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an bet Kirchhofsecke. Toch wenn Wilhelm Bartikow nur ein Faulenzer und Tagedieb wäre — ich könnt's ihm verzeihen. Aber er ist Schlimmeres. Er ist ein Aufioiegler, ein Meuterer gegen die bestehende göttliche und weltliche Ordnung. Frei und öffentlich predigt er Abfall vom Glauben, Aufhören der Familie, Vermögenseinziehung und dergleichen Unsinn mehr. Schon hat er mir die Mehrzahl der Besitzlosen in der Gemeinde irre gemacht. Diesem Bartikow musst du dich entgegenwerfen mit all deinem Mut. Mit all deinen Kräften mußt du einen Tamm zu bauen suchen gegen den verheerenden Einfluß, den er ausubt."
Völlig erschöpft sank der Alte zurück; und so entging es ihm, dass sich auf Heinz Bollraths Stirn eine dunkle Wolke legte, und daß sein Mund sich fest zusanimcnkniff.-------
Als Heinz dnö Pfarrhaus verließ, läutete Kantor Nagel gerade mit den üblichen nenn Schlägen der kleinen Glocke die Mittagsstunde ein.
Es war die Zeit der zweiten Wiesenmahd; die breite Dorf- straße, auf beiden Seiten von uralten Kastanien und Linden flankiert, war erfüllt von hochbeladenen Ernteivagen, die sich eilten, die letzte Vormittagsfuhre unter Dach und Fach zu bringen. Mit wahrhaft hochsommerlicher Glut, sengend und gewitterschwül, brütete die Sonne, und den schweren Wolken weißgrauen Staubes, welche die Hufe der Pferde aufwirbelten, mischte sich der starke Tust des Heus zu, in dessen weichen Bergen, halb verborgen, Schnitter und Schnitterinnen voll lauten Uebermntes schäkerten und lachten.
Heinz hatte für dieses Bild heißpulsievenden Heimatlebens, dessen Anblick er jahrelang hatte entbehren müssen, kein Auge Gesenkten Hauptes schritt er dahin und achtete nicht der Leute, die, grüßend oder ohne Gruß, ihm begegneten.
Trübe Gedanken quälten ihn: Rcichardt war derselbe geblieben, trotz der schweren Heimsuchung, die ihn getroffen. Derselbe in seiner heißen, treuen Liebe zu Gott, in seinem festen unwandelbaren Vertrauen, derselbe in seiner eifernden Sittenstrenge, derselbe in seinem wilden und blinden Haß gegen alle politisch anders Gesinnten. Wie hätte er sich auch ändern können, dieser Ivie aus Eisen geschmiedete Charakter, dem die von den Vätern und Urvätern überkommenen Zustände und Ueberlieferungen als von Gott selbst gewollt und eingesetzt und darum als unantastbar und unverbrüchlich galten, dieser Eherne, der kein Begreifen und kein Verzeihen für diejenigen kannte, die sich gegen die alten Traditionen auflehnteu.
Und Heinz? Auch er stand fest und unerschütterlich im Glauben; auch er hatte sich vorgesetzt, der Menschen Fehler und Schwachen zu bekämpfen mit aller ihm verliehenen Kraft. Aber er war selbst durch die tausend Wirrnisse, Versuchungen und Zweifel des Lebens mitten hindurch gegangen, und wenn er sich auch nu heißen Ringen den Sieg erkämpft hatte, so stand er doch dem Verschulden der Menschen nicht gegenüber als ein harter, un- erbitllicher Richter, sondern als ein emsig forschender Arzt, der den Krankheiten und Leiden der Welt dadurch begegnen will, daß er ihre Ursache zu ergründen und zu beseitigen trachtet.
o, Von tiefem Mitleid für die Enterbten des Glücks war Heinz Vollraths etcle erfüllt. Mit brennendem Schmerz fühlte er die Aust, oie zwischen Reich imb Arm klaffte und die mit dem glänzenden Aufschwung, den Handel und Industrie nahmen, gewaltiger, unüberbrückbarer wurde von Tag zu Tag.
, "Nd wenn auch von Seiten der Kirche und des Staates viel Gutes geschehen war, die Gegensätz!e auszugleichen noch immer gab es Menschen, die verhungerten oder gar ihr oder der Ihrigen Leben selbstmörderisch vernichteten, noch immer gab es Bejammernswerte, die in Schnee und Kälte umkamen, weil kein Obdach sich ihnen austun wollte....
Nun und nimmer konnten solche Zustände dem Willen Gottes entsprechen, nun und nimmer. Hatte sein Sohn, den er in die Welt geschickt, zur Erlösung der Sünder, nicht wieder und wieder gepredigt: „Ihr.aber seid alle Brüder ..." — „Habt die Brüder ~ „Liebe deinen Nächsten wie sich selbst. . .?" ■—
i Ultc ^0^ , von leider gar so sehr wenigen nur gehört und verstanoen, klang durch das Brausen des Stnrm- Uut ferne göttliche Warnungsstimme: Geht in euch, tut, was mein «ohn euch geheißen . . . liebet euch untereinander, aus daß "ötig habe, die Wellen der entfesselten Flut über euch vahinjturzen und euch verschlingen zu lassen . . .
... cS denn kein Mittel, die Tauben aufzurütteln, daß sie die göttliche Sttnnne vernahmen? War es denn nicht möglich, die Vruae der Versöhnung zu schlagen von hüben nach drüben? .. strich Heinz sich mit der Hand über die Stirn,
die ihm wie im Fieber glühte.
Träume. . .lockende Träume! Vertraute Gäste waren sie An,.von seiner Studentenzeit her. Damals waren es sogar ge- iahrnche Traume für ihn gewesen: denn nicht viel hatte gefehlt
und sie hätten ihn, den Heißblütigen, Unausgereifteu, in das Lager der Sozialdemokraten hinübergetrieben. Und der Wunsch sich ihrem Bann zu entziehen, war mit ein Grund gewesen, daß er den Staub der.Heimat von seinen Füßen geschüttelt und in den fernen Osten gegangen war, den Heiden das Evangelium zu predigen.
Tie gefährlichen Träume, die ihn vielleicht in seinem über die Maßen geliebten Beruf hätten Schiffbruch leiden lassen, hatte er überwunden. Aber die lockenden Träume waren noch und die Stimme des Mitleids rief: Hilf deinen unglücklichen Brudern. . .!
„Na, so tief in Gedanken?"
Heinz schreckte zusammen, dicht an seinem Ohr klang die Frage.
Onkel Nagel, der eben aus der Kirchtür trat, hatte sie getan. Da Heruz ihm nicht antwortete, zog er die schwere Eichentür zrl und schickte sich an, den großen eisernen Schlüssel im Schloß herumzudrehen. °
Heinz legte ihm die Hand auf den Arm.
„Laß, bitte, stecken. Ich möchte einen Augenblick hineingehen." Der Kantor schloß wieder auf.
Tankend nickte ihm Heinz zu und trat an ihm vorbei in b ' stille, liebe, altertümliche Dorskirche, seiner Jugend geheiligte W chistätte, in der die Sehnsucht nach seinem Beruf ihn zuerst durchglüht hatte, wie ein vom Himmel gefallenes Feuer, und suchte im heißen Gebet Klarheit zu gewinnen über den Weg, den er zu gehen hätte.
(Fortsetzung folgt.)
Der kommenden Weiblichkeit.
Die heut' du trittst ins Leben ein, Wie gut wird dir's, o Jungfräulein:
Dich grüßt als erste Schicksalsgunst
Die Neuerung: „Dein Kind die Kunst!"
Zehn Jahre alt — ja, cs geht schnell — »Klärt» man schon „auf" dich „sexuell».
Bald wird dir an die Hand gegeben Als heil'ge Pflicht: „Dich auszuleben».
Du wächst heran: es tritt in Kraft Tas holde „Recht auf Mutterschaft».
Gern zeigst du dich dazu bereit, Toch nur im „Ehestand auf Zeit".
Dann, statt als „Haustier» dich zu quälen, Läßt in den Reichstag du dich wählen, (Denn längst verwirklicht ist zu schauen Die „Gleichberechtigung der Frauen").
Und bist du erst im Reichstag drin,
Wirst du wohl gar Ministerin,
Kannst selbst des Kanzlers Stelle erben lind — ganz zuletzt — „in Schönheit sterben».
(Aus der „Ju gend».)
Kelmutl- von Lonlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
~ Aus bet Tür war er schon, plötzlich ganz Leben, ganz Tatkraft — aber er kehrte doch noch einmal um und sah hinein: „Wilhelm — bn und Anne! — Wir ich siebzehn Jahre langt blind gewesen?"
Tann war er fort.
Ter Kutscher rieb und bürstete noch an dem Rappen, da mußte der schon wieder gegurtet werden und der Rittmeister galoppierte durchs Dorf, daß die Enten und Gänse schreiend aufslatterten.
Er wußte nun, woran er war.
In Bardes waren unterdessen die Vorbereitungen zu einem Gartenfest mit Tennispartien und was die Jugend sonst wünschest nwchte, getroffen worden. Unter den einzelnen, -en Park be-


