Ausgabe 
12.10.1908
 
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UZT

Moniag den p. Oktober

1908 M. (60

Ktziminal-RomM von E. Gaboriau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Es schlug vier Uhr. Lccoq sprang von seinem Bett her­unter, aus das er sich in volleir Kleidern gelegt hatte, und ging fiinf Minuten später die Rnc Montmartre hinunter, wo er wohnte.

Das Wetter tvar noch immer abscheulich: Mlte rind dichter Nebel. Aber was machte das Herrn Lecoq aus. Er schritt rüstig dahin, als er plötzlich an der Ecke von Samt-Gustave von einer lauten spöttischen Stimme angcrusen wurde:

Heda, schöner junger Mann! .

Er sah sich um und bemerkte Gsvrol, der mrt drer^oder vier von seinen Leuten in der Umgebung der Hallen der ^,iebs- jagd oblag, die dort immer ergiebig ist. ,

Du bist ja sehr früh auf, Herr Lecoq! fuhr der Krmnnal- linspcktor fort. Du läufst wohl noch immer herum, um die Iden­tität unseres Mannes festzusdellen?

Immer noch. ,, , , nYI ....

, Ist er ein verkleideter Prinz oder bloß ein Marquis i

Eins von beiden ganz bestimmt.

Grit. In diesem Fall wirst du uns eine Runde zahlen, auf deine künftige Gratifikation hin. .....

Lecoq war einverstanden, und die kleine Gesell, chaft trat rn^ eine Weinkneipe ein. Als die Gläser vollgeschenkt waren, sagte der junge Beamte: , , ,,

Ach, da fällt mir ein, General, unser Zusammentreffen er­spart mir einen Gang. Ich wollte auf der Präfektur vorsprechen und Sie im Auftrag des Untersuchungsrichters bitten, noch heute früh einen voir dcir Kvllegeu nach der Morgue zu schicken. Die Geschichte von derPfefferbüchse" hat Aufsehen gemacht, es werden viele Leute hingehen und die Leichen ansehen, und da müßte man Augen und Ohren aushaben, um sie zu beobachten.

Gut. Der alte Absinth wird von der Oeffnungsstunde an dorr

Den Ltftat Absinth an einen Ort zu schicken, wo ein ge­wandter Beamter vonnöten geiveseii iväre, bo8 war der reute Hohn. Jrtdessen erhob Lecoq teilten Einspruch. Des guten Alten war er sicher: wenn er ihn auch nicht gilt diente, so wurde er ihm jedenfalls keinen Schabernack spielen. .

Uebrigens, fuhr Gsvrol fort, hattest du mir da» Sestern abend sagen sollen. Aber als ich kam, warst du schon wieder fort.

Ich hatte was zu tun.

An der Barriere d'Jtalie. Ich wollte wissen ob die Ar­restantenzelle der Polizeiwache gepflastert oder gedielt ist.

Nach dieser Antwort bezahlte er, grüßte und ging.

Himmeldonnerwetter! rief Gsvrol, sein Glas heftig auf den Tisch aufstoßend. Heiliges Donnerwetter, wie dieser Bengel mir zuwider ist. Verdammter Springinsfeld. Man kennt noch mck das ABC vom Handwerk und schelt den Schlankopf. Wemt mat

nichts findet, erfindet man Geschichten, man wickelt die Untech suchungsrichtcr mit Redensarten ein, um zu avancieren. Ich werde für dein Avancement sorgen von hinten! Ah, ich werde dich lehren, dich über mich lustig zu machen!

Lecoq hatte sich aber gar nicht über ihn lustig gemacht. Er war N'irklich am Abend vorher auf der Wache gewesen und hatte den Boden der Zelle untersucht: er glaubte, dabei einen teuer niederschmetternden Beweise gefunden zu haben, die dem Unter* uchungsr ich tert oftmals genügen, nur vom hartnäckigsten An­ges(huldigten eilt volles Geständnis zu erlangen.

Er hatte Gsvrols Gesellschaft nur deshalb so schnell ver­lassen, weil er noch sehr viel Arbeit vor sich hatte, eije er den Untersuchungsrichter aussuchen konnte. ' t .

Es lag ihm daran, den Kutscher aufzusinden, der tn der Rue du Chevaleret von den beiden Frauen angernfen worden war. Zu diesem Zwecke hatte et sich auf der Präfektur Adressen von allen Kutschereien dieser Gegend besorgt.

Seine Nachforschungen waren anfangs nicht glücklich, «jn der ersten Fuhrhalterei lagen die Stallknechte noch im Bett und gaben zur Antwort nur Flüche. In der zweiten waren sie schon aufgestanden, aber es war noch kein einziger Kutscher erschienen. Außerdem weigerte der Fuhrherr sich, ihm die Blätter zu zeigen, auf denen jeder Kutschet täglich seine Fahrten aufzeichnet oder wenigstens aufzeichnen sollte

Er begann schon die Hosfnung zn verlieren, als er endlich gegen halb acht Uhr bei einem gewissen Trigault, weit braußen vor den Befestigungen, erfuhr, daß in bet Nacht vom Sonntag auf den Montag einer seiner Kutscher, der auf dem Heimweg be­griffen gewesen wäre, hätte umkehten müssen. Man zeigte ihm diesen sogar auf dem Hofe, wo er mit dem Anschirren sei ies Pferdes beschäftigt war. Es war em kleiner dicker Utter, nut rotem Gesicht und listig funkelnden Augen, bet auf fernem Kutsch- bock jedenfalls schon manche Pechche verbraucht hatte. liM ging gerade auf ihn zu und fragte: 1 .

Sie sind der Kutscher, der in der Nacht von Sonntag auf Montag zwischen ein und zwei Uhr morgens in der Rue bit Chevaleret zwei Frauen in seinen Wagen genommen hat.

Ter Kutscher drehte sich unt, musterte Lecoq mit einem schlauen Blick^nnd antwortete vorsichtig:

Vielleicht.

Ich muß eine bestimmte Antwort haben.

Ah so! sagte der Alte in spöttischem Ton. Der Herr kennt gewiß zwei Damen, die irgend was in einem Wagen haben liegen Iaf"C®erl'iunge Beamte zitterte vor Freude. Dieser Mann war augenscheinlich der gesuchte Kutscher. Er unterbrach ihn daher mit der schnellen Frage: ,.

Hatzen Sie von einem Verbrechen erzählen Horen, da.' hier in der Nähe vorgefallen ist? .

Ja, in einer bösartigen Spelunke ist em Mord . . .

Jawohl, und die beiden Frauen waren dabei, sic waieu auf Lier Flucht, als sie Ihnen begegnet sind, ^ch suche sie, ich bin Kriminalbeamter, hier ist meine Marke; wollen Sw nur also Auskunft geben?