Ausgabe 
2.1.1909
 
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Und als ihn der Landauer wieder vor dem Portal erwartete, saß ein anderer Kutscher auf dem Bock.

Es war an einem herrlichen Frühlingstage, als mit Blitzesschnelle ein sensationelles Gerücht die J.idustriestadt durchlief. Der Direktor Wernick von der Aktienbank sollte sich in seiner Wohnung erschossen haben, nachdem ungeheure Betrügereien und Unterschlagungen ans Licht gekommen waren, die er im Verein mit seinem jüngeren, aber einfluß­reicheren Kollegen Neuhofs verübt hatte. Diesem letzteren, der nach einer hinterlassenen Aufzeichnung Wernicks der eigentliche Urheber der schwindelhaften Manipulationen ge­wesen sei, sollte es gelungen sein, sich rechtzeitig aus dem Staube zu machen.

Eine gewaltige Aufregung bemächtigte sich weiter Be­völkerungskreise. Denn viele Hunderte von Einwohnern hatten in engster geschäftlicher Verbindung mit der Aktien­bank gestanden und hatten ihr im Vertrauen aus ihre un­erschütterliche Solidität ihr Vermögen anvertraut.

Die Furcht, daß alles verloren sein könnte, veranlaßte unmittelbar nach dem Bekanntwerden der ersten dunklen Gerüchte einen wahren Ansturm auf das stattliche Gebäude, zu dessen blanken Fenstern bis dahin jeder Vorübergehende mit einer Art vor bewundernder Ehrfurcht emporgeblickt hatte.

Es erschien wie eine Bestätigung der allerschlimmsteu Befürchtungen, daß schon die ersten der um ihre Habe zittern­den Kunden die Kassenschalter geschlossen gefunden hatten, und es vermochte die Aufregung der immer mehr anwachsen- den Menge nur wenig zu besänftigen, als die Verwaltung der Bank durch Anschlag bekannt machen ließ, daß der Schluß der Schalter lediglich wegen einer plötzlich notwendig gewordenen Revision der Bücher und Bestünde erfolgt sei, und daß den Depotgläubigern vom nächsten Tage an ihre Einlagen zur Verfügung stehen würden.

trotz der Zurückhaltung, welche sich die von allen Seiten bestürmten Beamten in ihren Aeußerungen aufer­legten, hatte man doch bald herausgebracht, "daß jene wilden Gerüchte in ihrem ganzen Umfange dem wirklichen Sachverhalt entsprachen. Der Direktor Wernick lag mit durchschossener Schläfe in seiner Behausung, und in "einem zurückgelassenen Briefe bezifferte er den Schaden, der durch seine und Neuhofss Betrügereien der Bank erwachsen sei, ans mehrere Millionen Mark.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischte».

* Ein eigenartiger Abschiedsgruß findet sich imZeitzer Anzeiger". Er lautet:Bei meinem definitiven Wegzug von Zeitz nach meinem neuen Wirmngskreise Burg b. M. rufe ich allen meinen früheren werten Kunden sowie Freunden usw. ein herzliches Lebewohl, allen sogenannten guten Freunden und Neidern doppelter Front aber ein kräftigesRutsche mir den Buckel hinunter" zu. Und den mir besonders unvergeßlich bleibenden Kunden, welche meinen Mahnungen recht schwerfällig gegenüber ftanbeii und im Bezahlen recht schwerfällig veranlagt sind, lasse ich meinen letzten Gruß durch meinen Rechtsanwalt zustellen. Burg b. M. Otto Wohlfahrt und Familie."

* Ein Abenteuer Sven Hedins. Im Graphic gibt Sven Hedin eine fesselnde Schilderung eines aufregen­den Abenteuers, das er während seiner Forschungsreise durch Tibet auf den Fluten des heiligen Sees erlebt hat.Ich war etwas spät am Wend mit meinem Boot hinauSgefahren, um im See Messungen vorzunehmen und in meiner Be­gleitung befand sich nur ein Diener. Die Arbeit interessierte mich sehr, und ich war so vertieft in sie, daß ich erst auf­hörte, als das schwindende Licht mich daran erinnerte, daß es Zeit sei, an die Heimkehr zu denken. Kaum hatte ich das Boot auf das Land zu gerichtet, als mit unglaub­licher Plötzlichkeit ein furchtbarer Stur m über uns herein- brach; der Wind trieb uns direkt von der Küste ab. Wir konnten nur eines tun, das Boot dem Winde zu überlassen und bald jagten wir vom Sturm getrieben pfeilschnell da- hm, fort über die schaumgekrönten Wogen, ohne zu wissen.

wohin das Schicksal uns verschlagen würbe. Die Nacht brach herein. Unsere Lage schien hoffnungslos, und zur Erhöhung meiner Besorgnisse konnte ich beobachten, wie mein Diener vor Angst halbtot und außerstande war, den einfachsten Befehl auszuführen. Schließlich erreichten wir doch das Land, eine gewaltige Woge packte unser Boot und schlenderte nns ans Ufer. Es war sehr flach und beide mußten wir in das eiskalte Wasser springen, um uns müh­sam bis an bett Strand hinaufzuarbeiten. Nach großer Ar­beit gelang es uns, das Boot ins Trockene zu ziehens wir kehrten es um, verkrochen uns dahinter unb gewänne« so wenigstens einen Schutz gegen die Gewalt des Sturmes, Ein Heines Feuer wurde gemacht, um das wir uns eng zu« sammengedrückt hinhockten, völlig durchnäßt, vor Kälte schauernd und schlaflos, um so die Morgendämmerung zu er­warten".

* Lateinische Inschriften.Resurrecturis", so- steht über der Eingangshalle eines deutschen Friedhofs^ u. z. nicht eines rein katholischen, bei dem es ja dnrch die lateinische Kirchensprache einigermaßen erklärlich wäre;Hy- giae Sacrum" liest man im Giebel einer deutschen Klints Usui publico patens an der Dresdner Königlichen Bibliothek» Krankenhaus in Landeshut, Deo et Litteris an einem Gym­nasium, Juventuti litteris erudturdae an einem anderen, Apollini et Musis an einem Theater, Miseris an einem' Salus intranttbus am Eingänge eines Tales, Providentiae memor auf Bersicherungsschildern, Sub nmbra alarutn tua- rum Protege nos unter dem Reichsadler am neuen Martins- tor zu Freiburg t. B., Nutrimentum Spiritus an der Kgl. Bib­liothek zu Berlin. Ist es aber nicht geradezu absonderlich, wenn öffentliche Gebäude, die den breitesten Schichten unseres! Volkes dienen, mit lateinischen Inschriftengeziert" wer­den, Inschriften, die von der Durchschnittsbevöllerung durch­aus nicht verstanden werden? Wieviele der Friedhofsbe­sucher können jenes Wortungetüm überhaupt entziffern und ohne zu stolpern lesen, geschweige denn übersetzen und ver­stehen? Und wieviele außer den Studenten und Professoren verstehen die Inschrift an jener Klinck? wieviele das MiseriS" am Krankenhause usw.? Ist denn die deutsche Sprache so arm, die Gegenwart so unbedeutend, daß man aus alten, längst untergegangenen Sprachen seine Weisheit holen muß. Ist es nötig, daß deutsche Behörden und Bau­meister dem guten Deutschen mit lateinischen Brocken auf­warten unb so bent gesunden Deutschgefühl in unerhörter Weise Gewalt antnn? Was mag der Grund, was die Ab­sicht sein? Will man seinen mehr oder minder schwer er­worbenen Gelehrtenkram einmal auspacken, um zu zeigen, daß man noch allerlei davon behalten habe? Ja es ist wohl häufig nur die Sucht zu scheinen, nicht aber das ehr­liche Streben zu fein, was man scheint, unb anbere Male ist es ein seltsamer alter Zopf. Also hinweg mit aller falschen- Zierde: Lauterkeit unb Reinheit seien der echte Schmuck eines jeden Deutschen! Gibt man aber vor, man wolle sich aus Ehrfurcht vor dem Alten der griechischen unb latei­nischen Worte im Urlaut bedienen, so wolle man doch nicht übersehen, daß nach neuerer Forschung dem Assyrischen in dieser Beziehung unbedingt der Vorzug gebührt; dann, iHv Herren, die ihr so gelehrt scheinen wollt, bringt uns, was uns ja mir noch fehlt: die Keilschrift!

* Abgewiukt. Bewerber:Gnädiges Fräulein, darf ich vielleicht mit Ihrer Frau Mama sprechen?" Fräulein:Ge­wiß! Meine Mama ist durchaus nicht abgeneigt noch einmal zu heiraten."

Charade.

TaS Ganze ist die zweite nickt, So sehr die erste es auch verwricht, Tie hed) zu prablen sich erdreistet Mitt dem, was die zweite wirklich leistet, hb. Auflötung itt nächster Nummer.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des NeüjahrS-Nätsels tu voriger Nummerr ® l ii ck w u n s ch k a r t e n.

NeSaltwn. E. «hnögsfeti, Lioraiumsdruct «ch Berta» Sr» ivrüdt'jchev llnwrrjuais- Buch- unö Sieiuötudcse«, St Hangt, Gieße»