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Dah! Sie sind zu gütig, Papa. WaI habe ich int Grunde bcmt so besonderes geleistet? Ich habe Ihnen gesagt, der Mann stehe in mittleren Jahren... daS war nicht schwer au seinem gewichtigen und schleppenden Gauge zu erkennen. Ich habe Ihnen die Höhe seines Wuchses angegeben. Das war kein Kunststück: Als ich bemerkt hatte, das; er sich auf de» Block da links gestützt hatte, habe ich diesen Stein gemessen. Er ist 160 Zentimeter hoch; ein Mann, der seinen Ellbogen darauf legen konnte, must mindestens 180 Zentimeter zählen. Der Abdruck seiner Hand hat mir bestätigt, dast ich mich nicht geirrt hatte. Als ich sah, daß der den Balken bedeckende Schnee abgewischt war, fragte ich mich, womit das wohl geschehen sein könnte; ich dachte, viel­leicht wäre eine Mütze dazu benutzt worden, und ich fand eine von dem Mützenschirm hinterlassene Spur, die mir bewies, dast ich mich nicht getäuscht hatte. Farbe und Stoff seines Paletots erkannte ich daran, daß beim Abwischen des Balkens an einigen Holzsplittern diese kleinen Flocken von dunkelbrauner Wolle hängen geblieben sind; sie werden unter den Beweisstücken fungieren. MaS Ist also dies alles? Wir stehen kaum bei den ersten An­fängen des Falles. Wir halten allerdings den Faden in der Hand, aber wir müssen diesen bis zu Ende verfolgen. Vorwärts also! i

Ter alte Polizist war elektrisiert und wiederholte freudig: Vorwärts!

5. Kapitel,

In dieser Nacht fanden die Vagabunden, die in der Gegend derPfefferbüchse" Zuflucht gesucht hatten, nicht viel Schlaf, und ihr bißchen Ruhe wurde noch dazu durch ängstliche Traume von einer polizeilichen Razzia gestört. Durch den Knall der von dem Mörder abgeseuerten Schüsse aufgeweckt, dachten sie zunächst, irgend einer ihrer Kameraden sei mit Polizisten hand­gemein geworden, und die meisten von ihnen blieben auf den Beinen wie ein Rudel von Schakalen, bereit, beim geringsten An­zeichen von Gefahr sich aus dem Staube zu machen. Anfangs entdeckten sie nichts Verdächtiges. Aber später, so gegen zwei Uhr morgens, als sie sich gerade etwas beruhigt hatten, wurden sie Zeugen eines Phänomens, das sehr geeignet war, ihre ganze Unruhe wieder aufleben zu lassen.

Mitten auf den öden Feldern, die von den Anwohner» jener Stadtgegend schlechtwegdie Ebene" genannt werden, machte eine kleine, sehr stark leuchtende Laterne die eigentümlichsten Beweg­ungen; sie beschrieb unerklärliche Zickzacklinien, bald dicht über dem Boden, bald in größerer Höhe, eine Zeitlang unbeweglich, dann wieder in der nächsten Sekunde wild umherschießend.

Tie mit einem Anflug von Bildung begabten unter dein Spitzbubengesindel dächten an ein Irrlicht wozu allerdings Ort und Jahreszeit nicht stimmten an eines jener leichten; Flämmchen, die plötzlich aus Sumpfdünsten fich entzünden und im Windhauch hin- und herschwebeu.

Dieses Irrlicht war die Laterne der beiden Polizisten, die ihre Nachspürungen fortsetzten. Ehe sie den Schuppen ver­ließen, wo Lecoq sich so plötzlich seinem ersten Schüler gegenüber offenbart hatte, waren noch peinigende Zweifel und Ungewißheiten Au besiegen gewesen.

Secog hatte noch nicht den sicheren Blick, bett nur die Praxis Verleiht; er hatte vor allen Dingen noch nicht die Kühnheit und Schnelligkeit des Entschlusses, die nur ans einer erfolgreichen, Vergangenheit hervorgehen. Er schwankte also zwischen zwei Ent­schlüssen, die Hetze gleichviel für sich hatten: Er stand vor zwei verschiedenen Spuren, nach der einen Richtung lief die der beiden Frauen, nach der anderen die des Komplizen.

Welche sollte man verfolgen? Denn, beide Spur-eu auf- iichmeu zu können, das lag außer dem Bereich der Hoffnung.

Lecog saß auf dem Balken, an dem er noch gleichsam die Körperwärme der Frau mit den kleinen Füßen zu spüren meinte, stützte den Kopf in die Hand und dachte nach, wog seine Aus­sichten ab.

Wenn ich deut Manne folge, murmelte er1, so erfahre ul) nichts, was ich nicht schon erraten habe. Er hat sich auf dem Wege der Polizeipatrouille in Hinterhalt gelegt, ist ihr von ferne gefolgt, hat gesehen, wie sein Komplize eingelocht wurde, endlich ist er ohne Zweifel um die Polizeiwache herumgestrichen. Wenn ich mich auch noch so schnell auf seine Spur werse, kann ich hoffen, ihn einzuholen, ihn festzunehmcn? Nein, es ist zu viel Zeit verstrichen.

Der alte Absinth hörte diesem Selbstgespräch mit einer glühen­den Neugierde zu und zugleich mit einer Vertrauensseligkeit, Ivie ein naiver Spießbürger, der eine Wahrsagerin wegen eines ver­lorenen Gegenstandes befragt hat und ihre Antwort erwartet.

Wenn ich den Frauen folge, fuhr der junge Polizist fort, wohin wird mich das führen? Vielleicht zu einer wichtigen Ent­

deckung, vielleicht zu nichts. Auf dieser Seite liegt das Unbekannte; mit allen seinen Enttäuschungen, aber anch mit allen seinen Aus­sichten auf einen glücklichen Erfolg.

Er sprang auf; sein Entschluß war gefaßt.

Nun wohlan! rief er, ich wähle das Unbekannte! Alter Ab­sinth, wir heften uns au die Fußspuren der beiden Frauen und gehen so weit, wie sie uns führen!

Von gleichem Eifer beseelt, machten sie sich auf den Weg. Am Ziele, dem sie zustrebten, bemerkten sie, wie ein magisches Leuchtfeuer, der eine die Gratifikation, der andere den Ruhm des Erfolges.

Sie gingen sehr schnell. Im Anfang war es ein Kinderspiel, den deutlichen Spuren zu folgen, die sich in die Richtung auf die Seine zu entfernten. Aber sehr bald sahen sie sich gezwungen, eilt langsameres Tempo anzuschlagen. Das wüste Feld hörte auf, sie kamen sozusagen bei den Ausläufern der Zivilisation an, und jeden Augenblick mischten sich fremde Fußspuren mit beiten1 der Flüchtlinge. Ferner war an vielen Stellen, die der Sonne ausgesetzt gewesen waren, das Auftauen recht weit vorgeschritten; sie trafen auf große Stellen, die gänzlich vom Schnee befreit waren. Da hörten also die Spuren auf, und es war, um sie wiederzu- finden, SeeonS ganzer Scharfsinn und der ganze Diensteifer seines alten Kameraden nötig. Kamen sic an solche Stellen, so stieß Absinth bei der zuletzt aufgefundeneu Spur seinen Stock in das Erdreich, und Leeog und er beschnüffelten und durchsuchten beit Umkreis um diesen Punkt herum, wie Jagdhunde, die die Spur verloren haben. Bei diesen Gelegenheiten machte die Laterne: ihre sonderbaren Zickzackbewegungen. Trotz alledem hätten sie! zehnmal den Weg verloren, oder wären auf eilten falschen geraten, ohne die eleganten Halbstiefelche» der Frau mit dem kleinen Fuß. Diese Stiefelcheu hatten so hohe, so spitze und so eigentümlich ausgeschweifte Absätze, daß ein Mißkennen unmöglich war. Sie waren bei jedem Schritt drei bis vier Zentimeter tief in beit Schnee ober bic Erde eingesunken und boten Abdrücke, die so deutlich waren wie ein Wachssiegel.

(Fortsetzung folgt.)

von einem, der den Csd bezwungen.

Von M. T. in Gießen.

(Nachdruck verboten.)

Wer kannte ihn nicht, den langen Johann-Konrad! Jedes Kind aus der Dorfstraße kannte ihn und liebte ihn auf seine Art. Besohlte und flickte er ihnen allen nicht ditz Schuhe klein und groß, wenn sie zerrissen waren und die Regennasse eindraug? Und was wußte er sür^ Späße zu machen, wenn er aus seinem Schusterschemel saß unten ist der kleinen Stube im Armenhaus.

Aber nicht nur Späße verstand der Johann-Konrad zu machen, er hielt auch, ja er hielt mit Vorliebe lange Vor­trage und Ermahnungen, Moralpredigten auf seinem drei- beiuigeu Thron, an seine großen und kleinen Kunden.

Ja, ja, der lauge Johann-Konrad war ein gescheiter und erfahrener Mann. Derlauge" hieß er, weil er gut einen Fuß länger war wie der größte Mann int Dorfe und dazu spindeldürr.

Der blaue Kittel, den er stets sauber gewaschen und geflickt über dem wollenen gestrickten Wamse trug, ob Som- mer, ob Winter, hing ihm um feine eckigen Schultern, als habe er ihn einstmals, als er nämlich der Kittel noch bessere Tage gesehen von einem viel Dickeren, viel Kür­zeren geschenkt bekommen. Und so wird es ja anch ivohl gewesen sein.

Die grauen gezwirnten Hofen reichten auch nicht ganz bis hinab auf die Holzpantoffeln, uni) was ihnen an Länge fehlte, daS war ihnen an Weite gegeben. Besonders von hinten besehen wirkten sie sehr unzugehörig zu der langen schlotternden Gestalt. Es hatte dies aber nicht viel zu sagen, denn bei seinem Geschäft als Schuster saß er mehr, wie er stand; da fiel es weiter nicht auf.

Daß er sehr gescheit und sehr erfahren war, das ivußte natürlich der Johann-Konrad selber am besten und wurde sehr ärgerlich auf jeden, der dies nicht sofort einsehen konnte. Dann verwandelte sich fein altes Faltengeficht in die schönste Ziehharmonika und fein' eisgrauer struppiger Bart wippte vor Empörung immer auf und ab; das kam daher, weil er bann den großen -zHnlosen Mund immer auf und zu machte, nm nach Luft zu schnappen, die ihn: in einem solchen Falle stets auszugehen drohte.

Diejenigen, welche den alten Mann hin und wieder in eine solche Aufregung versetzten, waren meist junge, nase-