Rejsebriefe.

Vvn Tr. A. Z.

(Originalbeiträge derGieß. Fam.-Bl.")

I. Bremerhaven.

Es ist an und für sich schon nicht angenehm, wenn sich ein | Vorabend großer Ereignisse über 5 X 24 Stunden ausdehnt. Zur I wahren Strafe wird dies aber, wenn ein schlimmes Geschick einen 1 dazu verurteilt, diese Zeit der Erwartung an einem von allen I guten Göttern so verlassenen Platz in Bremerhaven zuzubringen, I Eine Stadt kann eintönig, langweilig, stumpfsinnig sein, so ist i das eben ihr und des Besuchers Pech, und man muß sich ohne I Groll darein finden. Wenn aber ein Ortt das Zeug dazu hat, ! interessant zu sein und Interessantes zu bieten, und trotzdem zu | den denkbar ödesten gehört, so darf man sich darüber, glaube ich, I wirklich berechtigt nltcrieren, und man wird es mir verzeihen, wenn ich mir meinen während 5 totester Tage aufgcstapelten Groll vom Herzen schreibe und den Leser bitte, mich auf einem Gang durch die Stadt des Grauens zu begleiten.

Wie viel Schönes und wie viel für den Binnenländer Neues und Interessantes bietet doch im allgemeinen eine Hafenstadt., Ans mich und ich glaube, ich stehe damit nicht vereinzelt hat schon das Wasser allein, nnd sei es nur ein größerer Fluß, eine ganz eigenartige, belebende Wirkung. Es ist, als lockten die nimmer ruhenden Wellen Gedanken aus Gedanken hervor; und gesellt sich dazu noch das rastlose Treiben eines belebten Hafens, so überkommt einen eine Art erwartungsfroher, neu­gieriger Unruhe, gerade als würfe der Hoffnungsschimmer, der den Auswanderer, den Abenteuerer in weiter Ferne lockt, einen schwachen Abglanz auf die Seele des friedlich und artig seßhaften Europäers. Wie überwältigte mich der erste Anblick von Ham- burg, welches liebe Erinnern an Stunden reichen Genießens knüpft sich Mir an die Quais von Antwerpen, ja, wie oft und wie gern sog ich mir die Nase voll Teerduft an den Ufern der Spree!

Und Bremerhafen, die Stadt der Wesermündung, der zweit­größte Hafen Deutschlands? Man könnte meinen, man habe | hier jegliche Poesie mit Ktzulen todgeschlagen und jede Erschei­nung verbannt, die an den maritimen Charakter der Stadt erinnern könnte. Wenn man die Haupt- und Staatsgasse mit dem langatmigen NamenBürgermeister-Smidt-Straße" entlang geht, so könnte man sich ebensogut in Offenbach, Mühlheini oder Chem­nitz wähnen. (Ich bitte die genannten Städte wegen des Ver­gleiches um Verzeihung.) Nirgends etwas irgend rein Typisches oder Charakteristisches. Abgesehen von einigen Schaufensteraus­lagen und hier, und da einen Llohdoffizier in Uniform, nichts, was den nahen Hafen ahnen läßt; die Leute, denen man begegnet, können ebensogut Arbeiter, Kommis, Beamte usw. sein, denollen ehrlichen Seemann" mag man getrost mit der Laterne suchen.

Die drei bandwurmartig aneinander gereihten Schwesterstädte Geestemünde, Lehe und Bremerhaven zählen zusammen etwa 80 000 .Einwohner, aber gegenseitige Eifersüchtelei lassen sie die Vor­teile eines großen Gemeinwesens nicht genießen, und so werben sie wohl noch lange statt eine Groß- oder wenigstens Mittelstadt zu werden, drei dürfen bleiben. Statt eines guten Theaters gibt es drei Bühnen im Stil unseres ehrwürdigen Stadttheaters von vor 15 Jahren, statt in einem guten, spielt man in etwa einem Dutzend drittklassiger Varietes. Im Januar hörte ich ein sonst nicht übles Symphoniekonzert, mit der Erika Wede­kind als Gast, in einem Raum, dem gegenüber das, alte Gießener Klubhaus ein Palast zu neunen ist. Sollten sich einige Mitglieder desSaalbauvereins" seeligen Angedenkens noch immer nicht beruhigt haben, sv hätten sie hier sicher ihren Seelenfrieden wiedersinden können.

Willst du zum Hafen, dann fasse dich in Geduld, wandere. Etwa alle halbe Stunde fährt ein elektrischer Motorwagen, nnd wenn du Glück hast, bringt er dich bis ans gewünschte Ziel. Zuweilen wirst du freilich auch weniger glücklich feilt,_ an der letzten Kürve entgleisen nnd noch einige Schritte zu Fuß lausen zu müssen. Steht man nun endlich am Ziel, so ist der erste Ein­druck: Schmutz, Schmutz und noch einmal Schmutz. Die,Haien­anlage soll technisch eine der interessantesten sein, aber tür den durch keinerlei Fachkenntnis getrübten und nur nach asthetMen Gesichtspunkten urteilenden Laieiiverstand bringt sie eine einzige große Enttäuschung. Eng nnd gradlinig reiht sich Banin an Bassin, schmutzig und trage stagniert darin das Walser, nirgends

Deutschen Reich, das ihm zunächst eine halbe Million zur Verfügung stellte..

Die Erfolge, die dieses dritte Luftschiff im letzten Herbst errungen bat, sind noch in Erinnerung, und die jüngste Rekordfahrt des Modelles 4 bildet gegenwärtig das Tages­gespräch. Seitdem der Reichstag im Februar dieses Jahres dem Erfinder endlich Geldmittel zugesagt hat, die ihm seine Arbeit und Geldopser ersetzen sollen, bleibt nichts weiter übrig, als die 24stündige Fahrt abzuwarten, die als Probe ausgeführt werden soll. Wenn diese gelungen sein wird, kann Graf Zeppelin uns mit Recht Goethes Worte zurufen:

Von hier und heute geht eine neue Epoche der Welt­geschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.

ein freier, großzügiger Ausblick; man erhält die Eindrücke ge­wissermaßen nur in homöopatischer Dosis und gelaugt so nun zu dem Genuß eines abgeschlossenen, harmonischen Ganzen.

Die Bremerhavener sind übrigens zum großen Teil von den mangelnden Vorzügen ihrer Stadt vollkommen überzeugt. Nur die Weiblichkeit scheint sich dort recht wohl zu befinden. Geradezu beängstigend viele kleine nnd große Mädchen laufen des Abends unermüdlich dieBüger" auf und ab, gehen mit stets dem gleichen Vergnügen jeden Donnerstag in denEnglischen Garten", jeden Sonntag nachSpeckenbüttel". Ich vermute wohl nicht mit Unrecht, die Abwechslung liegt für sie in dem kaleidoskopisch wechselnden Bild der Herrenwelt. Fast alles fährt ja hier zur See, und wenn die Schöne heute von einem Ostasienfahrer rühren­den Abschied genommen hat, so ist vielleicht inzwischen von Amerika schon Ersatz eingetroffen, der aber auch nach spätestens 8 Tagen! wieder Ablösung erfordern wird. Der Begriff der, cseemanns- treue wird hier auch auf die Treue ausgedehnt, die man dem Seemann hält resp. nicht hält. Wären sie doch wenigstens auch allezu schön, um treu zu sein", dann gliche Bremerhaven einem Paradies, nnd ich hätte weniger gewettert, weil ich 5 Tage warten mußte, bis dieErlangen", die mich nach Brasilien bringen soll, sich von einem Ruderbruch erholt hatte.

Endlich, am 31., sind wir reifefertig. Die Sonne, die nch auch nicht gern über Bremerhaven aufhält, bleibt schon seit 2 Tagen unsichtbar, Regen- und Hagelschaner wechseln in ununterbrochener Folge nnd man wüiischt sich lebhaft um einige 30 Breitengrade südlicher. Träge keucht der Passagierzug heran, nnd wie stets sieht inan nicht ohne Spannnng den Menschen entgegen, mit denen man 4 Wochen lang in engster Gemeinschaft Haufen soll. Jetzt kommen sie das Fallreep hoch: einige altgereiste Brasilianer, die eine so gleichgültige Miene aufsetzten, als stiegen sie ut einen Vorortzug. Andere erscheinen mit einem Schwarm von Ange­hörigen. sie reifen zum erstenmal, die Fahrt ist noch ein Er­eignis, das weibliche Element prädominiert.

Hier nehmen mit fröhlichem Wortschwall zwei junge Damen von vier Tanten Abschied, dort entläßt tränenden Anges eine besorgte Mutter ihre beiden, zu den Großeltern nach Rio reifen­den Zwillingstöchter, der Papa bittet unterdeß den Kapitan wohl zum zehnten Male, seine beiden Lieblinge unter ganz blondere Obhut zu nehmen. . ,' .

Endlich ist alles verstaut. Wir können grabe noch sthen, wie derKronprinz" sich an den Schleusenmauern feme Schrauben­flügel wund schlägt, und dann bringt man uns endlich am, dem Hasen. Das kalte deutsche Vaterland entläßt uns mit ewigem Hagelwetter, und ein steifer Südwest sorgt dafür, daß nach kurzer Zeit ein Passagier nach deM andern zu mehr oder weniger geräuschvoller Andacht in seinem Kämmerlein verschwindet.

* Das allergrößte Gebäude der 3® e 11 Ans Newport wird uns berichtet,: Gegenüber bemgrößten" Gebäude der Welt, dem Siilger-Building, wird letzt das allergrößte" entstehen, das neue Geschäftshaus der Eqm- table-Lebensversicherung, dessen Pläne abgeschlossen sind. Der gewaltige Wolkenkratzer wird mcht weniger als 62 Stock­werke umsasseii und eine Höhe von 909 Fuß erreichen, also 300 Fuß mehr als das Singer-Butlding. Die Baukosten sind au 40 Millionen angesetzt, die Fassade wird aus Grämt und Backstein gebildet mit großen verzierenden Terrakotta- streifen. Die Architekten halben sich fiir den Renaissancestil entschlossen und einen reichen Schmuck von dorischen und korinthischen Pilastern vorgesehen Nicht weniger, als 38 Personenanfzüge werden den Verkehr fischen den einzelnen Stockwerken vermitteln. Dieser neueste Wölkentpatzei. er­reicht also bis auf wenige Meter die Hohe des Eifseltiiims, der höchsten Konstrnktion der neuen Zeit. .

* Verkannt. Herr Professor Steinhuber, ein eifriger Geologe, verlebt seine Sommerferien m einem Gebirgs­dorfe, in dessen Näbe ein großer Bergsturz stattgesunden hat. Er verbringt seine Zeit damit, die Gesteinstrummer nach Fossilien zu durchforschen und ist dabei imt der Schutzmarke und Schlaghaniiner vorschriftsmäßig ausgerüstet. Unter den vielen Touristen, die die Stelle besuchen, kommt ernes Z.ages auch ein biederer Bäckermeister aus einer Stadt, ut der­ber Professor früher als Gymnasiallehrer gewirit hat. Er schaut dem alten Herrn, den er sofort erkennt, eine Werte zu, greift dann in die Tasche, drückt dem erstaunten Ge­lehrten einen Taler in die Hand und sagt, mitleidig den Kopf schüttelnd:Soweit also ist es mit Jhna gekommen Erst Professor und dann Steinktopfer! Da, kaufen S sich ein gutes Mittagessen dafür!"

' * Mas Kinder wissen wollen. Ern englisches Journal, welches eure Beilage für die Kinderwelt hat, for­derte jüngst die Kleinen auf, sich an das Blatt zu wenden, wenn sie etwas wissen möchten. Von dieser Aufforderung | machten die Kleinen den ausgiebigsten Gebrauch, doch bald