1909
«SN
OTT
n>
MW
Wo
Auf Liebespfaden.
Roman von £>. Ehrhardt.
-.Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Zwei Tage später gab es auf dem Bahnhof der kleinen Harzstadt ein geräuschvolles Abschiednehmen.
Neben der dunkeläugigen Französin und der blonden Musik- ilehreriu umdrängten sämtliche dreizehn Pensionärinnen die scheidende kleine Helene, deren träumerische Augen heut mit einem seltsam bangen und heimlich forschenden Ausdruck aus dem blassen, verweinten Gesichtchen schauten. Zuweilen dämmerte ein schwaches Lächeln in ihren Zügen auf bei all den Worten, die sie wie freundliche, lichte Vögel umflatterten.
„Hast du mein Päckchen auch sicher hingelegt, Helene? Setz Dich bloß nicht drauf, es sind Likörbohnen drin."
„Schreib mir eine Ansichtskarte mit dem dicksten Patienten von Karlsbad — last wohlbeleibte Männer um mich sein!"
Tas war natürlich die Berliner Range.
„OH, fi donc!" entsetzte sich die Französin.
„Hat Shakespeare voller Weisheit seinen Julius Cäsar sagen lassen," entschuldigte der Schwarzkopf sich und lachte.
Tie Anderen lachten trotz der Tränen des Abschieds mit.
„Verlier das vierblättrige Kleeblatt nicht, Helene!" sagte feilte Andere. „Geschenktes Glück datiert; tver weist, was Dir auf der Reise für ein Glück begegnet!"
„Vergiß uns nur nicht zu schnell!" mahnte die Pensions- jüngste, ein schüchternes, zierliches Ding mit schönen Augen, aber bedauerlich großer Nase und alle fielen ein: „Vergiß uns nicht!" und fanden das so rührend, daß die Taschentücher in Tätigkeit treten mussten.
Nur Lisbeth Schäffer weinte nicht.
Sie stand in ihrem knappen, fnßfreien, dunklen Rock und .einer weißen, gestickten Batistbluse sehr gerade und stolz etwas zur Seite iinb blickte mit ihren ruhigen, klaren, aufmerksamen Augen Uber den Bahnsteig, ohne sich an dem Geschwätz der Anderen zu beteiligen. Die beiden Freundinnen hatten schon im stillen Zimmer bewegten Abschied genommen.
Nur einmal suchten Lisbeths Augen die verweinten der Freundin, das ivar, als ein großer, schlanker, blonder Herr in grauem Anzüge mit, einem vertragenen Lodenhute den Bahnsteig betrat, einen flüchtigen Blick über die Tamcngruppe vor dem Coups dritter Klasse gleiten liest und dann ein Abteil zweiter Klasse bestieg. Lichtes Rot färbte Helene Falks blasses Gesicht, im nächsten Moment aber verfärbte sie sich vor Aufregung.
Impulsiv trat Lisbeth heran und reichte ihr die Hand.
- „Mut!" sagte sie leise. „Es wird alles gut gehen."
Helene veruwchte nichts zu erwidern, ihre Lippen zitterten.
Klagend, langgczvgen tönte der Pfiff der Lokonwtive nach dem knappen „Abfahrt" Stationsvorstehers.
„Leb wohl, leb wohl! -Glückliche Reise! Schreibe bald! Auf Wiedersehen!" - " • '
Do tönte es verschwommen an die Ohren des blassen Mädchens. Weiße Tücher wehten, winkende Mädchcnhände grüßten.
Sie sah nichts davon, die kleine Helene, sie sah hinüber, ivo der Buchenwald, vom Gewitterregen erfrischt, dunkelgrün das kleine Städtchen umkränzte, umgoldet und geliebkost von der strahlenden Morgensonne.
Eine traurige Ahnung sagte ihr, daß sie ihn nie wieder- sehen würde.
* H
Als der Zug nach zwei Stunden in dem kleinen, aber Welt- berühmten Badeorte H. anhielt, betrat Hassingen die Halle des kleinen Bahnhofs und blieb dort stehen. Tann erschien Helene mit ihrer kleinen Reisetasche, ihren Blumen und den vielen! Paketchen, mit denen Mädchenliebe sie gut gemeint beladen hatte.
Glückseligkeit strahlte aus ihrem blassen Gesichtchen, als sie ihn ihrer wartend fand.
„Oh, welche Angst ich hatte, Hans, daß uns irgend etwas dazwischen kommen könnte! Gott sei Tank, daß ick dich jetzt habe!"
Sie lächelten sich glücklich an.
Helene sah sehr reizend aus unter ihrem runden, Weißen Matvosenhut, in der losen, weißen Batistbluse, deren viereckiger! Ausschnitt von breiter, durchbrochener Stickerei umgeben war', und zu der sie einen kurzen, grauen, nach unten stark geschweiftes Rock trug, der beim Gehen sehr graziöse Falten um ihre in graue Segeltuchschuhe -gekleideten Füßchen warf.
Hassingen freute sich an ihrem Aussehen, er hatte ein so stark ausgeprägtes Schönheitsgefühl, daß irgend ein kleiner Mißgriff an weiblicher Toilette ihm den ganzen Eindruck einer sonst schönest Erscheinung verderben konnte.
Tas Paar ging zu Fuß ins Innere der Stadt. Es war angenehmes, nicht zu heißes Wetter. Der Himmel blaute, Sonnen- fleckcn tanzten auf ihrem Wege, den schöne Ahornbäume be-- schatteten. Zuweilen taumelte ein gelbes Blatt hernieder und legte sich ihnen zu Füßen. Sie schritten rasch und fröhlich aus. Die sechs Stunden, die sic vor sich hatten, erschienen ihnen märchenhaft lang, ihr gemeinsames Wandern in einer fremden Stadt, so ganz losgelöst von allen Banden, so ganz für sich allein, beglückte sie.
In einem jugendhaft übermütigen Gefühl hängte der blonde Offizier sich in den Arm seiner Gefährtin.
Sic erglühte vor seligem Stolz.
„Run darf ich doch einmal mit dir gehen, so offen vor aller Welt, wie ich tnirs immer gewünscht. Alle Leute, die uns begegnen, halten uns für ein Brautpaar und lächeln. Sie freuen sich, daß wir glücklich sind, nicht wahr?"
„Gewiß, mein Lieb. Und daß ich mir eine so reizende, kleine Braut ausgesucht habe."
„Oh du!" Sie musterte ihn ganz verklärt. „Ich glaube viel eher, daß du ihnen in die Augen stichst, ick bin eigenÄW viel zu unbedeutend für dich und ein bißchen zu klein, nicht?"
„Du bist gerade recht so, kleine Helene." |
Sie drückte seinen Arm ein wenig.
„Wenn ich dir nur gefalle, Hans, mögen 'alle änderen Mich


