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Samstag den 27. Juni
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Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böttcher.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Eines Morgens gegen Ende August brachte ihm die Frühpost einen eingeschriebenen, voluminösen Brief des Superintendenten Mr. Weiglcr, zu dem er im Lause des letzten Jahres durch eine rege Korrespondenz, durch mehrfaches Zusammentreffen bei den amtlichen Konferenzen und zwei oder drei private Besuche in ein herzliches Verhältnis getreten tvar. Dieser Brief, an dessen Eintreffen Heinz deshalb nur der Umstand überraschte, daß er „eingeschrieben" gesandt wurde, hatte folgenden Wortlaut:
„Lieber Bruder!
Beigefaltet sende ich Ihnen ein Schreiben des Konsistoriums, eine gegen Sie eingegangene anonyme Beschwerde betreffend, die gleichfalls beiliegt.
Die Angelegenheit hat nicht so viel ans sich, erstens, weil es sich um eine Denunziation aus dem feigen Hinterhalt handelt, eine Denunziation, die offenbar nut der Fröhnung eines rein persönlichen, niedrigen Rachebcdürsnisses dienen soll ,— und zweitens, weil das Konsistorium, in dem ohnehin seit einiger Zeit ein moderner Geist sich zu entfalten beginnt, hinlänglich darüber unterrichtet ist, wie vortrefflich Sie Ihres Amtes walten, und wieviel die dortige Gemeinde Ihrem aufopfernden Wirken zu danken hat.
Da wir beide uns ja über Ihren offenen Brief, der als Gegenstand der Anzeige dient, bereits einmal gründlich ausgesprochen haben, und bei dieser tropischen Hitze für einen Mann von meiner Konstitution das Reisen eine große Beschwerlichkeit ist, so nehme ich von einer mündlichen Vernehmung in dieser nichtigen Sache Abstand und bitte Sie nur, dem Konsistorium einen ausführlichen Bericht über die Situation zu erstatten, die Sie seinerzeit zu Ihrer allerdings etivas temperamentvollen Publikation veranlaßt hat.
Um so mehr bitte ich Sie — in Ihrem eigensten Interesse — nm eine gründliche Schilderung, als ich gerade in den letzten Wochen Gelegenheit hatte. Sie dem Konsistorium für eine der schwierigsten Pfarrstellen Berlins, die in absehbarer Zeit vakant werden dürfte, als den geeigneten Manu besonders warm zu empfehlen.
Rist brüderlichem Gruß
Ihr herzlich ergebener
Dr. Weiglev, Superintendent."
Heinz Vollrath legte den Brief seines Vorgesetzten beiseite, entfaltete das Schreiben des Konsistoriums ' und griff, da er das Original der gegen ihn ergangenen Beschwerde darin nicht vorfand, wach der zweiten Anlage, dem zusammengeknifften Blatt, das ihm schon am Papier als ein Exemplar seines offenen Briefes kenntlich wurde.
Mit einem Blick auf die uhtcr seinem Namen stehenden Zeilen erkannte er Isabellas Handschrift, und ein Ruck fuhr durch feinen Körper, vor dem sein Herz still zu stehen drohte.
Empörung wallte in ihm auf. „Infam", dachte er, „eine
Brant, die aus feigem Hinterhalt den Versuch macht, den Bräutigam aus Amt und Stellung zu bringen. Das ist das Ende . . nun sind wir fertig miteinander."
So jäh schlug die Flamme des Zornes über ihm zusammen, daß er sogleich nach Papier und Feder griff, um Isabella in kurzen Worten die Verlobung aufzukündigen.
Aber ehe er noch die Feder in die Tinte getaucht hatte, luurbe ihm klar, daß die schriftliche Form für die Herbeiführung eines Bruches kaum zulässig luäre. Einer Aussprache, einer letzten, durste er nicht aus dem Wege gehen. Also vorwärts.
Er steckte die von Dr. Weigler empfangenen Schriftstücke zu sich, nahm Hut und Stock und machte sich auf den Weg.
Wie ein Schwarm Krähen, die ein Schuß von ihren Nestern gescheucht, kreisten und schwirrten die Gedanken durch seinen Kopf. Aber bald regte sich doch durch den Sturm in seiner Brust wieder der Grundzng seines Wesens: Die Milde und das Suchen nach Begreifen und Verzeihen.
Wurde er denn von dem Streich ganz unvorbereitet getroffen? War Isabella nicht mit heißem Bitten und Flehen in ihn gedrungen, er möchte feinen Beruf ausgeben, „ihr zu Liebe"? Hatte sie ihm nicht zu unzähligen Malen geklagt, wie unglücklich sie darüber wäre, daß ihm sein Amt so wenig Zeit ließe, sich um sie zu kümmern? Hatte sie, was sie getan, nicht vielleicht aus Liebe getan, aus dieser bis zur Unvernunft gesteigerten Liebe, ans der heraus sie einst zu ihm gesprochen: „Wenn ich Macht hätte über dein Herz uifb Empfinden, so dürstest du selbst deine Mutter nicht lieb haben, niemand und Michis auf der Welt dürftest du lieb haben als mich!"? —
Als Heinz zu so früher, ungewohnter Stunde im Schloß erschien, stieg Isabella wieder die Vermutung auf: „Jetzt hat er Nachricht vom Konsistorium. Jetzt kommt er, um dir zu sagen, daß er die längste Zeit den Talar getragen hat." So töricht der Gedanke von der Wirkung ihrer Denunziation mar, in den sie sich verrannt hatte, so war ihr Begriff von dem Gang eines Disziplinarverfahrens. „Das Konsistorium erhält meine Anzeige, liest den offenen Brief und teilt Heinz mit, daß er die Fähigkeit, fein geistliches Amt zu verwalten, verwirkt hat." Das war die bündige, von leidenschaftlichem Wunsch eingegebene Vorstellung/ die sie sich machte.
Wie alles Empfinden in ihr von flüchtiger, unbeständiger Art war, so hatte sie auch die Angst, die nach dem Gespräch mit ihrem Vater über sie gekommen: Heinz möchte den Verlust seiner Stellung nicht verschmerzen, schon wieder überwunden. Sie würde schon alle ihre Liebenswürdigkeit aufbieten, um ihm über seinen Verdruß hmwegzuhelfen.. Und die Sorge, er konnte erfahren, von wem die Beschwerde gegen ihn ergangen märe, hatte sie als Hirngespinst von sich gewiesen. Nein, da mar nichts zu fürchten.
Dennoch wollte sich wieder leises Schnldbewußtsein in ihr regen, als sie die Miene gewahrte, mit der Heinz ihr entgegentrat.
„Wie lieb von dir, mich einmal zn so ungewohnter Zeit mit deinem Besuch zu überraschen! Es gibt offenbar noch gute Geister, die unseren Wünschen Erfüllung bringen. Denn ich hab' eben so voll Sehnsucht an dich gedacht," rief sie mit ihrem bestrickendsten Lächeln ans und flog Heinz an den Hals.


