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dafür. . . andrerseits kannst blt dir Anne als Diakonissin denken?"

Nein!" sagte Loysen und mußte unwillkürlich, lächeln.

Tobrau ist ja nun auch für sie verloren. Es ist ja Majorat. Ter Leutnant Trost, der bei denscheu Husaren steht, erbt fast alles."

Ja, id> weist wohl."

Ganz unvermerkt waren beide nnbesangcncr und verirau- licher geivorden.

Wo reist du denn nun hin, Helnmth?"

Nach Ostpreußen. Mir sind an der russischen Grenze ei­nige Güter angeboten worden."

Güter! Tu willst dich ankanfen! Und dort, am Ende der Welt? Wie entsetzlich!"

Sie hatte das alles schnell und unüberlegt hervvrgestostcn. Er zuckte die Achseln.

Und wo denn sonst? Soll ich etwa hier, unter euch, leben als ein nun sagen wir nur Verschmier? Tas könnt ihr doch selbst nicht wünschen."

Sie besann sich. Tarin hat er recht, dachte sie.

Weshalb ziehst du nicht in die Schweiz?" fragte sie.

Und bitte, was soll ich in der Schweiz?"

Ja, was willst du denn dort oben bei den Masuren?" Dasselbe, was Conrad in Bardes will."

Traust du dir zu, selbst zu wirtschaften?"

Ja, das tue ich."

Lenkst du dir's denn schön dort in der Fremde, an der! russischen Grenze, in vielleicht trostloser Gegend"

Wozu fragst du danach? Tu weißt doch ganz genau, dast ich es imr nicht schön denke. Aber doch zehnmal besser als etwa Hotelbesitzer am Züricher See werden."

Wer spricht denn davon?"

Ja, zum Bummler habe ich kein Talent. Ich bedarf der Arbeit, der Tätigkeit. Ein Jux ist das doch nicht für mich, aus Minen Tienstpslichten herausgcnssen zu sein dafür muß .Ersatz geschafft werden."

Sie horchte auf, bog sich dann vor und legte ihre Hand Huf seine Knie:

Helmi! Bereust du nun deine groste Torheit? Merkst dir endlich, wieviel dir ausgeopfert hast in ganz unverzeihlichem Leichtsinn?"

Er sah aus dem Fenster in die graue Morgendämmerung und nach Osten, ivo ein fahles Licht am Himmel aufzuleuchten begann. Tabei seufzte er, wie ermüdet.

Kannst du mich wirklich nicht begreifen, Marie?" fragte er traurig. Sie wurde rot.

Nein!" sagte sie,ich werde cs nie begreifen, wenn sich ein Mensch sein schönes Leben mutwillig zerstört."

Er hatte sie erwartungsvoll angesehen, jetzt ivandte er sich wieder ab, resigniert und enttäuscht. Ter Wind trieb jetzt den weißen Tamps der Lokomotive in geballten Wolken vorüber, er lagerte sich seitwärts auf dem Felde in phantastischen, zerrissenen Formen hin. Tas Gefühl unendlicher Vereinsamung wollte die Uebermacht gewinnen, doch da stieg Wilhelms Bild vor b-ent Einsamen auf. und er fühlte sich beruhigt. Da war doch tütet nein, da waren zwei, die ihn verstanden, von deren Lippen er nie das Wort: Wie konntest du nur! hören wird.

Ter Bitg fuhr pfeifend in einen Bahnhof. Türen wurden aufgerissen, es galt umsteigen. Der Schnellzug, der sie cheiter führte, stand schon in der Bahnhofshalle. Es war ein Eilen und Hasten, aber «Üblich fast man, jetzt zu dreien, in einem. Abteil, und mit rauschender Schnelligkeit strich der Zug durch die flache Gegend.

Recknitz wickelte sich in seinen Mantel, lehnte sich in seine Ecke und schloß die Augen. Marie Anne nahm den schwarzen Trauerhut ab, strich sich ihr dickes, dunkelblondes Haar glatt und drückte ebenfalls den Kbps an das Polster, aber an schlafen war ja nickt zu denken. Sie sah übernächtig und erhitzt aus und ihre Gedanken wanderten wie ihre Blicke unruhig umher. Ta faß er nun, . der Mensch, der ihr nächst Mann und Kind der Liebste war, und zwischen sich und ihm schien eine unübersteig- liche Kluft zu sein. Sie hatte sich im stillen immer solch ein Zusammentreffen gewünscht, eine klärende Aussprache, und mußte nun einsehen, daß Verständigung unmöglich war. Tara» waren sein Stolz und feine Eitelkeit schuld. Er tvill nicht zugeben, daß cr unverantwortlich gehandelt hat, zum mindesten eine Don Quixoterie beging!

Auch Recknitz setzte sich nach einigem Stöhnen und Brummen wieder auf. Turch blinzelnde Lider hatte er doch die ganze Zeit das blasse, ruhige Gesicht gegenüber beobachtet. Entsetzlich elend und hoffnungslos eigensinnig sah derJunge" aus.

Zanken und Streiten half jetzt ja auch nichts mehr, man muß sich mit der Tatsache abfinden, daß der da die große Dumm- heit unwiderruflich vollbracht hatte. Also Schwamm drüber. Recknitz räusperte sich und frug Loysen, wo er in Berlin ab­steigen werde. Ta kamt die Rede wieder auf das Begräbnis in Tobrau und Anne Maries Zukunst. Loysen frug, wie sich ihre Bermogcnsverhältnisse gestalten würden. Recknitz wollte von einem Testament wissen, worin Troß in der ersten Zeit seiner Ehe Anne Marie zur Erbin seines Privatvermögeus eingesetzt hatte. Mit ihrem eigenen Vermögen würde das genügen, um ihr eine völlig sorgenlose Existenz zu schaffen.

Wenn er^das nicht wieder umgestoßen hat," sagte Marie Anne,seine Stimmung gegen Annchen war ja in den letzten Jahren einfach feindlich."

Loysen fuhr auf.

Ta muß ich Edmund in Schutz nehmen, niemals hätte er sich für ihren Widerstand gegen die Scheidung in so nied- riger Weise gerächt."

Recknitz stimmte dem bei und dann entstand wieder eine Pause.. Loysen war plötzlich stumm und nachdenklich geworden. Er hatte ja noch mit keinem Federstrich für Luisens Zukunft ge­sorgt. Ihr Traum fiel ihm wieder ein und von neuem überfiel ihn Unbehagen. Tas ist ja ganz richtig: Dieser Zug, der so glatt, fast lautlos durchs Land schoss konnte jeden Augenblick durch ein kleines Versehen mit einem anderen rasenden Un­geheuer zusammenstoßen. Warum nicht? Und wenn cr dabei ums Leben kam, blieb seine Witwe mittellos zurück. Er be­schloß sofort, so lange in Berlin zu bleiben, Ivie nötig war, um feine letztwilligen Bestimmungen aufzusetzen, notariell beglan- bigm zu lassen und dann in seinem Bankhause zu deponieren.

Wenn cr das jetzt in alter, gewohnter Weise mit Reck- nitz hätte besprechen, sich dessen immer schätzenswerten Rat hätte einholen können! Unmöglich ohne peinlichste Erörterungeir Hervorzurusen. Jeder Schritt, den er im Leben fortan weiter tat, führte tiefer in die Vereinsamung hinein. Wohin er den Blick wandte, streckte sich ihm ein abwehrendes Hindernis 'ent­gegen.

Recknitz. fragte endlich, ob er das Begräbnis in Tobrau mit­machen wolle.

Er denkt gar nicht dran," klagte Marie Anne.

Ich habe gar keinen passenden Anzug," wehrte Loysen, und übcrdem, was soll ich dort? Mein Erscheinen würde Anne peinlich sein und den übrigen ausfallen."

Tein Fernbleiben noch mehr," sagte Recknitz.

Loysen überlegte. Er will wahrhaftig die Kluft nicht weiterreißxn. Wollen sie ihn, so geht er mit.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Partie Villard.

Von Alphonse Daudet. Uebersetzt von W. Wr. Nachdruck verboten.

Schluß.)

Da plötzlich erdröhnt ein dumpfer Schlag, die Fenster erzittern, alle fahren erschauernd zusammen und sehen sich bestürzt au. Nur der Marschall allein hat nichts gehört, nichts gesehen; er ist über das Billard gebeugt und be­rechnet den Effet eines schweren und wunderschönen Zurück­ziehballes, dies ist sein bester und Lieblingsstoß.

Ein abermaliger Feuerblitz zuckt auf, sofort von einem! zweiten, dritten, vierten gefolgt; das Geschützfeuer wird immer heftiger und scheint sich schnell zu nähern. Die Offi­ziere eilen an die Fenster und man hört halblaute Fragen und Ausrufe: Die Preußen! sie sind zur Attacke vor­gegangen? Laßt sic attackieren! rief der Marschall, die Hand nach der Billardkreide ausstreckend und, zum Kapitän ge­wandt, bemerkte er:Sie sind am Stoße, Kamerad, lassen Sie den schönen Ball nicht aus."

Der Generalstabschef zitterte und strahlte vor Bewun­derung für seinen Höchstkommandierenden; er erinnerte sich an Tureuue und sagte sich, daß dessen Einschlafen auf einer Lafette während der Schlacht doch nichts lväre im Ver­gleich zu diesem kalten Blut, dieser Ruhe bei einer Partie Billard im Moment der größeren Entscheidung.

Währenddessen nimmt der Höllenlärm draußen immer mehr zu, der Donner der Kanonen wird nur unterbrochen durch das Rasseln der Mitrailleusen, das gleichmäßige Feuern der Infanterie. Ein roter Schein mit schwerem, schwarzem Rauch steigt langsam an dem Rasen in die Höhe