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Hier finden wir also bei Jordan überquellendes Kraft- bewußtsem, bei Spitteler nur eine versöhnliche Resignation, die sich in den erkannten, aber unabänderlichen Lauf der Dinge fügt und ihnen selbst einen lebenbcjahenden Schimmer verleiht. In seinemOlympischen Frühling" aber wird Spitteler ein grimmiger Philosoph von schwarzgalligem Gemüt; noch schlimmer aber in der NovelleKonrad der Leut­nant", wo er in ohnmächtiger Empörung als Ankläger er­scheint. , Dieses Werk, aus dem Jahre 1898 stammend, könnte gedanklich als ein bürgerlicher oder als ein menschlicher Vor­läufer der Götterdichtung betrachtet werden. Wenn er hier ein Bauernschicksal von seltsam schwerer Tragik schil­dert, usit einer inneren .Straffheit, Raschheit und Konsequenz,

*) Erschienen 1852/54.

Halten wir dagegen ein paar Verse Wilh. Jordans, freudig starken Lcbensbejahcrs:

In tiefer Inbrunst muß ich danken> Dein Schöpfer für des Lebens Schranken- Für jedes Leidens Fegefeuer, Für jeden Kampf und jede Last, Womit der ewge Welterneurer

Begnadet seinen Erdengast."

zustellen, daß auch der strengste Naturwissenschaftler nicht nur Jesum den Menschen verehren, sondern auch Christum den Gott predigen kann. Und in einem feiner Gedichte (In Talar und Harnisch", Frankfurt a. M. 1899) setzt er sich mit demTruggeist Nietzsche" u. a. folgendermaßen auseinander:

Daß dem All kein Uebel schade, nur in unserm Maulwurssauge

Schlimm erscheine und verwerflich, , - was dem Ganzen trefflich tauge;

Daß uns Leid auch Segen fruchte, nur im Kampfe mit bent Bösen

Langsam Kraft uns wächst und Einsicht,

Gott hinieden zu erlösen.

Tat in meinen Jugendjahreu dar mein Lied vom Demiurgen: *)

Er (Nietzsche) verdreht's in Lob und Selbstsucht, Die der Staat mit Friedensburgen

Mühsam aussperrt, strafend band'gt;

Denn sein Mannesidcal ist. Wer, sich jede Gier zu stillen stark genug und bestial ist.

Spitteler aber, dem nüchtern und real denkende'.! Schwei­zervolk angehörend, verficht eine hocharistokratische Lebensauf­fassung und läßt seinen Prometheus um seiner hehren und strengen Ideale willen die größten persönlichen und gesell- sA^silichen Vorteile verschmähen und die Feindschaft einer ganzen echslt und sogar die, seines vordem hochgeachteten und ge- lrebten Bruders auf sich nehmen. Wie sehr erinnert uns die Rede des Prometheus zum Engel Gottes an ganz ähnliche Worte Zarathustras, z. B. wo er das Anerbieten des Engels ver­nimmt, falls er sich von seinerfreien Seele" trenne:

. ,,. . . und ein Gewissen gab ich dir an ihrer Statt, das wrrd dich lehrenHeit" undKeit" und wird dich sicher leiten auf geraden Wegen !" worauf Prometheus ablehnt:' m EU steht's bei mir zu richten über meiner Seele Angesicht; denn siche! meine Herrin ist's und ist mein Gott in ttwend und Leid und was ich immer bin, von ihr hab' ich's zu eigen. Und drum: so will ich mit ihr teilen meinen Ruhm, und wenn cs muß geschehn, wohlan! so mag ich ihn ent­behren !

, . Vollends die Worte des Hohns, die er an seinen vom früheren ^deal abgefallenen Bruder Epimetheus richtet, der an ferner Statt dasGewissen" eingehandelt hat:Von wannen Kommst du? Und was erglänzet wie vonr Rechttun dein Ge- sicht , und was verklärt sich von Verrat dein Auge?" usw. Endlich zu guter Letzt die ungeheuren Opfer, die er nur ferner freien stolzen Seele willen auf sich nimmt.

Haben wir es hier mit einem tiefen Gleichnis zu tun, das zwcrfellos eigenes Erleben schmerzvoll schildert, so wendet sich der Dichter auch in späteren objektiven Werken zu einem nicht wrnder scharf ausgesprochenen Pessimismus. Schon in seiner lieblichen GedichtsammlungSchmetterlinge" spricht er besonders an zwei Stellen den tiefsten Weltschmerz aus, allerdings in der versöhneudsten Weise; cs sind die Worte, die die Seele des gemordeten Schmetterlings an ihren Peiniger richtet:

Ob ich's schon durch dich gelitten, litt ich's nicht

sdurch deine Schuld:

Leiden ist des Lebens Mitgift, ist des Weltenschöpfers Huld. Qualen jeglichem Geschöpfe schenkt die gütige Natur;

Aber Mitleid und Erbarmen blüht im Menschenherzen nur. Und wenn einst erklingt die Stunde, da auch diesen , , _ m jSieg erstritten

Uno nad? angsterfüllten Nöten hast das Sterben ausgelitten. Wollen wir vereinten Wandels einen strengen Richter , , . , , ssuchen,

Und lern herlgcs Urteil segnen und dem Weltendichter ssluchen. . .

die fein dramatisch wirkt, so mochte er, wie Jordan, der seinem Demiurgos" dieNibelungen", ein Halbgöttergedicht, nach- schuf, die Erkenntnis gewinnen, darin nicht mit allen Mitteln der Handlung und des einzelnen berechneten Wortes und Ge­dankens eine Weltanschauung in ihrer Ganzheit aussprechen zu können: Menschen waren hicrzil als Mittel zu klein; es mußten Götter her. Man kann in der Tat von diesen Werken Sp.s und Jordans nicht ohne gute Gründe die Meinung haben, sie seien von allem Anfang an nur auf das Aussprechen einer bestimm- ten Weltanschauung hin gedacht und geschaffen worden, so zwar, daß um den Kern eines philosophischen Gedankens eine Handlung mit all den nötigen Personen gebildet wurde. Nicht daß Form, Handlung und Idee nicht völlig in eins geschweißt worden wären! Im Gegenteil. ImOlympischen Frühling" hat man wenigstens das Gefühl, die dort wörtlich ausgesprochne Weltanschauung sei aus den Vorgängen der Dichtung durch den Scher Orpheus herausgezogen. InKonrad dem Leutnant" ober wirken doch vom Beginn an allerlei geheimnisvolle und düstere Andeutungen auf das tragische Ende hin und das scherz­hafte Rätselwoct:Es nimmt ein Ende mit Schrecken" ist doch mit allen anderen Begleiterscheinungen ein sehr deut­licher Hinweis auf das tragische Ende des Helden, das dessen Braut, die stolze Kathri, mit dem zornigen Worte kommentiert: Wahr ist, daß in dieser Welt die Besten unterliegen und die Schlechtesten obenauf sind!" Mit der Art verglichen, wie uns etwa Homer seine Weltanschauung vermittelt, kommt .uns die­jenige Spittelers, wie auch die Jordans in dessenNibelungen", wirklich bewußt und fast mathematisch berechnet vor. Die An­lage und die ganze Fassung der Fabel, die durchaus eine Erfindung des Dichters ist, könnte doch ebensowohl so ge­dreht werden, daß Zeus, der die Hera und mit ihr die Welt­herrschaft gewinnt, durch Tüchtigkeit in den Wettkämpfen über Apoll siegte, statt durch List und Tücke, die uns schwer gegen ihn einnehmen. Da aber wohl das Werk aus einem tieferen Erlebnis des Dichters feinen ersten Ursprung genommen hat und Zeus und Apoll durchaus als personifizierte Weltkräfte erscheinen, so ist die jetzige Fassung psychologisch, menschheits- psychvlogisch, und läßt sich wissenschaftlich begründen und stützen. Nicht zum wenigsten verleiht ebendieser Umstand der Dichtung diese starke Wahrheitswirkung und dieses tragfähige, so schrecklichen Begebnissen standhaltende poetische Rückgrat, das es auszeichnet.

Das erwähnte Wort Kathris ausKonrad dem Leutnant" hat imOlympischen Frühling" eine etwas veränderte, dem Sinne nach aber nicht verschiedene Fassung. Spitteler hat indes noch eine weitere moderne Lehre davorgesetzt: die von der ewigen Wiederkunft des Gleichen, die nach Jordans Vorbilde auch Nietzsche predigt, mit dem sich übrigens kürzlich Spitteler in einem Aufsatze derSüdd. Monatshefte" auSeinanber gesetzt hat. Diese Lehre ist auch in dem Sturz und denr Jmmer-wieder-Em- porkommen der Götter (durch Anaukes Schaufelrad) bereits dar­gestellt. Die erwähnte Lehre selbst spricht wörtlich der Seher Orpheus aus (1. Teil, 2. Gesang):

In diesem Stein, in jenem Felsen kann ich's lesen: Eh das; ich war, so bin ich früher schon gewesen. Hei, wie das Bild sich klärt! wie Licht an Licht sich setzt! Am Anbeginn der Welt da steh ich grausend jetzt.

Wie sie geschah, woher des Uebels Ursprung sei. Verhüllt sich meinem Blick. Allein ich war dabei. Ich war dabei! . . . O Wunder über Wunder! weh! Ich wittre Schöpfungslust, ich riech ein ewig Weh!

Ob Unglück, ob Verbrechen, will sich nur nicht weisen: Das Zarte unterliegt und Obmacht hat das Eisen!"

Hier, wie noch an mehreren Stellen ist jener Jordan entgegen­gesetzte Pessimismus gepredigt,. der dem Materialismus unseres Zeitalters entspringt. Nicht nur in den Begebnissen der Handlung, auch gelegentlich in Meinung und Gesinnung der Personen tritt er bis zur häßlichsten Gemeinheit hervor, bspw. bei der Zeugung der künftigen Himmelskönigin, wo Genesis dem sich umarmenden Götterpaar einen Fußtritt versetzt und höhnend in die Worte ausbricht (2. Teil, 7. Gesang):

Was schwenkst du so verliebt dein mütterlich Gekröse?

Die Welt ist schlimm und allem Werdenden wird böse!"

Doch nicht bloß im einzelfälligen Weltgeschehen, auch int ewigen Weltzustande nimmt der Dichter nicht diedenkbar voll­kommenste aller Welten" an, sondern die denkbar schlechteste, böseste. Und auch diese hat für ihn keinen dem Menschen er­kennbaren Sinn. Entsetzlicher noch wird diese trostlose An­schauung dadurch, daß diese Welt nicht als vorübergehender Zustand gilt, sondern als eine nicht zu verändernde Folge immer wiederkehrender Vorgänge, über denen als höchstes _ er­kennbares Gesetz die Notwendigkeit steht. Homer hat seinen menschenähnlichen Göttern einen fast unumschränkten freien Willen gegeben; sie leiten die Geschicke der Menschen nach Gerechtigkeit oder nach Saune und stehen selber nur unter dem Schicksal, unter Moira, deren Walten selten genug er­kennbar wird: etwa in schwerwiegenden Dingen, wofür die Götter die Verantwortung nicht übernehmen tvvllen. Dement­gegen sind bei Spitteler die Götter keineswegs frei; das Ge­ringste, was sie tun, ist eine Notwendigkeit von Ewigkeit fyn-.,