M8

mi

«

Ä h

Z.

/

MM

1

Herr Lecoq.

Kiriminal-Roman von E. Gaborkan.

Nachdruck verboten.

(Schluß.)

Da tarn vor etwa einem Vierteljahr ein Brief von der Wiitve Chupin an mich. Sie mußte etwas von deut Geheimnis ev- fahven haben, denn sie schrieb kurz und bündig:Frau Herzogin! ich erwarte Sie morgen mittag in meiner Wirtschaft, derPfeffer­büchse". Es handelt sich um die Angelegenheit von der Borderie. Wenn Sie bis zwei Uhr nicht bei mir gewesen sind, gebe ich einen Brief an den Herrn Herzog auf die Post."

Ich ging hi»,' es war an dein Tage, als Sie mir folgten. Dann erhielt ich die Aufforderung, mich an jenem Sonntagabend um zehn Uhr draußen einzufinden. Ich wollte nicht, ich fürchtete einen Hinterhalt. Mer ich erhielt neue Drohungeil, und un­ter anderem schrieb sie mir auch, Mariannes wieder aufgefundener Sohn würde da feilt. Dies entschied mich. Ich hatte eine schwache Hoffnung, ihn für mich zu gewinnen, in ihm einen Schuh gegen die Ch-upins zu finden. So ging ich denn in einer Berkleiduilg, von meiner vertrauten Kammerfrau Camilla begleitet, an dem verhängnisvollen Abend in das Unglückshaus. Leider hatte ich mein Kommen in einem Billett zugesagt. Es würde in die Hände der Polizei gefallen sein, alles wäre entdeckt, unser Nanre auf ewig befleckt worden sein, wenn nicht Ihr treuer Otto den Brief Noch glücklich aus der Spelunke herausgeholt hätte.--

Die Herzogin hatte ihre lange Beichte und die Geschichte ihrer vieljährigen Büßung nur ganz unzusammenhängend Her- Vorbringen können. Bald sank ihre Stimme zu einem kaum hörbaren Flüstern herab, bald wurden ihre Worte von Schluchzen und Weinen erstickt. Als sie geendigt, warf sie sich auf das Ruhe­bett, ihr Gesicht in ein seidenes Kissen vergraben, den ganzen Körper von krampfhaftem Schluchzen erschüttert.

Plötzlich fuhr sie empor und schrie:

Martial! Martial! Gibt es denn keine Gnade bei Gott und den Menschen?

Sie sah sich wild in ihrem Boudoir um; es war leer. Ihr Gatte hatte mit leisen Schritten das Zimmer verlassen.

In seinem prachtvollen Bibliothekzimmer ging der Herzog von Sairmeuse unruhig und sorgenvoll auf und ab. Die eben vernommenen Worte seiner GeiMhlin hatten ihn tief erschüttert; aber er hatte die Wahrheit nur zu gut geahnt, er hatte eigent­lich nichts gehört, was er nicht erwartet halte. Eine größere Sorge bedrückte ihn: würde der Kampf um die Ehre des Namens »richt doch vergeblich sein? Wer !var der Feind, der im Ver­borgenen den furchtbaren Hinterhalt in der Spelunke der Witwe Chupin gelegt hatte? Olme Zweifel Lacheneur. Aber wo war dieser? Wie kam es, daß die Polizei ihn mit aller Mühe nicht hatte auffinden können? Brütete er irgend wo in Paris oder an xinem anderen Ort neues Unheil gegen das Haus Sairmeuse?

Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach den Herzog in seinen Gedanken; er erkannte das Pochen seines Kammerdieners Otto und rief:

Endlich! Herein!

Ein Blick in das Gesicht des treuen Dieners zeigte ihnt, daß dieser gute Nachrichten bringen mußte.

Monseigneur mögen sich Glück wünschen, sagte Otto, dieser Lacheneur wird Ihnen nicht mehr gefährlich werden: er ist tot!

Ah! Und woher weißt du das?

Nachdem ich gestern, wie der gnädige Herr wissen, den ganzen Tag vergeblich gesucht hatte, fiel mir heute nacht int Bett etwas ein. Ich sagte mir: Daß Lacheneur von der Polizei nicht auf- gefunden ist, beweist gar nichts. Er konnte ja Paris verlasse^ haben. Aber warum ist er an jenem Abend nicht in derPfeffer­büchse" erschienen? Er hatte doch sein Kommen versprochen; die anderen, der Gustave und die beiden Strolche waren auf zehn Uhr bestellt, und als der Streit losbrach, war es elf. Es war also leicht möglich, daß Lacheneur durch einen Unfall am Kommen verhindert worden ivar, und in diesem Fall tvar es mehr als wahrscheinlich, daß er in ein Krankenhaus verbracht war, denn, wäre er tödlich verunglückt, so hätte feine Leiche an die Morgue abgeliefert werden müssen.

Ich machte mich also aus die Suche und hatte ein unerwartetes Glück, denn gleich im ersten Krankenhaus, dem Hotel Dieu, fand ich unseren Mann, oder vielmehr ich sand ihn nicht, denn er ist vor sechs Wochen schon gestorben, aber ich erlangte die Gewißk- heit, daß eS nur Lacheneur gewesen sein kann. Es ist ein wahres Glück, daß Monseigneur den Lacheneur an jenem Mittag draußen bei derPfefferbüchse" gesehen hatten. Ich konnte also sein Signalement geben, und der Oberwärter, an den ich mich wandte, erkannte ihn sofort daran. Nur von dem Namen wußte er nichts'. Man hatte am Faschingschontag in einem der Steinbrüche zwischen demRegenbogen" und derPfefferbüchse" einen furchtbar zer­schmetterten männlichen Körper gefunden. Man glaubte, es sei eine Leithe, aber der Mann lebte noch. Er wurde also ins Hotel Dien geschafft; dort lebte er noch vierzehn Tage, hat aber keinen Augenblick das Bewußtsein wiedererlangt. Man wußte also nicht, wer er wäre, da sich auch in seinen Kleidern keine Anhaltspunkte sanden. In seiner Geldtasche hatten sich nur wenige Franken befunden. Diese Kleider, so schlecht und zerfetzt sie waren, sollten verkauft werden, um die Pflegekosteu wenigstens zum Teil zu decken.

Ich sagte dem Oberwärter, sie konnten sich diese Mühe sparen; denn der Mann sei der von mir gesuchte Verwandte. Ich bezahlte die Pflegekosten und erhielt dafür die Kleider auSgehändigt. In' einer Tasche derselben fand ich einen Brief, aus dem freilich die Hofpitalverwaltung nichts entnehmen konnte, der aber für jeden Eingeweihten klar und deutlich ist. Er ist nur kurz und lautet:

Lieber Freund! Ich werde pünktlich um 10 Uhr in der P. sein. Gustave.

Also, Herr Herzog, Lacheneur ist tot, er hat vor seinem Ende nichts verraten können, da er nicht lvieder zum Bewußt- sein gekommen ist, und dem Chupinschen Gesindel ist leicht bei! Mund zu stopfen, da die Leute doch nichts wissen.

Aber der Gustave, sagte der Herzog nachdenklich; hast dn herausgebracht, in welchen Beziehungen er zu Lacheneur stand?

So ganz genau nicht, Herr Herzog. Nur so viel steht fest.