was ihr ivollt." Das Kriegsgericht verurteilte sie zum Tode, aber auch auf deutscher Seite vermochte man diesem Heldenmut einer patriotischen Frau die Anerkennung nicht zu versagen: Während die sranzösischen Armeebefehle ihren Namen rühmend nannten und die Regierung von Tours ihr die Militär-Medaille verlieh, verfügte Prinz Friedrich Karl die sofortige Begnadigung der jungen Französin.
* Seltsame Steuern i n England. Auch der Staatsschatz des reichen England hat Zeiten der Not und Sorge gekannt und in den Köpfen der Schatzkanzler erstanden wunderliche Steuer» plane, mit denen die britischen Staatsbürger wenig einverstanden waren. Eine der seltsamsten und meist gehaßten Steuern, so erzählt eine englische Zeitschrift, war die Geburtssteuer, die nach der Revolution gegen Jakob II. eingeführt wurde. Nach Stand und Vermögen War die Steuer sorgsam gestaffelt; wenn z. B. eine Herzogin ihren Gatten mit einem Kinde beschenkte, so mußte der Vater bei der Staatskasse über dieses Glück mit 600 Mark quittieren. Selbst die ärmsten Leute blieben nicht verschönt; trenn die kleine Arbeiterfamilie Familienzuwachs erhielt, so meldete sich der Fiskus und beanspruchte zwei Schilling Geburtssteuer. Aber der Zorn und di« Entrüstung gegen diese Steuer waren im Lande fo groß, daß sie nach kurzer Zeit wieder abgeschafft werden mußte. Um den Einnahmeaussall zu decken, versuchte man fern Glück mit einer Jnuggesellensteuer. Jeder 25 jährige oder altere ManU, der so leichtherzig geivefeit war, die süßen Fepeln der Ehe zu verschmähen, mußte zumindest einen Schilling im Jahr an die Staatskasse abführeu; das Ivar die Taxe für alte bis zn einem Einkommen von 1000 Mark im Jahre. Wer ein höheres Einkommen hatte und tvotzdent nicht heiratete, imtßte 10 Schilling zahlen. Herzöge, Bischöfe ttitd hochgestellte Persönlichkeiten entrichteten noch höhere Summen für die Freuden des Zölibates r gar 250 Mark im Jahr. Die Steuer, die 1695 zuerst erhobest wurde, tonrbe 11 Jahrs später wieder abgefchasft. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es im glücklichen England kaum ettvas, das nicht in irgend einer Weise besteuert war, vorn. Myrthenkranz der Braut bis zu den Nägeln des Sarges. „Ter sterbende Eust- WNder", so sagte Stzdneh Smith sarkastisch, „trinkt eine mit versteuerte Medizin aus einem mit 15 Proz. versteuerten Löffel, legt sich zurück auf sein Bett, das mit 22 Proz. versteuert ist unb haucht sein Leben aus in den Armen eines Doktors, der 2000 Mark für das Privilegium bezahlt hat, um den Engländer sterben M lassen" Sogar Licht und Luft wurden Gegeustaitd der Besteuerung. Bei allen Häusern, ausgenommen in den allerarmsteu Vierteln, lvurden regelmäßig sogenamtte „Fenstersteuerw er Wir, die je nach Anzahl der Fenster an einem Hache zwilchen 6 und 1850 Mark schwankten. Für das Volk bedeutete diese steuer auf das Tageslicht eine empfindliche Bedrückung, aber 155 ^ahre lang blieb die Steuer in Kraft, bis sie endlich 1851 unter dem! einstimmigen Jubel der Nation beseitigt ivurde. Viele Hausbesitzer hatten vorher ihre Fenster vernagelt und vermauert, mst der harten Steuer zu entgehen. Bis 1853 bestaild auch eine Jn- seratensteuer, die in England 1V2, in Irland 1 Schilling betrug. Besonders das Zeitungsgewerbe wurde schwer belastet, für redes verkaufte Zeitungsexemplar mußte eine Steuer von 8 Pzeumg pvo Hauptblatt bezahlt werden; hatte dte Zeitung aber gar Beilagen und Beiblätter, dann mußte jedes weitere Blatt mit 4 Pfennig versteuert werden. Erst 1855 hörte dies auf. In den 70er Jahren tauchte bann das Projekt einer Streichhölzer steuer auf. Aber das Volk demonstrierte, vor dem Parlament wurden große Kundgebungen gegen diese Belastung des kleinen Mannes veranstaltet, die so imposant verliefen, daß die Volksvertreter die steuer ablehnten. Robert Lowe war von der Annahme der steuer fs überzeugt gewesen, daß er die Stenermarken bereits hatte Herstellen lassen, eine Art Briefmarke für jede Schachtel mit derst charakteristischen Motto „Ex luce lucellum", „aus dem Lichte etil Profitchen". _____________


