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8.12.1909
 
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Mittwoch den 8. Dezember

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Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Biebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

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In seinem stilvollen Eßzimmer ging Haupt,nann von Osten unruhig aus und nieder. Mißmutig gab er einem niedrigen Fauteuil einen Stoß, daß der bis in die nächste Ecke rollte. Eine warme Lust strömte durchs geöffnete Fenster, vom Königsplatz her wehte ein Duft blühenden Flieders. Die Welt stand in Wonne.

Ein Zug grenzenloser Abspannung verlängerte Ostens hübsches Gesicht, er warf sich in einen der geschnitzten Eichenstühle am Eßtisch und stiitzte den Kopf mit beiden Händen. Das Frühstück war aufgetragen, das Flämmchen unter dem silbernen Teekessel brannte, lieber der Kristall- schale init Honig summte eine Biene; sie surrte und surrte, schwirrte zurück und kehrte wieder, unwiderstehlich auge- zogen. Jetzt , klebte ihr schwarzgelber Leib' fest am Rand, der Säugrüssel senkte sich in die lockende Süßigkeit tveh, die dünnen Beinchen glitschten, angstvoll zappelte sie im Honig.

Ekelhaft!" Osten sah auf, nahm sein Messer und fischte die Totmatte heraus. Da lag sie auf dem Rand fernes Tellers, versuchte wegzurriechen und konnte doch nicht. Dummes Tier!" Er schnitt sie mitten durch und klingelte Reinen Teller, Friedrich! Nehmen Sie das iveg!"

Dann saß er wieder und stützte den Kopf in beide Hände. Er wartete auf seine Frau. Ob sie aufgestanden war? Unter dem Vorwand Felicitas' Schlaf überwachen zu müssen, hatte sie sich ausguartiert; sie schlief bet dem Kinde auf der Chaiselongue. Wie sie wollte, ihm war alles egal; er war froh, ihr bleiches Gesicht mit den leicht- geröteten Augenlidern nicht sehen zu müssen; es gab ihm jedesmal einen Stich durchs Herz, wenn die braunen Augen ihn still und leidvoll ansahen. Weiß Gott, sie tat ihm leid, sie hatte das nicht um ihn verdient so eine sanfte kleine Heilige! Aber er konnte nicht dafür, es war stärker als er; seine nie gekannte Leidenschaft raste ihm durch die Adern Und machte ihn fühllos für alles andre. Was waren all' die kleinen Mädchen in seinem Leben gewesen? Pah, ver­gessen! Sie allein hatte eine unnachahmliche Art den Kopf zu tragen; es packte ihn wie ein Taumel, wenn er diesen weißen Nacken sah, auf dem die gvlduen Löckchen leise zitterten.

Gestern beim Gartenfest in Billa Arnheim, tut Winter­garten, waren sie sich begegnet, unter der großen Palme hinter den exotischen Büschen. Es war ihr Geburtstag; draußen auffj dem von Fliederbüschen umsäumten Rasen tanzte die frohe Jugend. Helles Lachen, Musrk. Die Königin des Festes hatte sich weggestohlen; unter der großen Palme in der feuchtheißen Treibhausluft stand sie, schwer atmend. Ich kann es nicht mehr ertragen, nimm mich fort!"

Hinter zusammengebissenen Zähnen hatte sie's vorgcstoßen, Tränen waren ihr über die Wangen gelaufen, ein paar lang-i same schwere Tropfen.Ich kann nicht mehr lügen!" Ihr Fuß trat heftig auf.Zu was sind wir erzogen? Zurst Lügen uird Heucheln! Ich will nicht mehr mach dich frei, erst daun gehöre ich dir!" Mit einem Aufschrei:An­selm a!" wollte er ihr uachstürzen, sie umfangen, sie mit glühenden Küssen überschauern. Sie wehrte ihn ab. Mach dich frei," raunte sie, funkelnden Auges, und biß die Unterlippe mit den weißen Zähnen.Ich teile nicht!"

Ich teile nicht!---- War das eine schlaflose Nacht

gewesen! Stöhnend hatte sich Osten auf dem Bett herum­geworfen. Alles zerwühlt. In rasendem Verlangen und namenloser Wut hatte er die Kissen zusammengeballt und zu Boden geschlendert.

Anselma hatte recht, es war nicht zu ertragen, ein Ende mußte gemacht werden! Und doch war's unmenschlich fatal, Agnes die Geschichte auseinander zu setzen; erstens, was verstand die davon? Zweitens war ihr stiller Blick so verwirrend. Er scheute sich. Mer es mußte sein, es mußte!Dann gehöre ich dir!" das war wie ein Peitschen­schlag. Heute morgen noch wurde gesprochen.

Jetzt saß Osten und wartete auf seine Frau. Sie kam noch nicht eine kurze Galgenfrist jetzt kam sie! Draußen tönte fröhliches Geplapper einer Kinderstimme, Agnes machte die Tür auf und schob ihr kleines Mädchen vor sich her.

Mit einem Jauchzen sprang Felicitas auf den Vater zu und kletterte mch seinen Schoß; mit beiden .Händen zauste sie ihn, daun legte sie das Köpfchen mit den blonden Ringellocken kokett auf die Seite und blinzelte schelmisch unter den langen Wimpern.Papa, ich bin fein gemacht!" Sie sprang herunter und hob ihr rosa Röckchen.Guck mal!"

O hm sehr schön! Süße, kleine Puppe!" Er tätschelte das schneeweiße Hälschen.

Ihr Kindergesicht hob sich strählend zu ihm auf; sie ließ sich so gern bewundern und küssen.

Ganz wie er," dachte Agnes und sah zu mit einem dumpfen Gefühl im Herzen, halb Angst, halb Stolz. Sie verglich die beiden Gesichter das waren dieselben Züge, dieselben blonden Haarringel über der schmalen Scirn, bet dem Kind nur nm einen Schein heller.

Osten küßte die Kleine und schob sie dann von sich, So, mein Engel, nun geh wieder hinaus! Agnes, nimm mir das Kind'doch ab," sagte er fast ärgerlich.

Felicitas klammerte sich an seinen Hals und brach in Schluchzen aus.Ich will nicht, ich will nicht! Papa, bei dir bleiben! Papa!" Ihr Schluchzen steigerte sich zum Geschrei.

Komm, Felicitas, sei lieb !" Mit zitternden Fingerst suchte Agnes die krampfhaft angeklammerten Händchen zu lösen.

Mein du, geh! Papa, Papa!" Felicitas stieß nach der Mutter; ihr Geschrei wurde gellend, hochrot drückte