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Wie immer muß sie lavieren, ausgleichen, harmlos tun. Wenn du ein gutes Zeugnis nach Hause bringst," spricht sie zu dem Sextaner,wird dir Vater vielleicht deinen Wunsch erfüllen und in den Herbstferien mit dir an die See reisen."

Ach, Mutter, da möchte ich doch noch zehntausendmal lieber nach Heudorf! Es war zu schön dort, und meine« Freunde schreiben mir alle, seit ich nicht mehr da bin, ist nichts mehr los." Er räuspert sich energisch, denn chie Stimme ist ihm bedenklich ins Wanken geraten.

Ja, ja, rückwärts und zu Fuß werde» wir noch alle wieder nach Heudorf wollen," knurrt der Major.Heute wieder die ganze Generalität um mein Bataillon rum. Keinen Finger kann man rühren, ohne daß es nicht von zehn hohen Herren begutachtet wird. Und da war mir schon der eine armselige Schimmel in Heudorf zuviel. Der Mensch ist eine kurzsichtige, undankbare Kreatur! . . . Sitz' ordent­lich!" herrscht er den Kleinen an, der mit steif von ihm abgewendeten Kopfe neben ihm sitzt.

Erschrocken fährt Bubi zusammen und wirft einen scheuen Blick auf den Vater, der nun in ausgiebiger Weise über seinen Aerger zu reden beginnt. Dann tritt Stille ein. .Man ißt ohne Appetit; die selbstgezogenen Gemüse in der geschmähten, alten Garnison waren eben unübertrefflich gewesen.

Nach dem Ofen seh ich nicht hin," sagt da plötzlich Bubis liebes Stimmchen. Es ist wie ein ganz ferner Unter­ton von Tränen darin.

Unwillkürlich richteten sich aller Augen auf das Prunk-- stück der Wohnung, einen wirklich geschmackvollen, mächti­gen Majolikaofen, der beinahe beim Mieten der Etage aus­schlaggebend gewesen war; hatte doch in Heudorf die Freude, wenn man erst mal versetzt würde und andere als eiserne Oefen habe," eine große Rolle gespielt.

Aber es ist doch ein so wunderschöner Ofen, Bubi", sagt die Schwester verstäudnislos.

Nein, nach dem Ofen seh ich nicht hin!" wiederholt das Kind mit krampfhaft zur Seite gedrehtem Köpfchen.

Blödsinn!" läßt sich der Sextaner mit der ganzen Ueberlegenheit seiner neun Jahre vernehmen,das sagt er nun schon immer, der Kaffer!"

Man wird aufmerksam.Möchtest du lieber hier sitzen?" fragt die Mutter, die dem Wärmespender den Rücken kehrt, liebevoll.

Der Kleine nickt eifrig.

Ach !vas, der eigensinnige Bengel ivill nur seinen Dick­kopf durchsetzen und ewig an Mutters Rockzipfel hängen!" poltert der Major, dein die schlechte Laune jegliches Ver­ständnis zur Lösung von kindlichen Seelenproblemen be- nimmt.

Nein, Mutter soll mit mich tauschen, ich will ganz allein, drüben sitzen," erklärt das Kind, sein kleines Besteck und seinen Becher eilfertig zusammenraffend.

Sitzen geblieben!" befiehlt der Vater,was ist das alles für ein Unsinn! Jetzt sagst bit sofort, warum b» nicht nach bei» Ofe» Hinsehen willst."

Bubi zieht eilt weinerliches Mündchen.

Komm einmal her zu mir, Kerlchen," beschwichtigt die Mutter, mit einem flehenden Blick ans den gereizten; Gatten. Eifriges Flüstern zwischen Mutter und Sohn.

Endlich ist man so weit.

Niemand darf hören!" Ein verängstigter Blick t» die Runde, dann legt Bubi beide Aermchen um der Mutter Hals :Wenn ich den Ofen anseh', merk' ich immer, daß ich nicht in Heudorf bin, dann denk' ich, ich muh hier" er preßte seine kleine Faust gegen die Kehle> so schrecklich weinen!" flüstert Bubi laut, mit seinem süßen, klagenden Stimmchen.

Alle haben Bubis Worte vernommen. Betroffen sieht man sich i» die Augen . . .

Welch eine Tragödie in dem armen, kleine» Kinder­herzen !

Und die großen Leiite o, sie habe» ihn ja so liest,

eine der Töchter einePartie" machen. Niedlich genug hatte sie ja der liebe Herrgott geschaffen. Wer hier in dem Nest. . .!

Auch die beiden nachgeborenen Buben von neun und fünf Jahre» jubelte» laut. Der Umzug, eine andere Stadt, eine andere Sexta, andere Spielgefährten alles war von verführerischem Zauber.

Nun war der Wechsel vollzogen. Mit gehobenen Ge­fühlen wandelte man durch die neuen Räume. Etwas ganz, ganz anderes doch als in Heudorf. Freilich, gemütlich war's geweseu. Hier hallte der Schritt ordentlich wider und die Gardine» wollte» auch nicht passen.

Mutter, wo soll ich denn spielen?"

Auf der Straße."

Auf der steinerne» Straße zwischen de» hohen Häusern? Nee, Mutter, daun bleib' ich lieber oben."

Jeden Tag dasselbe Lied, jeden Tag! Zärtlichen Vor­stellungen und Bitte» folgen Drohungen, bis der kleine Mann heulend die viele» Treppe» hinabläuft.

Die Hände auf bei» Rücken verschränkt, lehnt das Bübchen dann an der Hauswand. Melancholisch schaut es auf die gegenüberliegenden düster», himmelhohe» Gebäude und die vorbeiknarrende» Lastwagen. Eine halbe Stunde lang, wenn es hoch kommt, dann ist es wieder oben, keuchend, der zahllosen Stufen ungewohnt:

Mutter, mit wem soll ich beim spielen?"

Du bist unerträglich, Bubi," sagt die Mutter und näht fieberhaft an einem neuen Tenniskostüm für die Aelteste. Sie ist von den Kavalleristen zum Turnier aufgefordert worden. Ein armes Regiment freilich. Heiratspartien? Wem Wohl der reiche Fabrikbesitzer in Heudorf jetzt den Hof macht? Er hatte sich doch wirklich auf­fallend um Hedi bemüht, aber sie ist militärfromm, leider! Wenn die Reue nur nicht nachkam . . . Die Mutter seufzt sorgenvoll.

Mutter, sag' mir doch, mit wem ich spielen soll?" wiederholt der Knirps weinerlich.

Muß man den» immer jemand zum Spiele» habe», Bubi? Du hast doch wahrhaftig Spielsachen genug!": Die Majori» wird böse. Es gehört die Geduld eines Engels dazu, um dieser täglich sich hundertfach wiederholenden Fragerei freundlich standzuhalten.

Mit meinem Wagen darf ich doch auf dem Krottwar nicht fahren, Mutter, der Schutzmann hat mir schon viermal weggejagt!"

M i ch heißt es, Bübi, lerne doch endlich richtig sprechen! Ein Junge, der bald in die Schule geht. Und nun mache endlich, daß du runter kommst!"

Wo soll ich den» spiele», Mutti?" So fängt es wieder von vorn an. Ein ewiger Kreislauf, immer dasselbe.

Mittagsstunde. Der Große kommt aus der Schule heim. Wieder eiiie Fünf im Französische», Mutter,-" klagt er. Die Schule ist auch viel schwerer hier als t» Hendorf, und der Lehrer ist gar »icht »ett zu mir, Mutter, es ist ihm, scheint's, ganz egal, ob der Vater Fleischermeister oder Major ist."

Das ist ganz natürlich," beruhigt die Mutter,in einer kleinen Stadt haben die Lehrer mehr Interesse für den ein­zelnen als in der Großstadt."

Wo sollen wir den» nun Räuber und Gendarm spielen, Mutter? Die Leute, die ringsum in den Parterres wohnen, schimpfen uns so aus, wenn wir ein bißchen Radau machen!"

Das Räuber- und Gendarmen-Spielen hört jetzt auf!" läßt sich zornig der Major aus dem Nebenzimmer ver­nehmen.Setze dich hinter deine Bücher, das rate ich dir. Sitzen bleiben gibt's nicht! Marsch, an de» Tisch!"

Schleunigst nehme» die Kinder ihre Plätze ein. Nur zu deutlich ist es der Stimme des Vaters anzuhören, daß heute nicht mit ihm zu spaßen ist. Mit finster gerunzelter Stirn löffelt er seine Suppe. Aengstlich sieht seine Frau nach ihm hin. Die tzeudorfer Zeiten sind i» erhöhtem Maße wiedergekehrt. Ihr Mann ist verstimmter denn je. Die ganze Familie leidet darunter.