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Und so lebten sie vorläufig in der gewohnten, guten Weiss weiter. Mit den Alten oben in Eintracht, Großvater und Großmutter wären die und so gut zu ihnen, als ob sie ihre leiblichen Kinder waren. Sie teilten Freud und Leid mit den Jungen, und als der Michel Sieben gestorben war, blieb die alte Meisterin die helfende, ratende.Großmutter im Hause. Sie wollt nicht zu ihrem Sohne, dein Pfarrer, .und auch nicht zu ihrer Tochter, die keine Kinder hatte. Sie hatte ihre größte Freude an dem „Petter", dem kleinen Michel. Und im Häuschen wollt sie sowieso bleiben. Da hab sie so lange drin gelebt, da wolle sie auch ihr Ende drin erwarten.
Und her Peter und die Elise und der kleine Michel hätten sie auch nicht ziehen lassen.
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Die! Elise weinte heimlich. Sie wär ganz aufgerüttelt, ganz ohne Halt. Nun wär der kleine Michel schon sechs Jahre alt, und nun hatte sie das zweite Kind zu erwarten. Sie wußte nicht, wäs sie tun und lassen sollte.
Anfangs hatte sie ja oft gedacht, wenn sie nur nach ein zweites Kind bekäme. Das müßte doch eine Befriedigung für den Peter sein. Ein Kind, dessen Vater er wäre, ganz wäre!
Vielleicht am besten ein Mädchen, daß er nicht vergleichen könnte. Denn beständig lag sie aus der Lauer, beständig war sie gespannt und beobachtete das Verhältnis ihres Mannes zu ihrem Sohne. Für jedes Scheltwort war sie im höchsten Grade empfindlich, jeder böse Blick tat ihr Weh. Sie wußte ja ganz genau abzuwägen, ob's verdient oder unverdient war, und doch — und doch —
Sie konnte sich nicht dagegen wehren.
Es war ja nicht der geringste Grund dafür Vorhänden. Der Peter war dem Kinde jederzeit ein lieber Vater, und ganz als sein Vater fühlte er sich. Und in Lohn und Strafe blieb er sich gleich. Es war sein Kind.
Mer sre konnte sich darin nicht beruhigen.
Sie sah, wie der Peter in und mit dem Michel lebte. Wie er spielte mit ihm, besorgt war für ihn, wie seine Augen äufleuchteten, wenn er in seiner Kindlichkeit etwas tat, was sein Herz bewegte.
Nein, es hatte noch nie einen Mißklang gegeben, wenn ihr auch bei der und jener Gelegenheit das Herz geblutet hatte. Wenn sie sich's hintennach überlegte, war ihre über- rriebene, krankhafte Empfindung daran schuld. Denn auch mal ein böses Wort und auch mal Schläge wären nötig r—, sie wendete sie ja selbst an.
Und wie stolz wär der Peter immer, wenn er dem Wichel einpn neuen Anzug gemacht hätte, und wie freute er sich, wenn der Bube sprang und kletterte und recht wild war. Freudestrahlend hatte er ihr erzählt, wie er den Michel auf dem Apfelbaum im Garten getroffen hätte, hoch droben in den Aesten.
Wie der Knirps nur da hinauf gekommen wäre?
Er hatte die Hühnerleiter aufgestellt und war in den Mesten weitergekrabbelt. Und die Leiter war umgesallen und er saß oben und konnte nicht herunter.
„Denk dir, so en Kerl!" sagte der Peter zu seiner Frau.
Sie lächelte, „'s könnt ihm aber mal was passieren dabei!" sagte sie.
„Ach geh — dem wildste Stück tut's am wenigste,"
In allem war ihre Angst und Sorge. Etwas Unheimliches stand immer vor ihr. Das würde anders sein, wenn noch ein Kind käme. Das würde sie befreien und den Peter befriedigen. Ja, das war's ja — er konnte ja nicht so ganz zufrieden sein, es wär ja ein fremdes Kind.
Mer es kam keines. Und wie so die Jahre gegangen waren und ihre Hoffnung immer geringer und geringer geworden war, da änderte sich ihr Sinn. Nein, sie wollte doch kein Kind mehr haben! Es war besser so, sie hatte nur den Michel.
Gern, gern hätt sie ja noch eins gehabt. Wegen sich selbst, und dem Peter wegen. Mer sie fürchtete ja auch sich selbst, Mirde sie dem Michel noch so Mütter sein können, wenn sie ein rechtes Kind vom Peter hätte? Und ei durfte doch dem Michel nicht Stiefmutter werden. Und r Peter — nein, sie wollt's nicht ausdenken.
Es war doch besser, daß keines kam. Er würde merken, was er jetzt nicht merkte: den Unterschied zwischen seinem Wn-d und dem Michel — dem fremden — dem Sündenkind! Was sie eine Angst vor diesem Wort hatte.
Wenn das dem Peter je einmal einfiel, wenn er das
je einmal sagte! Im Zorn, wenn ihn der Michel gar zst sehr geärgert hatte. Oder wenn's ihm einer ins Ohr geblasen hatte, so ein „guter Freund"!
Sie würde zusammensinken, sie würde sterben vor seinen Augen. Sie würde ihü nie mehr ansehen können, sie würde seine Nähe nicht mehr ertragen können. Es wäre ein Schmutz, der auf sie geworfen wäre, der ihr ganzes Leben verdrehen und verderben würde, alle Liebe und Güte. Und das letzte Nestchen Kraft — es war ja nur noch ein Nestchen'. Das letzte Ruheplätzchen wäre ihr dann genommen, wo sie sich doch immer wieder auffrischen könnte, sich sammeln konnte: der Peter. Dies Gefühl, daß er vergessen und verziehen habe, daß er ganz mit ihr versöhnt ser und nichts verlange im Leben mit ihr, daß dies Leben nicht falsch sei, nicht gemacht, nicht gelogen.
Und nun hatte sie auch noch beobachtet, wie der Michel dem Adam immer ähnlicher wurde. Die Nase, der Mund, das Kinn — ganz vom Mam. Und in so vielen Bewegungen und Gebärden — ganz der Adam. Leibhaftig, wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie hatte ja den Warn schon als Kind gekannt. Sein Gang, seine Haltung, seine rasche Art — es war alles auf den Michel übergegangen. Und ihr schien's, es würde mit jedem Tag deutlicher. Std zitterte.
Einmal müßte es doch der Peter merken. Wenigstens, daß das Kind von ihm so ganz verschieden war. Denn er hatte ja den Mam nur einmal gesehen.
(Fortsetzung folgt.)
Bühnenkünstler im Altertum.
Bon Dr. Kurt Heinzmann.
Nachdruck verboten.
Wer die soziale Entwickelung des Bühnenberufes, dessen Angehörige neuerdings so lebhaft gegen die durch ihre Engagementsverträge bedingte „Theatersklaverei" ankämpfen, von seinen frühesten Anfängen an verfolgen will, wird besonders die beiden Hauptkulturstätten des Altertums, Hellas und Rom, zu berücksichtigen haben.
Schon früh stand die hellenische Kunst in glänzender Mute. Theatralische Darstellungen waren hei den Griechen Staatsakte religiösen Charakters. Die Tragödie 'entwickelte sich aus deck dithyrambischen Chören, die hei den Dionysosfesten vorgetragen wurden. Die Komödie aber bildete sich aus den Liedern aus, die von den schwärmenden Teilnehmern dieser Feste gesungen wurden. Thespis (auf den launigerweise der „Thespiskarren" unserer „Schmieren" zurückgeführt wird) tont zuerst auf den Gedanken, den die Chorgesänge verbindenden Text durch einen Schauspieler sprechen und darstellen zu lassen.
Längere Zeit blieb der Dichter auch zugleich der einzige Schauspieler. Den Chor stellte der Chorführer auf eigene Kosten' aus deut Kreise der Bürger. Erst als die draruatische Dichtkunst schon in hoher Blüte stand, zu bett Zeiten des Aeschyios, kam um 500 v. CH. ein zweiter, bald darauf, etwa zur Zeit des Sophokles,- ein dritter Schauspieler auf. Mehr als drei Schauspieler, aber (obwohl autch die attischen Tragödien zuweilen zehn verschiedene Rollen haben) und als fünfzehn „Choreuten" (Chorsänger) hat die attische Bühne auch zur Zeit ihres dritten Klassikers, des Euripedes, nicht besessen.
Der Dichter aber zog sich ällmählich von den Aufführungeck zurück und war nicht mehr als Protagonist, als Heldenspieler, tätig. Protagonist wurde später der Unternehmer, der sich dem Staate gegenüber verpflichtete, mit zwei Gehilfen die vorkommenden Nollen gegen Honorar zu spielen. Trotz des Entgeltes aber litt das Ansehen des Bühnenkünstlers nicht. Gelegentlich wurdest sie sogar in Kriegsfällen als Gesandte ausgeschickt. Die Ausrüstung der Schauspiele aber, die Leitourgie, wurde von den höchstbesteuerten attischen Bürgern (neben der Ausrüstung der Flotte) als eine Art Ehrenvorzugssteuer abwechselnd übernommen.
Auch von Staats wegen war in Athen ein ziemlich beträchtlicher Fonds „auf ewige Zeiten" dafür reserviert, daß auch dem Aermsten freier Eintritt gewährt werden könnte. Ein Staatsgesetz verbot sogar bet Todesstrafe, diesen Fonds jemals anzst- greifen.
IM alten Athen also stand schon etwa im Jahre 400 v. Chr. Kunst und Literatur in höchster Blüte. Zwar war die Mimik absolut noch sticht ausgebildet, denn die Darsteller trugen Gesichtsmasken: auch muß die Bewegungsfreiheit auf der Bühne dadurch gelitten haben, daß die Darsteller zur Vergrößerung ihrer Statur auf hohen Stelzschuhen (Kothurn) einherstolzierten; endlich wurdest unnatürlicherweise auch die Frauenrollen noch von Männern gegeben. Immerhin aber war der Bühnenberuf durchaus angesehest und bürgerlich gleichberechtigt.
Im übrigen aber läßt sich die soziale und rechtliche Entwicke- kungsgeschichte des , Bühnenkünstlerberufes am besten dort ver- folgen, too klares juristisches Denken am frühesten ausgebildet war, her den Röstkern also, deren Rechtsanswattungen im Corpus


