Mittwoch den K Oktober

u

W

i ü

Der Kutscher machte ein ärgerliches Gesicht. Sein. Zorn wollte sich in einem Wortschwall ergießen, aber Lccoq hatte auf seine Uhr gesehen und unterbrach ihn:

Schon nenn Uhr! Ich werde mehr als eine Stunde Kit spat kommen. . . aber ich bringe Neuigkeiten. Fahren Sie mich nach der Morgue, und schnell!

15. Kapitel.

Die Tage unmittelbar nach geheimnisvollen Verbrechen oder Katastrophen, wo es unbekannte Opfer gegeben hat, sind die Glanztage der Morgue. Schon am frühen. Morgen sind die Beam­ten in voller Tätigkeit, wobei sie Witze machen, daß einem die Haut schaudern könnte. Aber sie sind fast alle sehr lustig, in­folge eines gebieterischen Bedürfnisses, ein Gegengewicht gegen ihre traurige und grauenvolle Umgebung zu finden.

Heute wirds Besuch geben! sagen sie.

Und in der Tat, als Lecoq und sein Kutscher auf den Quai kamen, konnten sie schon von ferne zahlreiche Gruppen lebhaft sich unterhaltender Menschen vor dein düsteren Gebäude er­kennen. Die Zeitungen hatten Berichte über das Drama ist der Schenke der Witwe Chupin gebracht, und natürlich, da wollte man doch sehen. . .

Auf der Brücke ließ Leeoq halten und sprang auf das Trottoir/ indem er sagte:

Ich will nicht vor der Morgue aussteigen.

Hierauf zog er erst seine Uhr, dann sein Portemonnaie im.b fuhr fort: ,

Wir haben eine Stunde vierzig Minuten; also kriegen Sie?, Oh, ganz und gar nichts! antwortete energisch der Kutscher,. Aber...

Nein . . . keinen Sou. Ich ärgere wich zu sehr, daß ich das Geld von diesen Teufelsweibern ausgegeben habe. Missest Sie, ich wollte, ich hätte von dem Getränk, das ich damit bezahlte, die Kolik gekriegt! Also, genieren Sie sich nicht, wenn Sie einest Wagen brauchen, so nehmen Sie meinen, bis Sie die Bestien ge­faßt haben. Soll Sie gar nichts kosten! .. r..

Lecoq hatte zu jener Zeit nicht viel Geld, er bestand daher nicht darauf, bezahlen zu wollen.

Sie haben sich doch wenigstens meinen Namest und meine Adresse aufgeschrieben? fuhr der Kutscher fort.

Ganz gewiß. Der Untersuchungsrichter wird Sie ledenfatts als Zeugen vernehmen müssen. Sie werden eine Vorladung erhaUem yllso: Papillom Eugene, Kutscher, bei Herrn Trigault, Ich wohne nämlich bei ihm, müssen Sie tvissen, weil ich so 'ne Art Geschäftsteilhaber von ihm bin. , .

Der junge Beamte hatte sich schon entfernt, als Paprllon ihn zurückrief und sagte: . ,

Wenn Sie in der Morgue fertig sind, werden Sre doch reden- falls anderswohin müssen. Sie sprachen davon, Sie waren be­stellt, Sie wär eil sogar schon etwas verspätet - - -

Gewiß, man erwartet mich im Justizpalast, aber das siilü ja nur zwei Schritte.

Einerlei. Ich werde ait der Ecke vom Quai auf Sie wartem Sagen Sie nicht nein! Das nützt Sie. stMs, MDb s Wk.LM

Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. Gaboriau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Augenblicklich nahm der junge Beamte sein seidenes Halstuch ab, faltete es zusammen, steckte es in die Tasche, sprang aus dem Wägen und trat in das Haus ein. In der Portierstube saß eine alte Frau und nähte.

Madame, sagte Lecoq höflich, indem er iHv das seidene Tuch hinhielt, ich bringe dies für eine Ihrer Mieterinnen.

Für welche?

Ja, das weiß ich nicht.

Die würdige Portiersfrau glaubte, der höfliche junge Mann wäre ein Spaßvogel, der sich einest schlechten Witz erlauben wollte, und fing an zu schimpfen:

Unverschämter Mensch...

Verzeihung! unterbrach Lecoq sie, lassen Sie mich erst aus­sprechen. Die Sache liegt so: Vorgestern abend, oder richtiger gestern morgen gegen drei Uhr, gehe ich ruhig nach Hause, als ganz hier in der Nähe zwei Dame», die es anscheinend sehr eilig haben, nticfy überholen. Die eine läßt dies Tuch fallen; ich hebe äs auf und gehe natürlich schneller, um es ihr cinzuhändigen. Vergebliche Mühe; sie waren schon in dieses Haus eingetreten. Zu der späten Stunde wagte ich nicht zu klingeln, um Ihnen keine Umstände zu machen; gestern hatte ich zu tun, aber heute komme ich. Hier ist das Tuch.

Er legte das Tuch auf den Tisch und tat, als ob er gehen wollte. Die Portiersfrau hielt ihn zurück.

Bielen Dank für Ihre Gefälligkeit, aber Sie können das Ding behalten. Wir haben im Hause keine Frauen, die nach Mitternacht allein heimkommen.

Indessen, ich habe doch Augen, ich sah. . .

Ach, ich vergaß! rief die alte Frau. In der Nacht, wovon Sie sprachen, hat man ja hier geklingelt wieder mal so ein abgeschmackter Scherz. Ich ziehe die Schnur und horche. . . nichts! Da ich weder die Tür schließen noch jemanden die Treppe hinaufsteigcn höre, so sage ich zu mir selbst: M Jo em ver­dammtes Pack! Das Haus konnte ich natürlich nicht sperrwelt pffen lassen. Also eins, zwei, drei, ich aus dem Bett, zrche einen Unterrock a» und eile aus meinem Zimmer heraus Was sehe ich? Zwei Schattengestalten, die husch! Hinaullaufen und mir die Tür vor der Nase zuschlagen. Schnell laufe ich zurück, um mir selber die Schnur zu ziehen, und eile dann aus die Straße. Ich gucke mich überall um und was bemerke ich? Zwei Frauen, die eilig davonliesen!

Und in welcher Richtung?

Nach der Rue de Varennes zu! ,

Lccoq wußte genug. Er grüßte höflich die Portiersfrau, die er vielleicht noch iiötig haben konnte, und ging zu seiner

Wie ich's vorausgesehen hatte! sagte er zum Kutscher. Sie wohnen nicht da.