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nur mit ihren Vorgängerinnen aushalten können, wo etwas derartiges existiert.
„Ich koche „perfekt," wiederholte sie; „aber Weiße Häubchen, Madame, trage ich nicht, das sage ich gleich, das sieht so ammenähnlich aus."
Dabei schüttelte sie energisch den grauen Kopf, dessen Scheitel von Pomade glänzte.
Ich brach das heikle Thema ab und fragte zaghaft nach der Höhe des Lohnes, worauf ich eine Antwort erhielt, bei der sich meine Gesichtsmuskeln krampfhaft verzogen. Da gab es aber auch kein Rütteln, denn solche Perfekten haben das eben zu beanspruchen.
Sie bemerkte mein Schwanken, da begann aber auch schon die Küchenschlange ihre Verführung bet mir.
Wie sie es verstand, mir das Real Turtle Ragout, die getrüffelten Wachteln, die Gelees von Mandarinen zu beschreiben, wie sie mich mit dem Eis, das sie in hundert Arten zu bereiten wußte, köderte, wie die Krebssuppe es mir endlich antat... ich sah sie vor mir . . . seimig, mit feinen Klößen, hell ziegelrot... ich nahm mir vor, ganz heimlich, im stillen, ohne daß sie es merkte, einen Kursus bei ihr durchzumachen. Dafür konnte ich mir dann das Lehrgeld, das außer dem Hause sehr kostspielig ist, vom Lohne abrechnen . . . überdies erspare ich dann Köche und Konditoren, die nicht mehr in mein Haus zu kommen brauchten. Blitzschnell addierte und subtrahierte ich . . . da würde mir ja die Male eigentlich erstaunlich billig kommen . . .
Ich stellte noch bescheiden einige Fragen — Reinmacherei — Putzen betreffend.
Wie ein General-Feldmarschall, der die Uebergabe-Be- dingungen diktiert, sagte die Perfekte: „Das Speisezimmer übernehme ich, mein Kupfer, mein Messing, mein Blech, sonst nichts."
Ob nicht die Messer und Gabeln — vielleicht mit dem Hausmädchen — ?
Mich traf ein niederschmetternder Blick.
Darauf ein kategorisches: „Ich möchte mein Zimmer sehen."
Es überlief miet) eiskalt. Eiskalt war freilich das richtige Wort; der lange, schmale, unheizb'are Raum verursachte schon Frösteln bei der Besichtigung.
„Kein Ofen!" stellte Male gleich fest.
„Das Zimmerchen ist allerliebst," lobte ich, „nur ein bißchen warm, eben die Nähe der Küche, aber man kann ja das Fenster öffnen —"
„Liebe ich nicht sehr —" sagte sie wegwerfend — „also warm — auch im Winter?"
Jetzt war's Frühling. Ich log darauf los.
„Sehr warm — ja wohl, liebe Male!" Was konnte bis zum Winter nicht alles passiert sein! Außerdem ging mir so etwas wie Wärmeflaschen und doppelte Betten durch den Kopf —
Na, sie nahm Mietgeld —
„Schon, um nicht ins Büroh zu geh'n, Madame, so'n Schklavenhandel mit öffentlicher Abfragerei gefällt mir nicht, man hat sich bis jetzt noch immer unter der Hand um mir gerissen —"
Die Meinen behaupteten, ich wäre seit diesem Moment in sonderbar gehobener Stimmung gewesen. Ich beschäftigte mich in der Tat viel mit der neuen Ausgestaltung der Küche, damit die künftige Beherrscherin keine defekten Schüsseln, keine Schrubber ohne Borsten und nicht einmal den ausgefransten Holzkorb vorfinden sollte. Ich hatte fabelhaften Respekt vor ihr.
Nach einigen Tagen zog sie ein mit Koffer, Kommode, Bettsack und Korb.
Ich ordnete -an, daß einiges davon nach dem Boden geschafft werde. Das verbat sie sich dringend.
„Ich muß mein mühsam Erworbenes unter Augen haben, ich habe jetzt so viel von Bodendiebstählen gehört — und wenn gar Feuer ausbricht —“
Meine Beruhigung, daß auch der Leute Sachen bei uns versichert seien, half nichts.
„Wenn von Unsereins !vas brennt," meinte sie resolut, „so iuirb doch nichts von der Versicherung bezahlt."
Es half also nichts — ich müßte verschiedenes umpacken und einen Schrank, sowie eine Truhe, die ich not- wendrg gebrauchte, nach dem Boden befördern.
Dann führte ich sie in das Küchenparadies; auch die Spersekammer glänzte.
Sie prüfte alles mit Kennerblicken.
„Es fehlt sehr viel," tadelte sie.
„Zum Beispiel, liebe Male?"
„Zum Beispiel Soya und Tomatenextrakt zu den Suppen und Saueen, die bekommen dann erst die seine Kraft — auch Fleisch-Pepton sehe ich nicht, ist unentbehrlich in der Küche wie Salz —"
„Hier ist Liebigs Fleisch-Extrakt, liebe Male."
„Das versteht sich von selbst, gnädige Frau," kam es mitleidig heraus, „aber Pepton muß auch sein. Ist denn kein Kochwein da?"
„Kochwein?" fragte ich.
„Natürlich, gnädige Frau, Madeira, Burgunder, Mosel — ich war mal kurze Zeit wo, da nahm man Essig und Kognak zur Ox-tail-Suppe — natürlich blieb ich nicht — Sind Sie schon mit dem Menn für morgen einig, gnädige Frau?"
Menu! O du mein Himmel! Erbsensuppe sollte es geben mit Bröckchen, dann gebratene Leber — es kam mir plötzlich wirklich ärmlich vor. Deshalb begann ich: „Erbsensuppe mit Croutons, Kalbsleber mit Kartoffelpüree und Salaten — "
„Natürlich fiehnerbs," schaltete sie ein.
»Ja, ja, gewiß, anx fines herbes," bejahte ich — „dann etwas Süßes, vielleicht eine Omelette —"
„Ei," riefen die Kinder, die mir nachgekommen waren, „Omelettes mitten in der Woche — fein!"
„Das ißt der JUnker wohl gern?" fragte Male herabs- lassend.
„Junker?" lachte Otto. „Mama, warum sagt sie Junker?"
Sie antwortete statt meiner: „So nennt man die kleinen Knaben ja immer in altadeligen Häusern." Wie um Entschuldigung bittend, fügte sie hinzu: „Ich bin eigentlich fast nie in bürgerlichen gewesen.-"
Fast genierte ich mich in dem Augenblicke, daß wir nicht ein bißchen adelig sind. Bis dahin hatte ich den Mangel gar nicht so sehr empfunden.
Am anderen Morgen trat ich in das Speisezimmer, als sie noch mit Aufräumen beschäftigt war. Auf den Flügel warf sie bitterböse Blicke.
„Der gehört doch ins Musikzimmer," brummte sie.
Mit meinem Mann hatte sie es gleich verdorben, denn! die „Pflaumenweichen" kamen „steinhart" auf den Tisch'.
„Bewahre, nein, so etwas einfaches mache ich immer nach Gutdünken."
„Wir werden Sonntag ein Mittagessen haben, Male," sagte ich nachher in der Küche zu ihr.
„So, so, ein Diner," verbesserte sie.
Zur Vorsicht fragte ich doch uoch mal, ob sie fünf bis sechs Gänge übernehmen könnte.
„Gnädige Frau," antwortete sie, halb gleichgiliig, halb! anmaßend, „mein Ruhm steht fest bis zu Oberprüsidents; ich fühle mich nicht beleidigt, wenn Sie es mir nicht an- vertrauen, natürlich Hilfsköchin will ich nicht spielen."
Wir besprachen darauf das Menu — nichts war ihr zu kostspielig.
Später ging ich noch einmal in die Küche; ich wollte gern sehen, wie eine „Perfekte" die Omeletten macht, auch die fines herbes interessierten mich.
Sie pflanzte sich breit vor dem Küchentisch auf und wehrte mir das Beobachten.
„Ich liebe das nicht in meiner Küche," sagte sie mit rnalitiösem Tonfall.
Betrübt ging ich hinaus, denn es ivar mir, als ob ich meine Kochkursns-FÜnsionen begraben hätte.
Unser Mittagessen kam am ersten Tage eine halbe Stunde später auf den Tisch als gewöhnlich. Endlich war die Terrine erschienen.
Ich hob den Deckel — o weh — denn ich merkte es sogleich und die anderen einen Augenblick später: die Erbsensuppe war angebrannt, dafür fehlten aber auch die besprochenen Croutons; die hatte Male einfach vergessen.
Mann und Kinder sahen mich mitleidig an.
Einer Vision gleich tauchte der hilfreiche Dienstmann von der Ecke auf.
„Ja, ich bin es eben anders gewöhnt," meinte sie —i „so die simple Hausmannskost."
Ach, nun liegt mir das Diner am Sonntag furchtbar in den Gliedern.


