Ausgabe 
15.11.1909
 
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Msniag den (5. November

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Rhemlandstöchter.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsetzirng.) (Nachdruck verboten.)

IV.

Der Wald ist jetzt grillt; schönes zartes Laub an den Buchen, und an den Dannen junge Triebe ivie Helle Kerzen. Unten tu der Schlucht das frohe Rauschen des Baches, und oben, über allen Wipfeln, ein heiteres Himmelblau mit einer lachenden Sonne. Selbst der düstere Mosenkopf zeigt sametiges Gras an allen Hängen; zwischen den Lavabrocken sprießen Kräuter. Und so ist es überall. Ueberall zwischen Mppigem Gestein ein Keimen und Wachsen; blaue Glocken- btzunen schaukeln im Wind, Erloeerblüten breiten sich als weißes Tuch au den Weg, und die Farren strecken ihre grüne Wedel wie Fächer.

Langsam schlenderte Nelda über. den schmalen Pfad, der Hut hing ihr am Arm; sie hob die freie Stirn und ließ die Luft darum fächeln. Das helle Kleid spannte sich knapp um ihre Formen; sie war voller geivorbeit seitdem, scheinbar noch gewachsen. Leise fang sie vor sich hin, irgend ein gleichgültiges Lied, aber ihre Stimme, hatte Zärtlichkeit im Klang.

Jetzt ging sie weiter, ohne zu singen; die Lippen blieben halbgeöffnet und sogen durstig den Walddust ein. Ihre Brust spannte sich zum Springen wie würde sie's ertragen, wieder daheim? O Gott, in die alten Verhältnisse! Sie schauerte zusammen, der sorglose Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwand; sie zog einen Brief aus der Tasche und setzte sich auf den nächsten Stein am Weg.

Es Ivar ein Brief der Mutter, ftb c 9? cfb et!

Heute schreibe ich Dir an Papas Statt, der leider wieder eine Grippe hat; aber es ist nicht schlimm, er liegt mir auf dem Sofa. Wir leben sehr still und sehen fast keinen Menschen; es ist ja auch alles so teuer, der Doktor hat Papa jetzt Tokayer verordnet, und der kostet viel, drei Mark eine ganz kleine Flasche. Davon muß er alle Stunde ein Likörgläschen nehmen; nun kannst Du Dir denken! Agnes Röder hat ein reizendes kleines Mädchen; ich habe ihr eine Wochenvisite gemacht, da be­klagte sie sich», daß Du ihr auf ihren Brief nicht geantwortet hättest; das war sehr unrecht. Sie war ganz allein, ihr Mann dachte, die Mutter wäre bei ihr, und die Mutter, dachte, der Mann wäre bei ihr. tDfteit reitet alle Tage mit Anselma von Koch aus und mit ein paar Herren; sie kamen mal hier vorbei, die. Koch sah wunderbar schön ans in dem engen Reitkleid und dem Zylinder. Sie war sehr glücklich, aber sie sah sehr zart aus Agnes Röder meine ich ich sollte Dich grüßen und Dir sagen, wie sehr sie sich darauf freute, Dir ihre Felicitas zu zeigen. Ich finde den Namen ja auch etwas absonderlich, aber das

kann doch jeder machen wie er will; Du heißt ja auch Thusnelda, das ist freilich nicht so anspruchsvoll wie Felicitas. Die Hauptmann Xylauder dreht den Kopf weg, wenn sie mich sieht, oder sie grüßt so bekniffen, daß mir schon lieber ist, sie grüßt gar nicht. Sie trägt jetzt ein unglaubliches karriertes Kleid. Er war schon ein paar Mal bei uns, er sieht nicht recht gesund aus, übrigens fragt er immer nach Dir und läßt Dich grüßen; wie schade, daß" er verheiratet ist! Aber so ist es immer! Die Zäng- lein ist jetzt ganz geschlagen, die sehe ich noch am häu­figsten. Sie schrieb an mich, ich sollte doch in die Bet­stunde kommen, die ihr Mann eingerichtet hat alle Freitag nachmittag von 56 das würde mir gut tun. Ich gehe nun auch viel hin; es ist eine wahre Wohltat^ da hört und sieht man doch wenigstens etwas von der Welt und kann mal ein Wort reden. Herr Emil Boven- hagen, der das große Hüttenwerk int Lahntal hat, und der mal mit Milchen getanzt und sie zu Tisch geführt hat, hat sich mit Lena Rohling verlobt auf einmal! Was sagst du dazu? Man dachte noch immer, Sena Rohling würde einen Offizier heiraten; sie sollen 100 000 Mark jährlich zu verzehren haben. Milchen leidet jetzt an Wein- krämpfen, sie muß nach Schmalbach in's Stahlbad. Es freut uns sehr, daß es Dir beim Onkel so gut geht, aber Du mußt nun doch bald an das Nachhausekommen denken, spätestens in vier Wochen. Du bist jetzt über sechs Monat fort! Der Papa ist manchmal komisch, er sagt dann:es ist mir so, als wäre Nelda tausend Meilen von uns weg, so weit wie in Amerika!" Er hat dann Sehnsucht nach Dir, aber er will's nicht sagen. Jetzt tragen sie hier viel ganz große Schutenhüte mit massenhaften Blumen drauf. Und nun lebewohl, weiter Interessantes habe ich Dir nicht mitzuteilen. Grüße Onkel Konrad und sei Du selbst vielmals gegrüßt vom Papa und

Deiner treuen Mama."

Vier Wochen nur noch vier Wochen dann war's aus! Nelda zerknitterte den Brief in der Hand und sah mit weit aufgerissenen Augen um sich nur noch vier Wochen! Eine plötzliche Angst jagte über ihr Gesicht, sie sprang auf und rannte mit großen Schritten weiter, immer rascher und rascher. Wie ihr das Herz im Leib pochte, es schlug ordentlich gegen die Brustwand !

Sie war so dahin geschlendert all die letzte Zeit; zwischen den Bergen, den ziehenden Wolken näher, war kein Laut der Welt zu ihr gedrungen, sie hatte sich eingesponnen in die einfachen Verhältnisse. Jedes Kind im Dorf kannte sie und lief ihr nach, Männer und Frauen schüttelten ihr die Hände; sie'hatte die Kranken in Mcerfeld besticht und sich gefreut über das erste Grün auf den nicht mehr übet» schwemmten Aeckern. Sie Ivar des. Onkels öüter Kamerad und strich mit Heinrich Hommes durch den Wald; die Leute nickten ihnen wohlgefällig nach. Das war einer von ihnen, und das Fräulein machte sich s o gemein!

Heinrich Hommes. in Neldas Stirn schoß