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hin niemand durfte, wenn er spielte. Unb dann fühlte er den warmen Sonnenschein draußen so wohlig der Duft des Flieders quoll herein zu ihm ans seinem Garten und die Welt war schön und voller Klarheit.

Die können ja nichts mehr, diese Jungen," sagte er oft zu sich, ganz heimlich, denn er war immer bescheiden gewesen und hatte wenig geurteilt. Alles lag bei ihm in der Emp­findung.Gott, das ist doch noch Musik, mein alter Walzer da, den ich schon meiner Liefe gespielt, da wir noch ganz jung waren und nur heimlich zusammenkommen dursten. Darum spielte ich ihn auch, als uns der Pfarrer znsammen- getau hatte am Hochzeitstag und ich war im siebenten Himmel. Ja, das ist doch noch Musik!"

Und er sah zum Fenster hinaus und zum Himmel auf, und innig bewegt spielte er ins Abendleuchten: Goldne Abendsonne, wie bift du so schön.

Und es löste scch ihm von der Seele Ivie ein tiefes, frommes Beten, ein seliges Weihcgefühl.

Jakob Veit war nun schon fiinsundsiebenzig. Wer er spielte noch tapfer die erste Geige in seiner Gesellschaft und war immer däbei, wo sie nur hingerufen wurde.

Da dachten aber doch ein paar Freunde, ihm eine Hilfe zu geben, und eine jüngere Kraft zu engagieren. Es war ein ganz junger Mensch, kaum zwanzig, aber er wurde viel gelobt. Richard Vormann hieß er, jedoch im ganzen Dorfe wurde er nur kurz derRickes" genannt. Unter diesem Namen kannte ihn jedes Kind.

DerRickes" hatte bei einem Theatergeiger in Mainz Stunden genommen, schon seit seinem zwölften oder vier­zehnten Jahre, und er spielte großartig. Und wunderbare Sachen. Er werde sicher auch mal in ein Theaterorchester kommen.

Der sollte nun den Jakob Veit manchmal ablösen, daß er ruhen könne. Beit sträubte sich zwar anfangsihm geh's noch leicht von der Hand" aber schließlich gab er sich doch darein.Er hab's am End' ja auch verdient."

Der junge Geiger kam. Veit stellte ihn zu seiner Linken. Vorerst mög' er mal zweite Geige spielen.

Man konnt's demRickes" ansehen, es war ihm nicht ganz recht. Aber er wollte sich dem Alten nicht wider­setzen.

Anfangs achtete Veit nicht aus den Kollegen. Oder Höchstens, daß er sich mehr zusammennahm und mit der heimlichen Absicht spielte, soviel tote möglich zu glänzen.

Wer da achtete wieder der Jüngere nicht darauf.

Nach ein Mar Tänzen aber, mitten in einem neuen Walzer, den der alte Beit gar nicht sonderlich liebte, sprang des Jungen zweite Geige srisch und keck in die erste. Und wie klang jetzt der Mnlzer, der vorhergar nicht recht ge­wollt hatte!"

Im Saale horchte man auf. Jakob Veit ward rot strich anfangs seine Saiten heftiger, ließ aber bald nach, als er merkte, daß er nicht durchdringen könne. Aergerlich Und mißmutig, spielte er fast leise weiter.

Faxen! Damit will man einen alten Musikanten kalt stellen! Nichts dahinter kennen wir!" sagte er zu sich selbst.

Der Jüngere aber, plötzlich merkend, wie sein Spiel wirkte und wie sein grauer Nachbar verstimmt war, ließ die erste Stimme fallen und begleitete wieder in der zweiten.

Aber mui war es kein Feuer mehr und keine Wirkung.

Jakob Veit machte sich Borwürfe.Was brauchte er sich auch so verstimmen zu lassen!" Aber wie er sich auch Mühe gab, er brachte seine Stimme und damit das ganze Stück nicht mehr in die Höhe und er gab bald das Zeichen zum Schluß.

So wiederholte sich's noch ein paarmal. Und als ein­mal Veit um Mitternacht ganz aussetzte, da wählte der Jüngere einenRheinländer" mit einem Violinsolo.

Veit saß unten an einem Tische, sah und hörte zu.

Die Jugend schien über alle Maßen befeuert. Der Ordner hatte seine schwere Not, Paare zum Pausieren zu bringen. Die Burschen und die Mädel schienen unermüdlich. Und alle Gesichter glühten. Das znachte der Rickes.

Brillant!" sagte ein Fremder ganz in Veits Nähe.

Sie meinen doch den neuen Geiger?" sagte der Wirt, ja, der ist ganz ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet!"

Und als der Wirt fisch tundrehte, sah er den alten Beit.

Beit, den müßt Ihr Euch halten!" sagte er zu ihm. Der kann's, hol' mich der Kuckuck, der kann's! Ein Mords­

kerl das! da guckt nur mal (er wies aus die Tanzenden) alles außer sich. Da könnt' man fast in seine alte. Tag noch was lerne, he?!" scherzte er zu dem alten Musi­kanten und klopfte ihm auf die Schulter.

/-Ja, ja," nickte der Veit.

Aber ihm war's, als liefen ihm Tränen übers .Herz. Zum Weinen Ivars ihm. Er fühlte einen tiefen Schmerz eine Qual und Unruhe. Ganz unglücklich Ivar er. Ganz dumpf war ihm.

So armselig, so leer fühlte er sich. Ach Gott, als habe er nie eine Geige gehabt, nie einen Ton geliebt. Ja, er mochte jetzt die Musik nicht mehr leiden. Sie Ivar falsch und untreu. Sie hatte ihn noch verhöhnt dazn. Nein, seine Geige wollte er rein gar nicht mehr haben und er hatte jetzt das Gefühl, sein Bogen müsse einen schweren Zentner wiegen, wenn er ihn wieder in die Hand nähme.

Darum war jetzt so etwas in seine Seele gekommen, was er nie gekannt etwas Zorniges nnd Hartes. Fast, als müsse er den neuen Geiger hassen.

Er erschrak.

Aber es ließ ihm keine Ruhe.

Er stieg hinaus amfs Orchester, packte seine Geige ein und ging heim.

Er sei müd' und abgespannt, und er mühte jetzt Ruhe haben. Und nun habe er ja auch Ersatz."

Und er ging heim.

Der junge Geiger war ein bißchen betroffen. Es tat ihm so leid. Denn ihm war, als habe er den Alten vertrieben.

Aber die anderen redeten's ihm ans.

Traurig ging Veit heim. Der Jüngere aber spielte immer feuriger und wählte nur die neuesten Sachen. Er spielte sich in alle .Herzen ein.

Dagegen kann der Veitjakob daheim bleiben," hieß es da mal und dort mal.

(Schluß folgt.)

Das deutsche Bilderbuch.

Von Dr. R i ch a r d D o h s e (Frankfurt).

Seit vor einem Jahrzehnt etwa die Hamburger Lehrer­schaft in Verbindung mit dem Hamburger Prof. Lichtivark die Reform der Bilderbücher und Jugendschristen durch Wort und Schrift angebahnt hat, ist die ganze Bewegung langsam aber stetig gewachsen und heute hat sie eine Aus­dehnung erreicht, die beweist, wie aufnahmefähig nnd frucht­bar der Boden war, in den das Samenkorn gesenkt wurde. Allmählich hat sich inzwischen die ganze deutsche Lehrerschaft der Sache angenommen, dis Dresdner, Kölner, Elberfelder unb andere Lehrervereine haben nach Art der Hamburger Prüfungsausschüsse" gebildet; ein Verzeichnis empfehlens­werter Äücher für die Jugend wird von den vereinigten deutschen Prüsungsausschüssen heransgegeben, eineJngend- schriftentoarte" ist entstanden n. a. m.

Hand in Hand mit dieser mehr theoretisierenden Art des Arbeitens ging die Umsetzung der Joeen in die Praxis, d. h. einmal wurde die Ausgrabung und Neuherausgabe geeig­neter Jngendschriften, dann aber auch die Schasfung einer neuen" Kunst für die Jugend in die Wege geleitet, die sich die moderne Technik zunutze gemacht nnd dadurch, nament­lich in der Farbengebung, ungeahnte Wirkungen erzielt hat. So eröffnete sich ein ganz neues und wenn auch schwieriges, so doch äußerst dankbares Schaffensgebiet für unsere dent- scheu Künstler.

Bald griffen denn auch die Verleger die neuen Ideen auf, die Verlagsanstälten für solche neue Kunst wuchsen buchstäblich wie Pilze aus der Erde, und heutigentags steht man geradezu vor einem embarras de richesse, einer fast be­ängstigenden Häufung des Angebots.

' Da heißt es nun wiederum bei der Auswahl vorsichtig sein, denn das um jeden Preis Neue, Moderne, wenn es auch ans den ersten Blick vielleicht besticht und reizt, hält durchaus nicht immer einer genauen näheren Wertprüfung stand. Es liegen hier so unendlich große Schwierigkeiten vor, daß eine Sichtung des Materials hier tote auf keinem anderen Kunstgebiete vonnöten ist Sagt doch schon Theodor Storm,daß ihm die ganze Schwierigkeit der Jugendschris! stellerei aufgegangen sei". Wie schwer war es nnd bleibt es in der Tat, wirklich zu bessern, wie leicht hingegen kann da grütrdlich verdorben werden, wo doch genützt werden sollte. Und gerade die Reform des Bilderbuches ist eine ganz besonders delikate Angelegenheit. Hat man es hier