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Spätmghof.
Roman von K. v. d. Eider, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Seit diesem Tage mied er wochenlang das Häuschen des Kantors. Er fühlte sich schuldig und wagte es nicht, Frauke unter die Äugen zu treten.
Bier Wochen mochten vergangen sein, da traf er sie eines Bormittags auf der Straße. Er wollte mit einem .Gruß vorübergehen, aber ein gewisses Etwas in ihrem Wesen bannte ihn.
Als er Frauke näher ansah, bemerkte er, daß ihr Gesicht schmaler und blasser geworden war, und daß unter den Äugen dunkle Ringe lagerten. Heißes Mitleid wallte irr ihm auf.
„Jan," sagte Frauke gezwungen, „du kommst ja gar nicht mehr zu uns? Vater, hat schon nach dir gefragt."
„Ich hatte viel zu tun," entgegnete er ausweichend. Er log absichtlich, um sich rricht in Verlegenheit zu bringen, und Frauke wußte, daß er log, denn Heu und Korn waren längst eingefahren.
„Ich wollte dieser Tage kommen. Ist dein Vater heute abend zir Harrse?"
„Nein, heute abend ist er aus, Mittwochs spielt er ja immer mit Peter Klüwer und Karstens Jens Solo; aber morgen ist er zu Hause."
„Soll ich denn morgen kommen?" fragte Jan.
„Wann du willst!" entgegnete Frauke. Jan sah sie an. Wie verändert sie ihm vorkam. Sie war ihm doch stets so fest und stolz erschienen; jetzt war sie weich, fast demütig ihm gegenüber.
„Aber heute darf ich doch nicht kommen?" fragte Jan; er wartete unruhevoll auf die Antwort.
„Ja, du darfst."
„Es ist gut," sagte er Mit fröhlichen Augen. Am Abend trat er wie immer in das Kantorhäuschen.
Frauke saß allein in dem Stübchen bei der niedrigen Kampe. Sie sprang auf und trat ihm entgegen, hold und befangen, doch ohne Ziererei. Sie reichte ihm die Hand. Ganz nahe stand sie vor ihm und sah ihn an, wie eine Braut den Geliebten ansieht, ans den sie lange gewartet hat. Er hörte ihren Atem, er spürte die Wärme ihrer Glieder und den Duft ihres Haares.
Eine warme Welle flutete über sein Gesicht; er wagte Ls nicht, sie anzurühren. Da faßte sie ihn an der Hand Und zog ihn neben sich aufs Sofa.
Ein süßes, seliges Gefühl durchschauerte ihn. Ganz sachte legte er den Arm um sie und küßte sie auf das wunderschöne Haar, das er so sehr liebte.
Hand in Hand saßen sie auf dem kleinen Damastsofa.
„Verzeih!" bat Frauke. i <
„Nein, verzeih du, ich war zu ungestüm."
Ihre Lippen preßten sich aneinander.
„Versprich mir, Jan, daß du mich niemals wieder so. küssen willst wie damals."
„Ich verspreche es dir, du meine Feine. Hast du mich denn wirklich lieb?"
„Ich habe dagegen angekämpft," gestand Frauke, „aber ich kann wirklich nicht mehr. — Ja, wenn deine Frau dich nicht verlassen hätte, wenn du mir nicht so furchtbar leid tätest, wenn ich nicht immerfort an dich denken müßte!"
„Entschuldige dich doch nicht der Liebe wegen, die mich so glücklich macht. Hab mich lieb. Tine nimmst du damit nichts, ihr tust du kein Unrecht damit."
„Ich will dich ja auch nur ein ganz klein wenig lieb haben — nur so viel, wie man einen guten Bruder lieb hat. Versprich mir, Jan, daß du nicht mehr von mir verlangen willst; ich darf meinem alten Vater keine Unehre machen."
„Ich will immer mit dem zufrieden sein, ivas du mir aus freien Stücken gibst," antwortete Jan.
Länger als eine Stunde saßen sie beisammen auf dem kleinen Sofa und hielten sich ari den Händen und plauderten wie Brüderchen und Schwesterchen.
„Deine Haare sind das Schönste an dir," sagte Jan, ,und," fügte er ;-asch hinzu, „deine Augen!"
„Was du für einen hübschen, gelben Bart hast," neckte Fratlke.
Er küßte ihr Haar und sagte: „Es fühlt sich an toi« Seide!"
Sie streichelte seine Hände und strich ihin die Falten aus der Stirn. Nie hatten sie so nahe beieinander gesessen. Nie hatte Frauke so schön und jung ausgesehen, nie war es Jan so fröhlich ums Herz gewesen.
Als Jan nach Hause ging, leuchtete ihm Frauke mit der Lampe. „Gute Nacht, mein braver Junge," sagte sie.
Manchen schönen Abend verlebten sie so zusammen, wie zwei Kinder, die sich von Herzen lieb haben. Allzuoft durfte Jan freilich nicht koinmen, der Leute wegen. Er kam außerdem auch regelmäßig den Abend in der Woche wie früher zum Kantor.
Dann saß ihm Frauke sittsam gegenüber. Nur ein gelegentlicher Blick sagte ihni, wie gut sie ihur^sei, und ab und zu streifte ihn unter dem Tisch wohl mal verstohlen ihre feine Hand, oder ihr Füßchen stieß sich an seine Schuhe. Dann war es ihnen, als ob elektrische. Funken hinüber und herüber flogen.
Cs waren schöne Stunden. Stunden voll unschuldiger, reiner Fröhlichkeit. Rascher gingen die Jahre hin, sie. merkten es kaum, daß sie älter wurden.
14.
Zwölf Jahre nachdem Tine Thomsen Witzwort für immer verlassen hatte, an einem sonnigen Sommertage, starb der alte Kantor Steffens.
Er saß vor der Hoftür auf einer Bank, sein Gärtchen


